Der weinende König

Seine Krankenakte ist dick, Rückschläge kennt Arthur Abele zur Genüge. Doch Aufgeben war für den Zehnkampf-Europameister nie eine Option.

Berlin.

Der "König von Europa" konnte nicht reden. Gefragt nach seinen Gefühlen, rang Arthur Abele gestern auf der Pressekonferenz des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) um Worte, pustete mehrmals kräftig durch und dann schossen ihm Tränen ins Gesicht. Die Emotionen hatten den Europameister im Zehnkampf überwältigt, in die Knie gezwungen. Dies hatten seine Gegner an zwei knüppelharten und heißen Tagen zuvor nicht geschafft. Mit 8431 Punkten setzte sich der erste deutsche Goldmedaillengewinner von Berlin vor dem unter neutraler Flagge startenden Russen Ilja Schkurenjow (8321) durch. Dritter wurde der Weißrusse Vitali Schuk mit 8290 Punkten. Der frühere Junioren-Weltmeister Niklas Kaul (8220) aus Mainz kam auf einen starken vierten Platz.

Um das berührende Gefühlskarussell des 32-jährigen Siegers zu verstehen, muss man in den Dezember zurückblicken. Als Arthur Abele nach einer Mandelentzündung eines Morgens aufwachte, war seine linke Gesichtshälfte gelähmt. "Ich dachte, ich hatte einen Schlaganfall", erzählte der Sportsoldat vom SSV Ulm, der sich mit einem Virus bei seinem Sohn Jay Travis angesteckt hatte. Die Ärzte im Bundeswehrkrankenhaus stellten einen sogenannten Spontaninfekt, der den Gesichtsnerv lähmt, fest. Die Mediziner rieten zu einer Cortison-Therapie, die zum Glück schnell anschlug, aber ihn auch sechs Kilo schwerer machte sowie Bänder und Gelenke belastete. Daraus wiederum ergaben sich Probleme mit den Achillessehnen. Erst im März konnte der Schwabe mit dem Training beginnen. Der Zug ins Olympiastadion drohte ohne ihn abzufahren. Doch der ehrgeizige Athlet sprang doch noch auf. "Das ist die Message: Nie aufzugeben, wenn man einen Traum hat", sagte Abele am späten Mittwochabend..

Mit gesundheitlichen Rückschlägen kennt sich der älteste Zehnkampf-Europameister der Geschichte wahrlich aus. Zwischen 2008 und seinem Deutschen Meistertitel 2013 konnte er verletzungsbedingt keinen Wettkampf beenden. "Er war fast fünf Jahre lang raus, so etwas gibt es eigentlich gar nicht", staunte Bundestrainer Rainer Pottel in Berlin. Achillessehnenriss, Schambeinentzündung, Bandscheibenvorfall sind nur drei Beispiele aus seiner Krankenakte, die noch viel, viel dicker ist. Als Arthur Abele gestern Morgen gebeten wurde, seine Verletzungen "kurz" aufzuzählen, meinte er lächelnd: "Habt ihr ein bisschen Zeit?" Und dann fügte er an. "Ich möchte darüber gar nicht groß reden. Aber ich bin immer stärker zurückgekommen, als ich gegangen bin."

Jetzt will Arthur Abele bleiben, mindestens bis Olympia 2020 in Tokio. "Ich spüre hintenheraus die zweite Luft und versuche, sie zu nutzen. Wenn ich mich nicht verletze, kann ich weit vorn dabei sein", sagte der "König der Athleten", wie der jeweils beste Zehnkämpfer genannt wird. Eine Disziplin, in der die EM-Gastgeber eine lange Erfolgsgeschichte geschrieben haben. Willi Holdorf war 1964 der erste deutsche Olympiasieger. Der Hüne aus Norddeutschland, inzwischen 78 Jahre alt und in Berlin vor Ort, hatte Arthur Abele in einem Interview einmal als "großen Kämpfer" gelobt. Wie recht er doch hatte. (tt)

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