"Noch Zeit lassen mit dem Neuwagen"

Autoexperte Stefan Bratzel über schwierige Kaufentscheidungen in Zeiten von drohenden Fahrverboten und Dieselkrise

Fast täglich gibt es derzeit schlechte Nachrichten für Dieselfahrer. Auch in Sachsen wächst die Unsicherheit bei Besitzern von älteren Selbstzündern. Welche Alternativen gibt es für Betroffene? Oder ist das Warten auf Nachrüstlösungen die bessere Idee? Andreas Rentsch sprach dazu mit dem Automobilexperten Stefan Bratzel.

"Freie Presse": Professor Bratzel, ich fahre ein fast sechs Jahre altes Auto mit der Abgasnorm Euro 5. Sollte ich das so schnell wie möglich abstoßen und mir ein neues zulegen?

Stefan Bratzel: Keine einfache Frage. Es hängt von verschiedenen Punkten ab. Einer davon ist, ob Sie von Fahrverboten betroffen sind.

In Chemnitz und Dresden gibt es noch keine Umweltzone, allerdings eine in Leipzig. Von drohenden Fahrverboten habe ich hier wie da noch nichts gehört. Aber ich fahre mit dem Wagen auch mal nach Berlin, Stuttgart oder ins Ruhrgebiet. Ich befürchte, bald werde ich das Auto nicht mehr so nutzen können wie gewohnt.

Richtig. So trifft es derzeit viele. Man muss abwägen: Handele ich jetzt, wenn ich das Auto nicht täglich brauche, sondern die fraglichen Ziele nur ab und zu ansteuere? Ich persönlich würde nicht zu schnellen Reaktionen neigen. Vielleicht kann man sich ja für diese Investitionsentscheidung noch ein bisschen Zeit lassen. Womöglich könnte sich das eine oder andere in einigen Jahren normalisieren. Diese Chance besteht insbesondere dann, wenn es Hardwarenachrüstungen für Diesel geben sollte, die dann sogar noch bezahlt werden.

Diese Nachrüstung würde ich unter diesen Vorzeichen wohl machen lassen. Was ist aber mit dem Thema Restwert?

Die Frage ist, ob der Restwert noch weiter sinkt. Wenn man damit rechnet, dass die Preise um weitere zehn bis 20 Prozent sinken, dann wäre ein möglichst zeitnaher Verkauf angebracht. Es gibt hier keine einfachen Antworten. Wie gesagt: Die Nachrüstung von Abgasreinigungssystemen wäre eine Option - wenn die Hersteller das bezahlen. Es gibt bestimmte Anzeichen, dass das Verkehrsministerium Druck macht, als Größenordnung werden 3000 Euro genannt. Das gilt aber auch nicht für alle Hersteller. Das wäre also eine Möglichkeit für betroffene Halter, ihr Auto fit zu machen, um in von Fahrverboten betroffenen Umweltzonen fahren zu können.

Und die andere Möglichkeit - der Neuwagenkauf?

Wenn man ohnehin bald ein neues Auto braucht, könnte man versuchen, beim Kauf einen guten Hersteller-Rabatt mitzunehmen. Hier muss man aber sehr genau schauen. Nicht alle Rabatte sind konkurrenzlos. Ebenfalls wichtig: Wie viel Geld kriegt man für seinen Gebrauchten? Wird nach Schwacke-Liste eingetauscht? Oder sagt der Händler: Sie kriegen ja schon hohe Rabatte, da können wir Ihnen für Ihren alten Diesel nicht mehr so viel geben.

Gehen wir einen Schritt weiter. Wenn es ein Neuwagen sein soll, muss sich der Kunde noch entscheiden, ob er wieder einen Diesel, einen Benziner oder ein Auto mit alternativem Antrieb kauft. Die Zulassungszahlen zeigen einen Trend zum Benziner.

Das stimmt, und zwar deutlich. Grundsätzlich sollte ein Auto mit Benzinmotor der neuesten Abgasnorm entsprechen und einen Partikelfilter haben. Zwar kostet eine Nachrüstung nicht viel, aber Fahrzeuge ohne Filter werden sicherlich in ein paar Jahren im Wert fallen.

Manche Wissenschaftler kritisieren filterlose Benziner - zumindest beim Feinstaubausstoß - als größere Dreckschleudern als Diesel. Womöglich sind Benziner auch irgendwann von Fahrverboten betroffen. Wieso lassen sich die Käufer von diesem Szenario nicht schrecken?

Weil es derzeit nicht groß in der öffentlichen Diskussion ist. Wenn das anders wäre - und Feinstaub ist aus meiner Sicht das größere Problem als die Stickoxid-Thematik - wären viele ein bisschen vorsichtiger.

Wie berechtigt ist die Sorge vor Fahrverboten für Benziner ohne Partikelfilter?

Mit so etwas würde ich nicht in den nächsten drei, vier Jahren rechnen. Vorsichtig wäre ich eher wegen der zu erwartenden Wertverluste.

Was wäre Ihr Rat, wenn es partout wieder ein Diesel sein soll?

Nur ein Auto kaufen, das der neuesten Norm Euro 6D-Temp entspricht. Längerfristig könnte auch Euro 6 in Verruf geraten, weil die Autos mit dieser Norm nicht unter Normalbedingungen auf der Straße gemessen worden sind. So gibt es ältere Euro-6-Autos, die real mehr Stickoxide ausstoßen als Euro-5-Modelle. Im Moment sind sie von Fahrverboten noch ausgenommen.

