Das Lächeln ist wieder zurück

Bei den Deutschen Meisterschaften erlebten die Chemnitzer Auswahlturner ein Wechselbad der Gefühle. Sophie Scheder konnte erst einmal durchatmen.

Berlin.

Mit ihrer außergewöhnlichen Eleganz und Ausdrucksstärke hatte sie während des Vierkampfes die Zuschauer mehrfach zu Sonderapplaus animiert. Selbst nach einem unfreiwilligen Abgang am Schwebebalken kehrte schnell das Lächeln zurück. Nachdem Sophie Scheder im Mehrkampf auch das letzte Gerät, den Sprung, mit Bravour gemeistert hatte, musste sie noch ein paar bange Minuten überstehen, ehe das Gesamtergebnis feststand. So feuerte sie noch ihre Vereinsgefährtin Lisa Schöniger lautstark am Barren an. Dann endlich erschien auf der Anzeigetafel das Resultat - und die 22-Jährige fiel ihrer Trainerin Gabi Frehse strahlend in die Arme. Auch ein paar Freudentränen flossen. Hinter der Überraschungssiegerin Sarah Voss aus Köln und Kim Bui aus Stuttgart (nur 0,05 Punkte Vorsprung) gewann die Chemnitzerin Bronze und wiederholte damit ihr Vorjahresergebnis.

"Mein erster Wettkampf in diesem Jahr. Da bin ich erst einmal zufrieden", atmete Sophie Scheder erleichtert durch. "Natürlich war es noch nicht optimal, aber ich weiß, wo ich stehe", fügte die Olympiadritte von Rio am Stufenbarren hinzu. In den Gerätefinals am Sonntag konnte sie dann schon weitere Steigerungen nachweisen. Am Stufenbarren holte sie sich mit Silber ihre 13. Medaille bei einer DM. Für Sophie Scheder war das erste halbe Jahr überhaupt nicht wie erhofft verlaufen. Nachdem sie sich 2018 nach ihrer komplizierten Knieoperation wieder herangekämpft hatte und auch bei der WM dabei war, musste sie in den ersten Monaten krankheitsbedingt oder wegen Rückenproblemen immer wieder Zwangspausen einlegen, sodass sie auch die Vorbereitung auf die EM abbrach. In den vergangenen Wochen lief es vergleichsweise gut, wobei sie inzwischen genau ihre Belastungsverträglichkeit einschätzen kann. "Ich höre da auf meinen Körper", sagt die 22-Jährige, die mit Blick auf die WM Mitte Oktober in Stuttgart nichts riskieren will. Deshalb verzichtete sie auch auf einen Einsatz im Bodenfinale.

Auf der Matte brillierte indes erneut Pauline Schäfer mit ihrer außergewöhnlichen Darstellungsart. Noch fehlte es ihrer Übung jedoch an Schwierigkeiten, sodass es zu einem Podestplatz an diesem und auch bei den anderen Einsätzen für die bereits siebenfache Meisterin dieses Mal nicht reichte. So musste sie auch am Schwebebalken gleich zu Beginn ihrer Übung runter. Sie meisterte zwar ihr eigenes Element (Seitwärtssalto mit halber Drehung), das noch immer keine andere Turnerin auf der Welt beherrscht, wackelte aber im weiteren Verlauf gewaltig. "Klar habe ich mich nach dem Balken geärgert, zumal die Übung im Training vorher gut geklappt hat. Aber insgesamt war es für den ersten Mehrkampf seit über einem Jahr okay", resümierte Pauline Schäfer, die mit Rang sechs gut leben konnte, zumal es knappe Abstände gab. Sie hatte sich im Sommer 2018 eine Fußverletzung zugezogen, deren Heilung sich lange hinzog. Monatelang musste sie das Training entsprechend dosieren.

"Die Platzierung ist erst einmal zweitrangig für mich. Ich weiß, woran ich nun vor allem arbeiten und die Schwerpunkte setzen muss. Ich bin froh, dass ich mich wieder gezeigt habe und auch der Spaß zurückgekommen ist", meinte die 22-Jährige, die in Chemnitz von den Männertrainern des KTV bei den täglichen Übungseinheiten unterstützt wird. Wie Sophie Scheder ist auch sie optimistisch, dass sie sich bis zur ersten WM-Qualifikation in drei Wochen so steigert, dass sie wieder ganz vorn mitmischen kann.

Indes besitzt ihr Freund Andreas Bretschneider leider keine Chance mehr, noch ein Ticket für den Saisonhöhepunkt zu buchen. Bei den Herren galt der DM-Mehrkampf bereits als erster von zwei Qualifikationswettkämpfen für den Saisonhöhepunkt. "Das war unterirdisch von mir, eine Katastrophe", brachte es der Chemnitzer nach seinem 19. Rang selbst drastisch auf den Punkt. Er konnte das Geschehen nicht begreifen, fand keine Erklärung.

Dabei hatte sich "Breti" nach seinem Achillessehnenriss im September 2018 und folgender Operation erneut mit unbändigem Willen und enormen Ehrgeiz wieder herangekämpft, im Training erneut gutes Niveau erreicht. Doch unfreiwillige Abgänge am Reck und an den Ringen und eine verpatzte Akrobatikreihe am Boden machten alle Hoffnungen zunichte. Nur am Barren schaffte er es mit einer starken Übung bis ins Finale. Doch an seinem 30. Geburtstag konnte er auch dieses positive Ereignis nicht bestreiten, da er sich beim Einturnen leicht verletzte. Und dann kam noch die Hiobsbotschaft von Bundestrainer Andreas Hirsch, dass er nicht mehr zum WM-Kaderkreis gehört.

Premiere für Lisa Zimmermann und Lisa Schöniger

Lisa Zimmermann vom TuS Chemnitz-Altendorf gewann bei ihren ersten Meisterschaften der Damen Bronze am Sprung. "Das sind mega Gefühle. Damit hätte ich vorher nie gerechnet", jubelte die 16-Jährige, die im Frühjahr bereits bei der EM starten durfte. Kure Zeit später nahm sie strahlend ihre Freundin Lisa Schöniger, die am Balken überraschend erstmals Bronze gewann, in die Arme.

Elisabeth Seitz aus Stuttgart erkämpfte am Barren ihren insgesamt 22. Titel. Damit ist sie in Deutschland die alleinige Rekordhalterin. Ihren fünften Mehrkampfsieg in Folge verpasste die 25-Jährige indes, weil sie am Balken drei unfreiwillige Abgänge in Kauf nehmen musste und damit nur Vierte wurde.

Nick Klessing vom SV Halle fuhr mit einem kompletten Medaillensatz nach Hause. Der Junioreneuropameister von 2016 an den Ringen holte an diesem Gerät Gold, am Boden Silber und am Sprung Bronze. Da er am Reck patzte, blieb im Mehrkampf Rang acht. "Ich bin froh, dass ich an meinen starken Geräten meine Leistungen bringen konnte", meinte der Rodewischer mit Blick auf die WM. mm

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