20-Meter-Sturz im Elbsandstein: Wahn und Sinn

Für Robert Leistner änderte sich nach dem Sturz viel - Jetzt sucht der Sachse neue Nervenkitzel. An den höchsten Bergen der Welt sorgt derweil ein Nepalese für Furore.

Etwas Wahnsinn ist dabei, wenn sich Extremkletterer an schwierigste Routen wagen. Der Dresdner Robert Leistner war sich des Wahns und Sinns bewusst, als er eine der schwersten Routen der Sächsischen Schweiz kletterte, eine Schwierigkeit XIIa. Warum der 37-jährige Ex-Chemnitzer die "Vertreibung der letzten Idealisten" am Nonnengärtner so nannte und seinen Auftritt beim Bergsichtenfestival "Wahn-Sinn" nennt, erzählt er im Interview mit der "Freien Presse".

Freie Presse: Ein Absturz im Elbsandstein hat Ihr Leben verändert. Was war passiert?

Robert Leistner: Bis Herbst 2004 war es mein Ziel, die gefährlichsten Routen in der Sächsischen Schweiz zu klettern. Ich galt als sehr furchtlos. Aber ich beherrschte nicht jede Technik gleich gut, hatte Defizite beim Rissklettern, habe dennoch den Schwager-Talweg probiert, ein Nonplusultra im Rissklettern. Kurz vor dem zweiten Ring verließ mich die Kraft, ich rutschte ab und stürzte 20 Meter. Mit angezogenen Beinen prallte ich wie eine Abrissbirne gegen den Fels. Dann streckte ich die Beine und stand. Ein halber Meter entschied da über Leben und Tod.

Das brachte Sie zum Grübeln?

Ja. Die Sucht nach Gefahr hatte mich glücklich gemacht. Ich bin da nicht allein. Es gibt viele Sachsen, die süchtig nach diesem gefährlichen Nervenkitzel sind, bei denen es bisher gut ging. Oder die ihre Erlebnisse nicht ausreichend gut gedeutet haben, die immer weitermachen. Bei mir endete die Sucht nach diesen grenzwertigen Situationen.

Was dachten Sie da im Fallen?

Es war wie ein Blackout, ich weiß nur noch, wie ich abrutschte und dann auf der Wiese lag. Ich soll krass geschrien haben. Mein Bruder machte sogar ein Foto beim Sturz, so besitze ich eine Erinnerung an einen entscheidenden Moment in meinem Leben. Von da an habe ich jedes Mal hinterfragt, ob es wert ist, einen bestimmten Ring anzuklettern. Oder verzichte ich auf eine Route, weil es vielleicht wichtigere Dinge gibt, als sein Leben an einem schweren Sächsische-Schweiz-Klassiker zu riskieren? Ich konzentrierte mich stattdessen auf Erstbegehungen. Dabei spürte ich ähnliche Gefühle wie in den wilden Jahren.

Wie muss man sich das vorstellen?

Es ist eine grenzwertige Auseinandersetzung körperlicher und psychischer Fähigkeiten. Man braucht enorme Motivation, sich zu trauen, in schwere Wände einzusteigen. Fast überheblich muss man sagen: Das schaffe ich, selbst wenn es noch keinem gelungen war. Manchmal sagten Freunde: "Das geht nicht." Dann dachte ich: "Aber ich mache das, ich kann das." Oft genug gelang es.

Gilt Überheblichkeit nicht als negative Eigenschaft?

Ja, sie ist negativ geprägt in unserer Gesellschaft. Aber sie führt dazu, dass Neues entsteht.

Was lockte Sie überhaupt zum Klettern?

Felswände machten mir schon als Kind Spaß. Ich wollte schwere Situationen meistern. Ich bin mit meinem Bruder und zwei Cousins an Felsen im Erzgebirge frei rumgeklettert. Die Eltern in Chemnitz konnten das irgendwann nicht mehr sehen, schenkten uns einen Kletterkurs in der Sächsischen Schweiz und die Ausrüstung dazu. Mit 15 Jahren kam ich relativ spät zum Klettern, war aber Judoka und Enduro sowie Fahrrad gefahren. Davon bekam ich einen relativ strammen Oberkörper, ich konnte mich gut nach oben ziehen und habe mit 1,92 Metern eine ordentliche Arm-spannweite. Nach dem Kurs trainierte ich viel und machte rasante Fortschritte.

Haben Sie sich dabei an jemanden orientiert?

Nein. Das Gute am Klettern ist, dass man sich individuelle Ziele setzen kann. Nach meiner ersten VIIIa fühlte ich mich schon als Held, erlebte positive, besondere Emotionen. Wettkämpfe waren kein Thema, wir wollten eine X in der Sächsischen Schweiz klettern. Dann lernten wir, wie man vorsteigt, Knoten legt, sind losgezogen als die "Gebrüder Leistner" und setzten jedes Wochenende unser Leben aufs Spiel. Mit jetzigem Wissen war es kreuzgefährlich, was wir gemacht haben.

Inzwischen gelten Sie als einer, der die schwerste Route in der Sächsischen Schweiz geklettert ist.

