Dank TV-Kultsendung Ruderwelt erobert

Stefan Semmler aus Borstendorf war einst zweifacher Olympiasieger sowie auch als Trainer im Endurosport erfolgreich. Am Freitag wurde der Erzgebirger 65 Jahre alt. Sportlich widmet er sich inzwischen anderen Leidenschaften.

Borstendorf.

Seinen Ehrentag beging er ganz in Familie. "Eine große Feier ist erst wieder mit 70 geplant. Aber bei unserem Rudertreffen Ende August auf dem Rabenberg mit den Kumpels, die ebenfalls 65 werden, lassen wir es bestimmt wieder krachen", verrät Stefan Semmler schmunzelnd. Mit Andreas Decker, Siegfried Brietzke sowie Wolfgang Mager und später Jürgen Thiele gehörte er dem legendären Vierer an, der in den 1970er-Jahren international abräumte, vier WM-Titel gewann und als Krönung zwei Olympiasiege (1976; 1980) einfuhr.

Zum Rudern kam er dabei 1967 auf ungewöhnliche Weise. In der legendären DDR-Fernsehsendung "Zwischen Frühstück und Gänsebraten" am ersten Weihnachtsfeiertag startete Moderator Heinz Quermann einen Aufruf, dass sich Jugendliche mit überdurchschnittlicher Körpergröße beim Rudern melden sollten. "Du kannst doch nichts verlieren, schreib doch einfach hin", ermunterte ihn sein Handballfreund Volkmar Fritzsche, es zu versuchen. Als 15-Jähriger war er bereits knapp 1,90 Meter lang. Stefan Semmler bewarb sich tatsächlich beim SC DHfK Leipzig. Insgesamt hatten sich 120 Jungs gemeldet, der Schüler aus dem kleinen Borstendorf gehört zu den 15 Auserwählten. Im September 1968 zog er dann in die Messestadt, begann neben dem Sport eine Lehre zum Fernmeldemechaniker. "Wir starteten mit einem ungeheuer harten Training", erinnert sich der Jubilar an die Anfänge. Doch das zahlte sich schnell aus. Bereits in der ersten Saison seiner Ausbildung schaffte er es in die Auswahl und zu internationalen Einsätzen, wurde 1970 Junioren-Weltmeister.

Nach zwei Übergangsjahren mit kleinen Erfolgen im Zweier saß er 1973 im Nationalmannschaftsachter, der EM-Gold erkämpfte. Ab 1974 begann dann die Ära des außergewöhnlichen Quartetts, das bis auf eine Ausnahme sieben Jahre ungeschlagen blieb. Lediglich bei der WM 1978 in Neuseeland, die im November stattfand, als daheim längst der Winter Einzug gehalten hatte, musste das Team dem sowjetischen Boot den Vortritt lassen. "Wir haben dann 1980 gemeinsam beschlossen, nach den Spielen von Moskau aufzuhören. Der Olympiasieg war die Krönung unserer Laufbahn", sagt Stefan Semmler im Rückblick. Zu den Fitnessgeräten im Keller seines Hauses, an denen er sich weiter fit hält, gehört noch immer ein Ruderergometer. Doch mit seiner einstigen Paradedisziplin hat er ansonsten nichts mehr am Hut. Heute spielt er als Ausgleich zu seiner Vertriebstätigkeit leidenschaftlich gern Golf oder fährt Rad.

Ins heimatliche Erzgebirge kehrte Stefan Semmler mit seiner Ehefrau Jutta sowie den zwei Söhnen (heute 40 und 38 Jahre) 1986 zurück. Er hatte inzwischen ein Studium zum Diplomsportlehrer an der DHfK abgeschlossen und einige Zeit als Dozent gearbeitet. Die Scheune auf dem großelterlichen Hof wurde zum Wohnhaus ausgebaut. Bei der Suche nach einer beruflichen Perspektive kam er mit der Sportabteilung des MZ-Werkes Zschopau in Kontakt und arbeitete fortan als Athletiktrainer im Endurosport. Walter Winkler, der die DDR-Trophy-Mannschaft bei Sechstagerennen sieben Mal zum WM-Titel führte, wollte diesen Bereich forcieren. In der Sportabteilung kümmerte sich Stefan Semmler auch um organisatorische Dinge oder leitete ebenso ab und an das Fahrtraining. Auch war er im Werkstattbereich anzutreffen, fertigte beispielsweise in Handarbeit Sitzbänke - individuell abgestimmt für jeden Fahrer.

1987 gehörte er bei den Six Days im schlesischen Jelenia Gora (Hirschberg) zum Betreuerteam von MZ und erlebte so die letzten Sternstunden einer Ära live mit. "Innerhalb der gesamten Mannschaft gab es eine riesige Energie. Zudem hatten uns zahlreiche Fans begleitet, die die Fahrer immer wieder gepusht haben", berichtet Stefan Semmler. Vom ersten Tag an lagen die Zschopauer vorn. Zum Schluss standen Siege für die Trophy-, Silbervasen- und die Clubmannschaft zu Buche. Der Jubel und die Erleichterung waren riesengroß. "Die Anspannung, die zum Ende fast unerträglich wurde, fiel schlagartig ab. Da gibt es auch einen Film, da sieht man mich vor Glück heulen", erzählt er: "Dieses Erlebnis war für mich fast ebenso emotional wie ein Olympiasieg." Als Trainer war er danach noch bei zwei Sechstagefahrten unterwegs. Nennenswerte Erfolge gab es nicht mehr, denn ab 1990 waren einige der Topfahrer bereits für Teams im Westen unterwegs.

Nach der Wende wurden die Tore der MZ-Sportabteilung geschlossen. Stefan Semmler schulte ins Marketing um, war als Verkäufer und Prokurist tätig. Das Enduro-Geschehen verfolgt er nach wie vor intensiv, ist aber selten bei Wettkämpfen dabei. Nur das Rennen "Rund um Zschopau", quasi vor der Haustür, lässt er sich natürlich nicht entgehen.

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