Das Geld ist da, doch los geht's nicht

Die Schlitten werden immer schneller, der Sport damit gefährlicher. Die Bahn in Altenberg muss entschärft werden. Doch ganz so eilig haben es die Betreiber damit nicht.

Altenberg.

Vor bald elf Jahren durfte der damals 17-jährige Francesco Friedrich bei den Bob- und Skeleton-Weltmeisterschaften 2008 in Altenberg die Flamme zum Lodern bringen und den Spurbob lenken, im Februar 2020 kann der dann 29 Jahre alte Pirnaer hier seine Karriere krönen. Dann will der Doppel-Olympiasieger von Pyeongchang zum sechsten Mal in Folge Weltmeister im Zweierbob werden, dem Italiener Eugenio Monti, der zwischen 1957 und 1962 fünfmal in Folge diesen Titel holte, den lange als unantastbar geltenden Rekord entreißen. Gewinnt Friedrich in diesem Winter auf der schweren Strecke im kanadischen Whistler, findet das "große Finale" ein Jahr später auf der Hausbahn des Sachsen statt. Da kennt er jeden Zentimeter, jede Kurve - ein unschätzbarer Vorteil. Und deswegen dürfte Francesco Friedrich gar nicht böse sein, wenn sich der geplante Umbau der Bahn noch ein bisschen verzögert.

Dass die Anlage, die nach dem Rückzug des alten Namenssponsors zumindest für die nächsten vier Jahre Enso-Eiskanal heißt, entschärft werden muss, steht außer Frage. "Wenn die Bobs noch eine oder zwei Sekunden schneller werden, dann ist es da unten einfach zu eng. Das funktioniert nicht mehr", erklärt Nico Walther, Friedrichs Freund und Trainingspartner, aber auch einer der härtesten Konkurrenten im Kampf um die nächsten WM-Titel. "Der Umbau ist notwendig, wenn man den Standort erhalten will. Aber da schlagen zwei Herzen in meiner Brust: Für die WM 2020 wünsche mir, dass unser Heimvorteil noch erhalten bleibt", sagt der Dresdner, der bei Olympia in Korea Silber mit seinem Vierer gewann.

Noch wichtiger ist die Umgestaltung aber wohl für Rodler und Skeletonis, denen bei ihrer rasanten Talfahrt die schützende Hülle der Bobs fehlt. Ein Felix Loch zum Beispiel ist heute sechs Sekunden schneller unterwegs als die Sieger von vor 30 Jahren. "Selektiv und anspruchsvoll" freuen sich die Asse der Branche. "Absolut gefährlich" sagen weniger erfahrene Athleten aus aller Welt, von denen etliche im Kohlgrund schon hautnahe Bekanntschaft mit dem Eis machen durften. "Wir können nicht nur die Lochs, Friedrichs oder Geisenbergers heil hier runterbringen, sondern auch Sportler aus Indien, der Türkei oder Jamaika", sagt Matthias Benesch, noch in diesem Winter scheidender Geschäftsführer der für die Betreibung der Anlage verantwortlichen Wintersport Altenberg GmbH.

Beim Rodelweltcup im Dezember 2017 gab es bei insgesamt 1200 Starts 44 Stürze. "Zu viele", sagt Benesch. 70 Prozent der Stürze passierten in der Passage zwischen den Kurven 11 und 13. Konkret für diesen Abschnitt gibt es nun die Umbaupläne, die nach einer vom Rodelweltverband FIL und der für Bob und Skeleton zuständigen IBSF initiierten Sicherheitsdebatte unvermeidlich waren. Die Kurven 11 und 12 sollen länger und weiter werden, die Gerade dazwischen kürzer. Die Kurve 13 - hier ist Maximilian Arndt mit seinem Vierer 2013 einmal übel gestürzt - wird entschärft. "Messungen haben ergeben, dass zum Beispiel Felix Loch weniger als eine Sekunde durch diese Kurve braucht. Um einen sinnvollen Lenkeinsatz vorzunehmen, sollten es wenigstens 1,5 Sekunden sein", erläutert Benesch.

Skeletoni Axel Jungk sieht die Sache so: "Eigentlich sind die Kurven 11 bis 13 mein Lieblingsabschnitt der Bahn. Da kann man es laufen lassen, noch einmal richtig Tempo aufnehmen. Aber das bekommen Topathleten wie Martins Dukurs oderYun Sung-bin genauso gut hin, von daher habe ich keinen Vorteil. Nach einem Umbau hätte ich den auch nur, wenn ich vor der WM eher als die Konkurrenz auf die Bahn dürfte, mehr Fahrten machen könnte. Aber damit ist kaum zu rechnen."

Der Kreistag des Landkreises Sächsische Schweiz/Osterzgebirge hat die mit 3,2 Millionen Euro kalkulierten Kosten für den Umbau bewilligt, die Ausschreibung ist vorbereitet. Und nach dem für die Athleten der Region so erfolgreichen Olympia-Winter wurden auch die Verhandlungen zur Finanzierung des Vorhabens angenehmer. 50 Prozent bezahlt der Bund, zu 40 Prozent fördert das Land Sachsen die Maßnahme, für den Landkreis bleiben zehn Prozent. "Das Geld ist bestellt", sagt Landrat Michael Geisler, der hofft, dass die Baukosten in etwa im vorgegebenen Rahmen bleiben und nicht über die Maßen steigen.

Es kann losgehen. Wird es 2019 aber noch nicht. Das Zeitfenster zwischen Ende dieser und Beginn der folgenden Saison ist einfach zu klein für Abriss, Neubau, erforderliche Prüfungen und Abnahmen. "Auf keinen Fall werden wir die WM gefährden", sagt Geisler den entscheidenden Satz. Und Benesch meint: "Die Anlage hat 30 Jahre lang so funktioniert, der Bahnrekord im Vierer ist fast elf Jahre alt. Die Bahn wird noch einmal homologiert, die Sicherheit garantiert." Und Francesco Friedrich kann bei der WM 2020 genau durch die Kurven fahren, die er seit seinen ersten Fuhren hinab in den Kohlgrund kennt.

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