Der König, der nicht verlieren kann

Sven Kramer hat mit einer einzigen Unterbrechung seit 2007 alle WM-Titel über 5000 Meter gewonnen. Bronze in Inzell war deshalb für den überaus ehrgeizigen Niederländer eine Enttäuschung.

Inzell.

Sven Kramer konnte wieder lächeln, nachdem er am Freitag zusammen mit Douwe de Vries und Marcel Bosker bei der Eisschnelllauf-WM in Inzell Gold in der Teamverfolgung eingetütet hatte. Zu gern ließ er sich mit seinen Mannschaftskameraden von den vielen Oranjefans feiern, denn tags zuvor musste er eine herbe Enttäuschung verkraften. Über 5000 Meter, seine Paradestrecke, hatte ihn Sverre Lunde Pedersen düpiert. Schon als der Norwegen dem Ziel entgegenflog und deutlich unter Kramers Zeitvorgabe lag, kam unter den Fans und den Journalisten aus den Niederlanden Unruhe auf. Immer wieder war das Wort "Niederlage" zu hören. Das sind sie nicht gewöhnt, schon gar nicht über 5000 Meter. Seit 2007 hatte Kramer - bis auf eine verletzungsbedingte Absage 2011 - alle Weltmeistertitel gehamstert und die Strecke auch bei den vergangenen drei Olympischen Winterspielen nach Belieben dominiert. Das hatte vor ihm noch keiner geschafft - und jetzt dies.

In Inzell blieb dem 32-Jährigen nur Rang drei hinter Pedersen (26) und Landsmann Patrick Roest (23). "Ich war einfach nicht gut genug. Das ist schade, zumal es eine Weltmeisterschaft ist", sagte der entthronte Kufenkönig in einer nüchternen Analyse. "Der dritte Platz bedeutet mir nichts, es ist enttäuschend", meinte der von Rückenproblemen geplagte Friese, der deshalb die 10.000 Meter in Inzell nicht läuft. Als Entschuldigung wollte er das Handicap jedoch nicht anführen. Dafür ist er viel zu ehrgeizig, wie die Öffentlichkeit bei Olympia 2018 in Pyeongchang erfuhr. In Südkorea erzählte Kramer, dass er im Mannschaftskreis nie bei Karten- und Brettspielen mitmacht, weil er nicht verlieren kann. "Wenn sich die Teamkollegen gemeinsam an den Spieltisch setzen, fragen sie mich gar nicht mehr."

Verloren hat er selten. 34 Medaillen bei Mehrkampf- und Einzelstrecken-Weltmeisterschaften (davon 29 in Gold), neun Olympiamedaillen (davon vier in Gold), elf EM- Medaillen (davon zehn in Gold), sprechen für sich. Nur dem Olympiasieg über die im Land der Grachten hoch eingeschätzten 10.000 Meter rannte Kramer vergeblich hinterher - eine seiner bittersten Niederlagen ist damit verbunden.

2010 bei den Winterspielen in Vancouver lief er auf dem langen Kanten allen davon. Jubelnd riss er im Ziel die Arme nach oben, glaubte an einen überlegenen Sieg. Doch weil ihm sein Coach Gerard Kemkers 16 Runden zuvor die falsche Bahn zugewiesen hatte, wurde Kramer disqualifiziert. Statt Gold zu feiern, schob er Frust. Der legendäre Fauxpas wurmte ihn so sehr, dass er nach den Spielen auf einen Empfang im heimatlichen Heerenveen verzichtete. Von Kempkers, den er im ersten Ärger als "Arschloch" tituliert hatte, trennte er sich wenig später. Aktuell wird der Profi, der mit der ehemaligen Hockey- Nationalspielerin Naomi van As liiert ist und eine gemeinsame Tochter hat, von Jac Orie trainiert.

Unweit seiner Geburtsortes Heerenveen, in dem kleinen Dorf Oudeschoot, ist der Seriensieger aufgewachsen und noch immer zu Hause. Sportlich vorbelastet durch seinen Vater Yep Kramer, Olympiastarter 1980 in Lake Placid und 1984 in Sarajevo über 5000 und 10.000 Meter, drehte der Junge bereits im Vorschulalter seine ersten Runden auf dem Eis. Er kam nicht mehr davon los, obwohl die großen Erfolge im Jugendalter ausblieben. Erst als Junior pirschte er sich an Podestplätze heran, ein steiler Aufstieg begann. Im Frühjahr 2005 unterschrieb er seinen ersten Vertrag bei einem Profiteam. Fünf Jahre später schlug ihn Königin Beatrix beim Empfang für niederländischen Medaillengewinner von Vancouver zum "Ritter im Orden des Niederländischen Löwen" - dieser Ehrung wollte er sich dann doch nicht entziehen.

Apropos Königshaus. Bei den eislaufverrückten Niederländern heißt es nicht selten, dass sie zwei Könige hätten: Willem-Alexander von Oranien-Nassau - und Sven Kramer. Letztgenannter gleitet technisch nahezu perfekt über das Eis, der andere steht wie etwa in Pyeongchang auf der Tribüne und feuert ihn an. In Inzell blieb diese Unterstützung aus, vielleicht musste der eine König deshalb seinen Thron räumen.

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