Chemnitzer wollen WM-Ticket lösen

Ende Oktober findet in Doha die Turn-WM statt. Am Wochenende steht der erste Qualifikationswettkampf in Stuttgart an. Bei den Startern aus Sachsen sind die Ausgangspositionen unterschiedlich.

Bei der ersten WM-Qualifikation der deutschen Turner in Stuttgart starten aus Chemnitz Ivan Rittschik, Pauline Schäfer, Andreas Bretschneider und Youngster Tobias Radoi (v. l.). Die endgültige Entscheidung fällt dann bei den Deutschen Meisterschaften Ende des Monats in Leipzig.
Sophie Scheder

Für Sie berichtet: Martina Martin

Das Trainingsprogramm am Dienstagmorgen hatte es auch an ihrem Paradegerät in sich. Mehrfach hintereinander absolvierte Pauline Schäfer am Schwebebalken ihre hochkarätige Kür. Mal mit kleinen Unsicherheiten, mal ohne Fehler - wobei ihr kreiertes Element (Seitwärtssalto mit halber Drehung) stets gelang. Im Finale der EM Anfang August in Glasgow war ihr dies zum Verhängnis geworden: Da patzte sie, der Medaillentraum platzte. "Die Chance bestand definitiv. Es war ärgerlich und nicht einfach", erinnert sich die 21-Jährige. Nach einer Woche Pause nahm sie jedoch schon den nächsten Höhepunkt ins Visier. Bei der WM, die Ende Oktober in Doha stattfindet, tritt sie als Titelverteidigerin an und sinnt natürlich auf Wiedergutmachung.

Pauline Schäfer muss zwar die Qualifikationen am Sonnabend in Stuttgart und bei den Deutschen Meisterschaften Ende des Monats in Leipzig bestreiten, doch aufgrund ihres Leistungsvermögens und der aktuellen Konkurrenz sollte sie problemlos das Ticket lösen. "Bisher liege ich im Soll. Ich habe ein gutes Gefühl, werde auch einiges ausprobieren und riskieren. Am Boden will ich meine bisher schwerste Übung zeigen", blickte die Auswahlakteurin vom TuS Chemnitz-Altendorf voraus. Mit ihrem Vorbereitungsstand zeigte sie sich zufrieden, hat sich mit den Umstellungen arrangiert. "Es ist in Ordnung, wie es jetzt ist", sagte Pauline Schäfer, die sich vor wenigen Tagen nach Differenzen mit ihrer langjährigen Trainerin Gabi Frehse auf eine Auszeit der Zusammenarbeit geeinigt hatte.

Wie vorher auch erhält sie aus dem TuS-Betreuerteam, vor allem von Kerstin Vogel und Ben Möbius, Hilfe sowie Unterstützung von den Männern des KTV in der benachbarten Halle. Wegen der Baumaßnahmen im eigenen Domizil absolvieren derzeit die Turnerinnen ihre Athletik- und Sprungeinheiten dort.

Vereinsgefährtin Sophie Scheder hat zwar gleichfalls die WM im Visier, in Stuttgart fehlt die Olympiadritte am Stufenbarren von Rio 2016 aber noch. Nachdem sie Ende Juni nach fast zweijähriger Wettkampfabstinenz wegen einer komplizierten Knieoperation und der folgenden Reha bei der EM-Qualifikation ein eindrucksvolles Comeback gefeiert hatte und vor heimischer Kulisse Platz drei belegte, folgte leider die nächste Zwangspause. Sie zog sich wenige Tage danach beim Training an ihrem Paradegerät einen Sehnenanriss im linken Ringfinger zu, der operiert werden musste. Die EM verfolgte sie nur aus der Ferne. Notgedrungen trainierte sie mehr für die Kondition und die Beinkraft, kann erst seit wenigen Tagen wieder Stützelemente in Angriff nehmen. "Ich durfte lange Zeit nicht wirklich viel an den Geräten machen. Aber ich hoffe nun, dass ich bis zur DM fit werde und ich mich dann für die WM qualifiziere", beschrieb die 21-Jährige ihre weitere Planung.

Von den Chemnitzer Männern besitzt erneut Andreas Bretschneider, seit Jahren eine Stütze der Nationalmannschaft, die besten Chancen. Dennoch warnt er vor einem Selbstläufer. "Es gibt keinen Bonus. Bei uns kommen zehn Leute in Frage, die die Nominierung schaffen können. Ich muss sehen, dass ich die Jüngeren in Schach halte", meinte der 29-Jährige. Normalerweise ist er schon wegen seiner überdurchschnittlichen Fähigkeiten am Reck - beherrscht eine Weltklasseübung - nicht aus dem Team wegzudenken. Dennoch muss auch er solide und möglichst fehlerfreie Mehrkämpfe anbieten, um einen der nur fünf Plätze zu ergattern.

Was er dabei als negativ empfindet, ist der veränderte Saisonablauf. Bislang fanden die Europameisterschaften stets im Frühjahr statt, nunmehr erst im August, also weitaus näher dran an der WM, bei der dieses Jahr zudem bereits erste Entscheidungen für die Olympiaqualifikation 2020 fallen. "Körperlich war das schwierig zu verkraften. Dazu kam, dass ich zwischenzeitlich wieder mit Schulterproblemen zu kämpfen hatte", berichtete Andreas Bretschneider. Selbstvertrauen tankte er aber beim Bundesligavergleich des KTV Straubenhardt gegen den TV Schwäbisch Gmünd-Wetzgau am vergangenen Wochenende, bei dem er mit 13 Zählern zum Topscorer avancierte.

Vereins- und Trainingsgefährte Ivan Rittschik absolvierte bei diesem Duell seinen ersten Wettkampf seit Dezember 2017. Im Januar unterzog er sich einer Operation an der linken Schulter, hatte sich danach wieder ein beachtliches Niveau aufgebaut. Doch bei einer Landung vor drei Wochen am Boden verdrehte er sich erneut das rechte Knie, in dem er zurückliegend schon zwei Kreuzbandrisse verkraften musste. Glücklicherweise bestätigten sich die schlimmsten Befürchtungen nicht, eine MRT-Untersuchung gab Entwarnung, alle Bänder blieben stabil. "Aber es hat mich wieder zurückgeworfen, war frustrierend", meinte der 26-Jährige. In Stuttgart wird der Pauschenpferdspezialist deshalb erst einmal nur drei Geräte turnen. Bei der DM will er wieder das volle Programm anbieten und mit Vehemenz um seine Chance kämpfen.

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