Bei 40 Grad einen Schal im Gepäck

Das WM-Stadion in Doha kann stark heruntergekühlt werden. Ungeteilte Zustimmung findet das nicht. Klimatechnisch lauern die Gefahren für die Athleten aber woanders.

Doha.

Christina Schwanitz ahnt, was in Doha auf sie zukommt. "Ich packe auf jeden Fall die Herbst-Winterkollektion und einen Schal mit ein. Denn gefühlt kühlen sie alles auf 5 Grad herunter", sagte die Kugelstoß-Weltmeisterin von 2015 im Vorfeld der WM. Was zunächst wie ein Scherz klingt, angesichts von Tageshöchsttemperaturen von über 40 Grad Celsius in der Hauptstadt Katars, ist keiner. Denn nicht umsonst wird das Khalifa-Stadion als "größter Kühlschrank" der Welt bezeichnet.

5 Grad sind zwar doch etwas wenig, aber dank eines riesigen Kühlsystems wird die Temperatur in der 40.000 Zuschauer fassenden offenen Arena auf bis zu 26 Grad Celsius gesenkt. Etwa 500 Düsen blasen auf drei Ebenen die heruntergekühlte Luft ins Innere der Schüssel, in der im April die Asienmeisterschaften als Testlauf stattfanden. Eine Dachkonstruktion, die 70 Prozent des modernen Stadions überdeckt, soll den Kühleffekt unterstützen.

So weit, so gut oder auch so schlecht - vor allem auch aus ökologischer Sicht. Die Klimaanlage wird laut den Kataris zwar zu einem Großteil durch erneuerbare Energie wie Solarzellen betrieben. Dennoch ist der Aufwand zweifellos groß: Die Deutsche Malaika Mihambo, Favoritin im Weitsprung und Studentin der Umweltwissenschaften, will über ihren ökologischen Fußabdruck während der WM lieber "nicht nachdenken, denn da gibt's keine Lösung - außer man hinterfragt das ganze Leben". Und die Europameisterin fügt an: "Man könnte das Stadion auch weniger heruntertemperieren, dann würde man weniger Energie verbrauchen."

Für die Athleten selbst sind allerdings weniger die 26 Grad Celsius eine Gefahr. Das Risiko, sich eine Erkältung oder eine Blockierung durch Zugluft einzuhandeln, lauert woanders. "Ich habe kein großes Problem in der Wärme zu laufen. Aber bei dem Hin und Her zwischen Klimaanlagen im Hotel oder in den Bussen und der Hitze draußen, muss man mächtig aufpassen, dass man das richtig managt", weiß der Chemnitzer Viertelmeiler Marvin Schlegel. Mit draußen meint der 21-Jährige in erster Linie die Trainings- und Aufwärmplätze, wo es sicher heiß hergehen wird.

Auch bei den Olympischen Spielen im nächsten Jahr ist mit ähnlich hohen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit zu rechnen. Der Leichtathletik-Weltverband IAAF plant daher einen Hitzekongress mit Blick auf Tokio und hat eine Studie in Auftrag gegeben: Dabei geht es um eine neue Methode, wie der Zustand des Athleten kontrolliert werden kann - mit einer Art elektronische Hitze-Pille mit Chip, die geschluckt wird. "Es ist eine Kapsel. Die misst die Körperkerntemperatur und zeigt, wie der jeweilige Athlet unter Belastung reagiert", erklärte Idriss Gonschinska, Generaldirektor des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. Doha gilt dafür als Testlauf, die IAAF hat die Kapsel den Marathon- und 10.000-Meter-Läufern sowie Gehern angeboten.

Auf der längsten WM-Laufstrecke sind im Wüstenstaat keine deutschen Frauen oder Männer am Start. Im 50 Meter Gehen, das am Sonnabend kurz vor Mitternacht (Ortszeit) gestartet wird, tritt dagegen ein Männertrio an. Wie Bundestrainer Ronald Weigel erzählte, haben seine Jungs im Vorfeld versucht, die Hitze, die auch in Doha herrschende hohe Luftfeuchtigkeit und die ungewohnte nächtliche Belastung zu simulieren. Dafür hängten sie in einem erhitzten Raum eine Woche lang feuchte Tücher auf. Zudem mussten seine Schützlinge für eine Leistungsdiagnostik eine Stunde vor Mitternacht aufs Laufband. Gut so, im Wüstenstaat kommt einiges auf sie zu.


Ein sehr guter Rat 

Tagebuch von Thomas Treptow

Sabâh an-khair: Guten Morgen aus Doha. Jener Metropole am Persischen Golf, die als Gastgeberstadt der Leichtathletik-WM sicher nicht unumstritten ist. Hitzegrade um die 40 Grad Celsius, deswegen Wettkämpfe um Mitternacht (Marathon, Gehen), oder menschenunwürdige Arbeitsbedingungen auf dem WM-Baustellen sorgten im Vorfeld für viel Diskussionsstoff. Davon wird noch die Rede sein, vorerst bin ich aber neugierig auf die Hauptstadt von Katar, auf eine andere Welt. Hier die Kurzfassung der ersten Eindrücke.

Nach sechs Stunden Flug von Frankfurt (Main) mit Quatar Airlines läuft der Check-in am Flughafen Doha wie am Schnürchen. Freundliche Helfer kümmern sich sofort um uns, verfrachten mich mit einigen Kollegen in ein Taxi. Auf der Fahrt Richtung Centrum fällt mir zuerst eine riesige Fläche voller Sonnenschirme ins Auge. Kein Strand sondern ein Parkplatz. Schatten für die Autos - aha.

Weiter geht es vorbei an hell beleuchteten Plätzen und Moscheen, an riesigen Hotels und modernen Gebäuden. Glas, Stahl und Beton dominieren. Rechter Hand ist das Museum für Islamische Kunst zu sehen, welches auf einer Insel liegt und schon durch seine Architektur an sich beeindruckt. Noch ein Blick auf die Skyline - die Wolkenkratzer leuchten in der Nacht in verschiedenen Farben - schon bin ich im Hotel.

Jetzt noch schnell ein paar Euros in katarische Riyal tauschen und fix einen Adapter (vergessen) für den Stromanschluss kaufen. Der Supermarkt ist nur 500 Meter entfernt. Doch die haben es in sich. 20 Uhr zeigt das Thermometer immer noch knapp über 30 Grad. Nach wenigen Schritten bricht mir der Schweiß aus allen Poren. "Hier rennt keiner", verrät mir ein Hotelangestellter später lachend. Ein sehr guter Rat. Gerade, 11.45 Uhr Ortszeit am Freitag, nähert sich die Quecksilbersäule der 40-Grad-Marke.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...