Chemnitzer Paarlauftrainerin Monika Scheibe wird 70 - und ein Ende ist nicht abzusehen

Die Chemnitzerin Monika Scheibe gehört zu den erfolgreichsten Paarlauftrainerinnen der Welt. Auch der 70. Geburtstag ist für die Jubilarin kein Grund, aufzuhören. Jetzt steht sie sogar auch international wieder hinter der Bande.

Chemnitz.

Die Leidenschaft ist ungebrochen, das Feuer brennt gerade besonders stark. "Dass Letizia und Luis bei der Junioren-WM starten dürfen, ist wirklich toll", meint Monika Scheibe begeistert. Nun reist auch sie nach längerer Abstinenz Anfang März wieder zu einer internationalen Meisterschaft, um ihr aktuelles Paar bei der bisher wichtigsten Bewährungsprobe bestmöglich zu betreuen.

Man will es kaum glauben, aber am Samstag wurde die Chemnitzerin 70 Jahre alt. Sie sprüht immer noch voller Elan und Ideen, sieht selbst überhaupt keinen Grund, Abschied von ihrem geliebten Metier zu nehmen. "Über das Alter denke ich eigentlich kaum nach. Ich fühle mich gut, und da geht es weiter. Aufhören kann ich nicht, meine Aufgaben fordern mich und machen mir Spaß. Es würde mir etwas fehlen", sagt Monika Scheibe, die bereits über fünf Jahrzehnte als Trainerin tätig ist. Mit dem Paar Letizia Roscher und Luis Schuster, das erst die zweite gemeinsame Saison absolviert, sowie dem Nachwuchstitelträger Nicos Jaron Martick gehören drei hoffnungsvolle Kufenkönner zu ihren Schützlingen. Da sich alle gut entwickeln, betrachtet sie es als Herzenssache, auch dieses Trio so lange wie möglich auf seinem Weg zu begleiten.

Nur ein paar wenige Dinge hat sie verändert. So geht sie seit Sommer nicht mehr selbst aufs Eis, gönnt sich etwas mehr Freizeit, nutzt den Sonntag zum Erholen. Erstmals hat sie nicht zwischen Weihnachten und Neujahr gearbeitet, sondern die Tage bei der Familie von Tochter Sandra mit den drei Enkelinnen in Berlin verbracht. "Aber es ist noch genug Energie da", schmunzelt die Jubilarin, die am Ehrentag ein Kabarettprogramm besucht und den Abend mit Bekannten verbringt.

Wie viele Athleten sie auf den Kufen bisher betreute, hat sie nicht gezählt. Als ihre besondere Passion nennt sie dabei von Beginn an das Paarlaufen. Zunächst lief sie unter ihrem Mädchennamen Helbig gemeinsam mit Axel Salzmann aktiv. Ihre Trainerin war dessen Mutter Irene, die Anfang der 1980er-Jahre Sabine Baeß und Tassilo Thierbach zu Titeln bei WM und EM führte. Doch mit 18 Lenzen beendete Monika Scheibe ihre Karriere, weil sie früh spürte, dass ihr das notwendige Talent und auch Nervenstärke fehlten. Kurze Zeit nach dem Abschied wechselte sie bereits die Seiten. Insgesamt zehnmal erkämpften Duos von ihr bei internationalen Topereignissen Medaillen. Doch nicht nur wegen der beeindruckenden Resultate genießt die Sächsin weltweit enorme Anerkennung - mit ihren Assen prägte sie das Paarlaufen.

"Über Jahre hinweg haben sich alle an uns orientiert, unsere neuen Dinge nachgemacht", erinnert sich Ingo Steuer an die gemeinsame Erfolgszeit mit Mandy Wötzel genau. Unter Anleitung von Monika Scheibe kreierten beide außergewöhnliche Elemente, spektakuläre Hebungen oder originelle Schrittpassagen. Sie waren in der Darstellungsart, in der Symbiose von Höchstschwierigkeiten und Kunst, den Konkurrenten in jener Zeit weit voraus. Mit Gold bei WM (1997) und EM (1995) sowie Olympiabronze (1998) gelangen die größten Triumphe. Auch in Lillehammer 1994 war Edelmetall möglich, doch ein schwerer Sturz in der Kür ließ alle Hoffnungen platzen. Trotzdem besitzen diese Winterspiele für die Trainerin einen hohen Wert. Denn mit Anuschka Gläser und Axel Rauschenbach startete ein zweites Paar von ihr. "Das war ein Highlight für mich, ging leider damals etwas unter", sinniert Monika Scheibe beim Blick auf ein Foto mit dem Quartett in ihrem Büro.

Erstmals international für Furore sorgte sie zudem schon 1984, als Manuela Landgraf und Ingo Steuer sich völlig überraschend den Sieg bei der Junioren-WM sicherten. Das galt auch deshalb als Sensation, weil die Weltmeister erstmals in der Geschichte nicht aus der Sowjetunion kamen. Und unvergesslich blieben die Komplimente, dass die Karl-Marx-Städter damals echtes Paarlaufen zeigten und nicht nur die Elemente aneinanderreihten. Ein Credo der Herangehensweise von ihr bis heute. "Ich habe von Frau Scheibe, bei der ich insgesamt 18 Jahre trainierte, das Handwerk gelernt, mir auch von ihr das Beste abgeschaut, manches weiterentwickelt", erzählt Ingo Steuer, der als Coach mit Aljona Savchenko und Robin Szolkowy bis 2014 über ein Jahrzehnt die Weltspitze mitbestimmte, mit ihnen zweimal Olympiadritter, fünfmal Welt- und viermal Europameister war.

"Ich ziehe vor ihr den Hut, wie lange sie das schon macht und wie oft sie dabei wieder von vorn angefangen hat", fügt der 52-Jährige voller Hochachtung hinzu. Als Kollegen tauschen sich beide inzwischen oft aus, zurzeit sehr intensiv. Denn Monika Scheibe unterstützt ihren früheren Vorzeigeathleten bei der Betreuung von Meisterklassenläuferin Lutricia Bock. Und sie empfindet Stolz, dass Ingo Steuer oder auch Robin Szolkowy, den sie einst zum Paarlaufen animierte, ebenso als Trainer sehr gute Arbeit leisten.

Wenn Monika Scheibe ihre berufliche Laufbahn Revue passieren lässt, blieben auch negative Erlebnisse nicht aus. Dabei waren es nicht vorrangig die sportlichen Rückschläge, die sie enttäuschten. Wenn sich Athleten ständig stritten, hoffnungsvolle Liaisons, aus welchen Gründen auch immer, auseinanderbrachen oder plötzliche Wechsel zu anderen Trainern erfolgten - da gab es schon Momente, in denen sie am liebsten alles hinschmeißen wollte. Aber in der Gesamtheit der fünf Jahrzehnte überwiegt auf alle Fälle das Positive. Auch deshalb: "Wenn heute ehemalige Läufer, egal wie erfolgreich sie waren, zu mir kommen und sich dafür bedanken, was ich ihnen für das Leben an positiven Dingen mitgegeben habe, dann ist das für mich die schönste Bestätigung. Etwas Besseres kann mir nicht passieren", wertet die Chemnitzerin, die mit dem ehemaligen 400-Meter-Läufer Dr. Andreas Scheibe (u. a. 2x DDR-Meister) verheiratet ist. Er stärkt ihr von jeher den Rücken, half über schwierige Phasen hinweg.

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