Nächste Variante: reine Elektroautos oder Plug-in-Hybride.

Wer vor allem regional unterwegs ist oder einen Zweitwagen braucht, sollte E-Autos in den Blick nehmen. Für die zahlt man im Moment noch richtig gut Geld, es gibt aber auch Hersteller, die Rabatte bieten. Jedoch muss man bei den meisten Anbietern wegen der hohen Nachfrage eine Weile bis zur Auslieferung warten. Auch Plug-in-Hybride sind nur beschränkt sinnvoll, wenn man regelmäßig längere Strecken fährt. Bei einer Mischnutzung, also gelegentlichen längeren Fahrten und einem täglichen, 30 bis 40 Kilometer langen Arbeitsweg in die Stadt, könnte sich ein solcher Antrieb dagegen rentieren.

Bleiben wir bei den reinen Elektroautos. Gegen die gibt es ja - abgesehen vom Preis - auch noch andere Argumente. Die meistgehörten: Reichweite und Ladein-frastruktur.

Es sind schon ein paar Voraussetzungen, die da sein müssen. Etwa, daheim zu laden. So machen es derzeit die meisten Elektroautobesitzer.

Da wäre ich als Mieter in einem Mehrfamilienhaus ausgeschlossen. Ich kann schwerlich ein Kabel vom ersten Stock über den Gehweg zum Auto legen, das am Straßenrand parkt.

So ist es. Hier muss es Gesetzesänderungen geben, dass der Neubau entsprechender Infrastruktur nicht so leicht verhindert werden kann, wie es derzeit oft der Fall ist.

Über Autos mit Gasantrieb haben wir noch nicht gesprochen. Für wen eignen die sich?

Gasantriebe sind ein Phänomen, weil sie deutlich günstiger sind und sich für viele eignen, die sparsam fahren wollen. Dazu kommt ein im Vergleich mit Benzinern niedrigerer CO2-Ausstoß. Aufgrund von Steuererleichterungen, die bei Autogas bis 2022 und für Erdgas noch länger gelten, haben Sie hier preisliche Vorteile und jahrelang Sicherheit. Das Ganze rentiert sich schon ab etwa 15.000 bis 20.000 Kilometern. Dazu kommt, dass Autos mit Gasantrieb noch viele Jahre von Fahrverboten ausgenommen werden.

Ihr Fazit? Wohl dem, der heute ohne eigenes Auto auskommt?

Der hat zumindest diese Unsicherheit nicht. Viele werden ihr Auto aber weiterhin brauchen.

Stefan Bratzel

Der Auto-Experte ist Gründer und Direktor des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch-Gladbach bei Köln.

Der 51-Jährige ist studierter Politikwissenschaftler (Freie Universität Berlin). Seine Dissertation schrieb er zu "Erfolgsbedingungen von umweltorientierter Verkehrspolitik".

Privat ist Bratzel selbst von der Dieselkrise und Fahrverboten betroffen: Er fährt einen Selbstzünder mit Euro-5-Abgasnorm. (rnw)

Telefonforum

Fragen zum Autokauf? Euro-Normen, Filternachrüstung, Aufladen von E-Autos: Wenn Sie Fragen rund um Autos mit Verbrennungsmotor oder Batterieantrieb haben, können Sie diese am Donnerstag (29.11.) von 14 bis 16 Uhr an folgende Experten stellen:

Thomas Kubin, Technikexperte vom ADAC Sachsen Telefon: 0351 48642805

Ulrich Große, Hauptgeschäftsführer beim LV des Kfz-Gewerbes Telefon: 0351 48642806

Matthias Bär, E-Auto-Pionier, Citysax Mobility GmbH Telefon: 0351 48642807
 

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4Kommentare
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  • 2
    2
    Einspruch
    25.11.2018

    Die Umwelthilfe ist wohl von der Autoindustrie gekauft, um fleißig zu klagen, damit neue Autos verhökert werden?
    Vielleicht sollten wir wieder auf Leiterwagen und Esel umsteigen.

  • 4
    0
    Zeitungss
    24.11.2018

    Über Millionen Ölheizungen redet kein Mensch, wenn eine Müllanlage in recht regelmäßigen Abständen (Schneidenbach) die Umwelt in Mitleidenschaft zieht, interessiert das keinen Mensch, die Anwohner haben schließlich Abwechslung.
    Es wird nicht einmal Gedanken gemacht, wer dafür aufkommt. Die Versicherung nicht, es gibt keine und mit der Verantwortung will auch keiner was wissen. Ich fürchte, der Müllkunde käme in Frage, der hat es ja auch verursacht, selbige sollten nun einmal aufwachen.

  • 6
    1
    vomdorf
    24.11.2018

    Ich habe neulich gelesen, dass eine Kerze in der Wohnung, wenn sie brennt, mehr Stickoxide usw. freisetzt, als der zulässige Grenzwert für den Straßenverkehr es erlaubt.
    Wir werden alle sterben!

  • 8
    1
    saxon1965
    24.11.2018

    Es gibt beim Thema Feinstaub und Stickoxide so viele Widersprüche und Ungereimtheiten, dass man dieses Thema, wenn es nicht so erst für die Betroffenen wäre, nicht mehr ernst nehmen kann.
    - Grenzwerte, die anmuten willkürlich festgelegt worden zu sein.
    - Messstationen direkt am Auspuff und Überschreitungen bei den Messwerten, auch wenn es gar keinen Autoverkehr gab.
    - Eine kriminelle Autoindustrie und eine unfähige (willenlose) Politik.
    ...

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