Das würde ich so nicht sagen. Auch andere wie Markus Hoppe sind sehr schwere Routen geklettert. Auf jeden Fall ist meine Route "Vertreibung der letzten Idealisten" dokumentiert, regelkonform, von unten bis oben erstbegangen und Rotpunkt von mir geklettert worden, also ohne Hilfsmittel. Es gibt keine Nachweise, dass ähnliches schon mal in dieser Schwierigkeit gemacht wurde. Bisher passierte vieles sehr verschwiegen, deshalb wurde wohl meine Route so betitelt.

Wie kamen Sie auf den ungewöhnlichen Namen für die Tour?

Für mich ist Feuer in der Boofe ein Ideal, wie man lebt - in der Natur, in Höhlen, kletternd. Früher sind wir nach der Arbeit am Freitag raus ins Elbsandstein in unser Wohnzimmer, unsere Zweitwohnung, eigentlich in die Hauptwohnung, in die Boofe. Feuer gehörte dazu. Das wurde Anfang der 2000er-Jahre im Nationalpark verboten, was wir uns nicht verbieten lassen wollten. 2005 kam mal nachts ein Ranger zum Boofe-Feuer, es war eine nette Begegnung, und doch meldete er unsere Namen, wir mussten eine hohe Strafe zahlen. Aber es fühlte sich nicht an wie eine Regelmissachtung, sondern eher als ob jemand in unser Haus gekommen wäre und erklärte, was wir in unserem Wohnzimmer zu machen hätten. Unsere Idealvorstellung vom Leben war wie zerstört. Wir fühlten uns wie Vertriebene.

Die Sächsische Schweiz hat eigene Kletterregeln. Halten Sie sich dran?

Ja. Mir gefallen die traditionellen Werte. Aber ich bin nicht engstirnig wie die, die Ringe illegal entfernen. Ich habe gelernt, mich in andere Denkweisen hineinzuversetzen, bin für eine Modernisierung, denke da wie Bernd Arnold. Wir sind uns sehr ähnlich, haben klare Idealvorstellungen, können verbiestert auf ein Ziel hinarbeiten, sind aber offen für neue Ideen. Die Tradition kann nur fortbestehen, wenn man lernt, auch anderes zu akzeptieren. Ein Regelwerk muss flexibel bleiben und sich an die Gegebenheiten anpassen, ohne die wichtigsten erhaltenswerten Werte zu verlieren.

Dieses Jahr wirkte auch die Sächsische Schweiz gefährlicher als sonst.

Als ich um 2000 anfing zu klettern, hatte ich das Gefühl, dass es mehr Kletterer gab, die sich sehr gut auskannten in der Sächsischen Schweiz. Die kletterten an den heroischen Gipfeln der Schrammsteine, Affensteine, in Schmilka, also dort, wo man Erfahrungen im sächsischen Klettern braucht. Aber die Zahl der Leute, die dort klettern, die ist deutlich gesunken. Kletterer, die Vorbild sein können, die lehren können, die werden geringer. Dafür trauen sich mehr raus, die sich verwirklichen wollen. Also wird es mehr Leute geben, die weniger Erfahrungen haben. Andererseits kamen Kletterer ums Leben, die viel Erfahrung hatten. Und es gab Unglücke durch Griff- und Schlingenausbrüche. Vielleicht ist der Fels auch maroder als früher. Womöglich fehlen auch Vorreiter, Ausbilder. Ich spüre einen deutlichen Rückgang in der Szene!

Sie klettern in aller Welt. Was trieb Sie nach Sibirien?

Ein Österreicher fragte mich, ob ich Lust hätte, mich an verrücken Klettergipfeln zu versuchen. Red Bull sponserte die Tour, eine Russin kletterte auch mit. Ich war überrascht von den tausenden unbestiegenen Gipfeln in Jakutien. Über ein besonderes Erlebnis dort werde ich beim Dresdner Bergsichten-Filmfestival berichten. Wir kletterten dort wie vor 100 Jahren in Sachsen.

Sie halten im November bei den Bergsichten einen der Hauptvorträge. Haben Sie eine Botschaft?

Jeder hat eine besondere Motivation, klettern zu gehen. Es ist wohl eine Sucht, selbst gesteckte Ziele zu meistern, trotz aller Unsicherheiten. Sachsen können das besonders nachvollziehen. Es ist ein Wahn dabei, der einen in die falsche Richtung bringen kann. Ich erzähle über meinen Wahn, in welche Situation der mich gebracht hat in vielen Teilen der Welt. Und über die vielen Spielarten des Kletterns, die ich liebe und die alle ihre Berechtigung haben. Und dass ich mir wünsche, dass wir in Sachsen für die Spielart des anderen mehr Akzeptanz bekommen. Üben wir uns doch darin, das andere schön zu finden. So können wir eine starke Gemeinschaft werden, die sehr wertvoll für das sächsische Klettern wäre!

www.bergsichten.de

Zur Person

Robert Leistner wurde am 12. August 1982 in Karl-Marx-Stadt geboren. Bereits im Kindesalter begann er zu klettern. Aktuell gehört der gelernte Physiotherapeut, der in Dresden wohnt, zu den besten sächsischen Kletterern und Boulderern. Leistner, der sich gern auch als Routenschrauber betätigt, betreibt in Dresden die Boulderhalle Mandala.

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