Chemnitzer Basketballtrainer feiert in Asien historischen Erfolg

Torsten Loibl hat Japan den ersten Weltmeistertitel beschert - in einer neuen Disziplin und mit einer Mannschaft, die ihn selbst überraschte. Und das nicht nur in sportlicher Hinsicht.

Rette sich, wer kann. Als der Taifun "Hagibis" am vergangenen Wochenende auf Tokio zubrauste, verschanzte sich Torsten Loibl im National Training Center der japanischen Hauptstadt. "Es hat so sehr gestürmt, dass ich ein zeitgleiches Erdbeben gar nicht mitbekommen habe. Dieser Taifun war ein richtiges Monster", berichtet der Chemnitzer Basketballtrainer. Im Gegensatz zu den Küstenregionen, in denen es schwere Verwüstungen und Dutzende Todesopfer gab, sei Tokio längst nicht so stark betroffen gewesen. "Ich habe die Sturmnacht gut überstanden", sagt Loibl.

Mit Unterbrechungen arbeitet er seit dem Jahr 2000 in Japan und seit 2012 für den dortigen Basketballverband. Damit sollte längst Schluss sein. Vor zwei Jahren wollte Loibl, der damals für alle männlichen Nachwuchsnationalmannschaften Japans verantwortlich war, endgültig nach Chemnitz zurückkehren. Schließlich warten hier Ehefrau Ulrike, zwei Kinder, Haus und Garten. Stattdessen bereitet der 47-Jährige inzwischen gleich zwei japanische Nationalteams auf die Olympischen Spiele 2020 im eigenen Land vor: Der Sachse trainiert die Frauen und Männer in der neuen Disziplin Drei gegen drei, die bisher Streetball hieß. "Ich konnte dieses Angebot einfach nicht ausschlagen. Die Aussicht, als Trainer bei Olympischen Spielen dabei zu sein, war zu verlockend", sagt der Chemnitzer.Seine Vorfreude darauf ist mittlerweile noch gestiegen. Denn gerade hat Loibl in Asien einen historischen Erfolg gefeiert: Er konnte Japan den ersten Weltmeistertitel im Basketball bescheren. Mit den jungen Damen, die nächstes Jahr die Olympia-Kastanien aus dem Feuer holen sollen, siegte er bei der Drei-gegen-drei-WM im chinesischen Lanzhou. Und das überraschend. "Favorit waren die Russinnen, die zuvor 42 Länderspiele in Folge nicht verloren hatten", berichtet Loibl. Seine Spielerinnen kassierten in der Vorrunde neben zwei Erfolgen auch eine knappe Niederlage gegen Frankreich, wodurch der Gruppensieg verpasst wurde. "Aber das war der letzte Weckruf", sagt der Trainer. Von da an räumten seine Schützlinge alles aus dem Weg.

Nach Siegen im Viertelfinale gegen Holland und im Halbfinale gegen Weißrussland war das Endspiel erreicht. Dort ging es gegen Russland. Der Topfavorit wurde mit fünf Punkten Vorsprung bezwungen, was auch Loibl überraschte. "So richtig verarbeitet habe ich das alles noch gar nicht", gesteht der 47-Jährige. Seine kleinen, schmächtig wirkenden Spielerinnen waren den Kontrahentinnen körperlich wie so oft klar unterlegen. "Mit ihrer Schnelligkeit und Wurfsicherheit haben sie das jedoch wettgemacht", erklärt der frühere Coach von Männer-Zweitligist Niners Chemnitz. Er hatte sich nie so recht vorstellen können, eines Tages ein Frauenteam zu trainieren. "Mit der neuen Auf- gabe in Japan habe ich mich von meinen Vorurteilen gelöst", unterstreicht Loibl. Mehr noch: Er zeigt sich fasziniert von der Einstellung der jungen Japanerinnen. "Sie gehen hart zur Sache, kennen keinen Schmerz. Es gibt auch keinen Zickenkrieg." Jetzt bereitet er seinen Kader mit neun Spielerinnen, der in einem langen Auswahlverfahren zusammengestellt worden war, auf Olympia vor. "Nach dem WM-Titel können wir nicht sagen, dass wir in Tokio Vierter werden wollen. Ziel ist die Finalteilnahme", blickt der Chemnitzer voraus.

Deutlich schwieriger wird das mit den japanischen Männern. "Sie sind nicht so stark wie die Frauen, haben aber bei Olympia Außenseiterchancen. Mit dem Publikum im Rücken können wir vielleicht ins Halbfinale kommen", hofft Loibl. An leidenschaftlicher Unterstützung von den Rängen wird es nicht fehlen. "Für den Drei-gegen-drei-Wettbewerb bei Olympia haben die Japaner eine mobile Arena mit 8000 Besucherplätzen gebaut. Schon jetzt gibt es keine Tickets mehr für die Spiele mit Gastgeberbeteiligung", erzählt der Nationaltrainer.

Trotz bereits vorliegender Angebote japanischer Männer-Erstligisten soll für ihn nach Olympia Schluss mit Jobs in Fernost sein. "Das habe ich mit meiner Familie fest vereinbart", sagt Loibl. Er will dann ehrenamtlich dorthin zurückkehren, wo seine unglaubliche Karriere ihren Anfang nahm: beim Freizeitsportverein Lok Chemnitz, wo er einst als 16-jähriger Übungsleiter eine Basketball-Jungengruppe übernahm, die er später bis in die Dritte Liga der Männer führte.

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