Der Skispringer von der Postkarte

Als am 18. Januar 1986 der erste Weltcup in Klingenthal stattfand, stand Ulf Findeisen in der Blütezeit seiner Karriere. Am Tag danach siegte er am Fichtelberg. An die zwei Tage in Sachsens Skisprunghistorie erinnert er sich nicht nur wegen seiner Erfolge.

Zschopau.

Er ist nicht der Typ fürs Rampenlicht. Schon zu seinen Springerzeiten stand Ulf Findeisen meist in der zweiten Reihe, was natürlich in erster Linie mit der Nummer 1 in der Oberwiesenthaler Skisprunggruppe von Trainer Joachim Winterlich zu tun hatte: Jens Weißflog. Der heutige Pensionär Winterlich musste unterschiedliche Charaktere händeln und hatte natürlich meist den Überflieger Weißflog im Blick. Es kam vor, dass die Rölz-Brüder, Roy Koch, Ingo Züchner oder eben jener Weltklassespringer Ulf Findeisen eine Art Sparringspartner im Training für den "Floh vom Fichtelberg" bildeten. Letztlich profitierten allerdings auch alle in der Springerarmada beim SC Traktor von Jens Weißflog: "Wir wussten immer, wo wir im Weltmaßstab stehen", blickt Ulf Findeisen zurück.

An jenem 18. Januar trug fast die komplette Trainingsgruppe beim ersten Skisprungweltcup in der DDR auf der alten Aschbergschanze ihre Bretter an den Ablauf. Ihr Bester hieß am Ende Ulf Findeisen. Rang sechs in Klingenthal folgte am Tag danach der erste Weltcupsieg - und das noch auf der Hausschanze am Fichtelberg. "Da hatte Nykänen einen Sprung versemmelt", erinnert sich Findeisen, der in der Szene nur "Fiddi" genannt wurde.

Fast 34 Jahre ist es nun her, dass in Klingenthal der erste Weltcup im Skispringen stattfand. Findeisen erinnert sich nicht nur an seine Erfolge, sondern auch an die Umstände beim in der DDR offiziell als "31. Sprunglauf um den Wanderpokal der Freien Presse" ausgetragenen Wettkampf. Das Wort Weltcup war nicht so beliebt. Was die Gäste und Springer aus aller Welt erfuhren, war, dass es jede Menge Schnee im Osten Deutschlands gab. Die Bus- oder Autofahrt von Klingenthal nach Oberwiesenthal noch am Abend des 18. Januar erwies sich für viele als Rutschpartie mit Schaufeleinsätzen. "Irgendwann wurde die Straße nach Tellerhäuser gesperrt. Ich glaube, wir sind vier Stunden unterwegs gewesen", erinnert sich Findeisen an die Überfahrt. Auch schon beim Wettkampf zuvor mit dem überragenden Sieger Matti Nykänen war bei starkem Schneefall und zwei Stunden elf Minuten Wettkampfdauer Durchhaltevermögen gefragt. 79 Springer, darunter 16 aus der DDR mit ihrem Bestplatzierten, Klaus Ostwald (4.), gingen über den Bakken. Drei bis fünf Meter pro Sekunde Wind übermittelt das Wettkampfprotokoll.

Die Legende besagt, dass einer unter den rund 32.000 Zuschauern dem Finnen Matti Nykänen als Zeichen der Anerkennung eine Flasche Wodka entgegenstreckte. Die am 4.Februar des Jahres verstorbene Skisprunglegende soll sogar hinter einem Gebäude einen Schluck genommen haben. Aber das wird nur in nostalgisch-geselligen Runden unter den Skisportfans so erzählt.

Fest steht: Nach der Wende und dem Bau der neuen Großschanze in der Vogtland-Arena folgten weitere neun Weltcups in Klingenthal. Am kommenden Wochenende steht das elfte Stelldichein der weltbesten Skispringer im Winter an. Ulf Findeisen hat inzwischen Abstand gewonnen vom Sport, obwohl er sich in den vergangenen Jahren auch für den Nachwuchs beim SV Zschopau engagierte. Skispringen in der Vogtland-Arena hat der heute 57-Jährige zwar schon mal besucht, aber er kommt auch ohne seine Nachfolger gut aus. Manche sagen, er hat mit dem Skispringen abgeschlossen.

Ulf Findeisen versichert aber, er habe seinen Frieden gefunden. So musste das einstige Flugtalent doch einige schwere Rückschläge hinnehmen. Zweimal verpasste er die Olympischen Winterspiele, 1984 und 1988. Vor Sarajevo gewann er die DDR-Meisterschaft auf der Großschanze, war dann aber wie Normalschanzensieger Manfred Deckert in Jugoslawien nicht am Start. 1988 schickte die Sportführung nur zwei Skispringer nach Calgary, neben Jens Weißflog noch den Klingenthaler Remo Lederer. "Ich habe bis heute nicht begriffen, warum das so war. Sportlich ist es nicht begründbar gewesen", sagt Winterlich, der als Heimtrainer natürlich nicht entscheiden konnte. Findeisen aber hatte wohl nicht den besten Draht zum damaligen DDR-Nationalcoach Hans-Dieter Grellmann aus Thüringen. "Klar war ich politisch nicht immer in der Richtlinie. Aber ich habe den Sport auch ein bisschen lockerer genommen als andere", schätzt Ulf Findeisen ein. Joachim Winterlich erzählt es so: "Ulf ist eine ehrliche Haut. Er hat sich immer kritisch geäußert. Das hat nicht jedem gefallen. Für mich als Trainer war er auch ein ganz Großer." Dass Findeisen ins 84er Olympiateam gehörte, hatte er im selben Winter noch in Engelberg bewiesen. Dort flog das DDR-Quartett (Findeisen, Buse, Oswald, Weißflog) zu Silber im Team. "Und da war ich nicht nur dabei, sondern habe meinen Beitrag geleistet", sagt Ulf Findeisen.

Alte Wunden will der Erzgebirger nach über 30 Jahren nicht mehr aufreißen. Erreicht hat er ohnehin mehr als viele seiner Mitstreiter. Was gar nicht hoch genug zu bewerten ist: Nach seinem Horrorsturz 1986 auf der Flugschanze am Kulm überwand er das Trauma und kehrte erfolgreich auf die Schanzen zurück. 1986/87 stand er als Gesamtdritter auf dem Podest der Vierschanzentournee. Und außerdem: Wer kann schon von sich behaupten, dass er zu DDR-Zeiten in Oslo an einen Kiosk gegangen ist, weil er eine Postkarte kaufen wollte und sich dann selbst darauf entdeckte? "Da habe ich nicht schlecht gestaunt, dass auf der Ansichtskarte mein Schanzenrekordflug von Harrachov abgebildet war." Die 178 Meter am Teufelsberg bedeuteten damals eine gigantische Weite. Gefragt nach den Urheberrechten hatte ihn niemand. Ulf Findeisen zahlte die Postkarte mit seinem Taschen(west)geld und nahm sie im Koffer mit nach Hause.

Von Nykänen bis Domen Prevc

Acht verschiedene Weltcupsieger gab es bisher in Klingenthal. Noch keiner deutscher Springer konnte sich in die Siegerliste eintragen:
1986: Matti Nykänen (Finnland) 2007: Gregor Schlierenzauer (AUT)
2009: Gregor Schlierenzauer
2010: Simon Ammann (Schweiz) 2011: Kamil Stoch (Polen)
2012: abgesagt
2013: Jaka Hvala (Slowenien)
2014: Krzysztof Biegun (Polen)
2015: Daniel-André Tande (NOR)
2016: Domen Prevc (Slowenien).

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