Deutsche Profis nur Außenseiter beim Ritt durch die Höll'

Wer wird Straßenrad-Weltmeister 2018? Im Peloton strampelt auch ein gebürtiger Erzgebirger, der die Strecke rund um Innsbruck bestens kennt.

Innsbruck/Chemnitz.

Radprofi Marcus Burghardt könnte theoretisch am Sonntagfrüh im eigenen Bett aufwachen, daheim mit seiner Frau und den zwei gemeinsamen Töchtern frühstücken, bevor er die rund 20 Kilometer von seinem Wohnort Samerberg zum Start des WM-Straßenrennens (9.30 Uhr/live bei Eurosport) nach Kufstein zur Erwärmung radelt. Praktischerweise weilt der gebürtige Zschopauer seit Donnerstag in den Tiroler Alpen, besichtigte am Donnerstag mit seinem ehemaligen Übungsleiter vom RSV Venusberg, Klaus Fischer, und dem belgischen Olympiasieger Greg Van Avermaet die WM-Strecke. Wie anspruchsvoll das Terrain bei diesen Titelkämpfen über 258,5 Kilometer ist, wusste der Erzgebirger bereits. "Ich kenne mich hier aus, weil ich auch oft auf den Straßen trainiere. Der Rundkurs ist dennoch auch für mich Neuland. Dort wird sich die Spreu vom Weizen trennen", blickt Marcus Burghardt voraus.

Wenn dies am Sonntag geschieht, sollte der Erzgebirger sein Tagwerk schon vollbracht haben. Wie in seinem Rennstall Bora-hansgrohe leistet Burghardt auch im WM-Rennen Helferdienste. Diesmal allerdings nicht für den slowakischen Titelverteidiger Peter Sagan, sondern für die Kapitäne aus Deutschland, das mit dem sprintaffinen Maximilian Schachmann und dem kletterbegabten Emanuel Buchmann zwei Trümpfe in der Hand hält. Allerdings sind die Vorzeichen nicht die besten: Schachmanns Rückstand im Zeitfahren von über dreieinhalb Minuten auf Sieger Rohan Dennis dürfte sein Selbstvertrauen nicht gerade gestärkt haben. Und bei Buchmann "muss man erst mal sehen, wie er die Vuelta körperlich verkraftet hat. Ich denke, da war er am Ende ganz schön breit", schätzt Burghardt ein.

Und der Wahl-Bayer muss es wissen. Schließlich fuhr er mit Sagan und Buchmann gemeinsam die Spanien-Rundfahrt in Diensten von Bora-hansgrohe. Beim Rennstall aus dem bayerischen Rauball besitzt der 1,89 Meter lange Sachse noch bis Ende 2019 Vertrag. Geplant war die dreiwöchige Plackerei in Spanien ursprünglich nicht, sondern wie üblich Starts bei den Eintagesrennen. Doch die Teamleitung kam kurzfristig auf Burghardt zu, um ihn für die Flachetappen der Vuelta als zuverlässigen Wasserträger für Sagan einzuspannen. "Da habe ich kurz meine Frau gefragt und zugesagt", meint er und schmunzelt.

Dass der mittlerweile 35-Jährige so begehrt ist, hat vor allem auch mit seiner Erfahrung zu tun. In seinem sechsten WM-Rennen wird die besonders gefragt sein. Denn anders als bei den Rundfahrten ist der Funkkontakt zu den Teamleitern untersagt. Marcus Burghardt: "Du musst also noch schneller, je nach Rennsituation, Entscheidungen treffen. Darauf kommt es an." Für die Umsetzung bedarf es allerdings auch guter Beine. Um die sorgt sich der Edelhelfer weniger, gibt aber zu: "Nach der Tour de France und der Vuelta war es schwer, vor allem vom Kopf her, sich nochmal zu motivieren. Aber ich habe ja nach der WM frei", freut sich der Deutsche Meister von 2017 auf Urlaub mit der Familie.

Zuvor heißt es auf die Zähne zu beißen. Schon bis zur Einfahrt in den Rundkurs im Süden von Innsbruck kommen die Profis auf rund 1000 Höhenmeter. Und dann geht es erst richtig los. Auf den sieben Runden (je 450 Höhenmeter) ist jedes Mal ein sechs Kilometer langer Anstieg hinauf zur Olympiabobbahn nach Igls zu bewältigen, bevor es in einer Hochgeschwindigkeitsabfahrt zurück in Richtung der Tiroler Landeshauptstadt geht. Der bei gutem Wetter traumhafte Blick auf den Innsbrucker Hausberg Patscherkofel wird die Besten im Peloton nicht berühren. Kurz vor dem Ziel folgt die finale Qual durch die "Höttinger Höll'", wie der Anstieg mit bis zu 28 Prozent Steigung genannt wird. Nach der anschließenden Abfahrt wird die Nachfolge von Peter Sagan geklärt sein. Bei einem erneuten Triumph wäre Sagan der erste Profi in der Geschichte des Radsports, der zum vierten Mal in Folge das Regenbogentrikot erobert.

Experten glauben aber, dass der Slowake für den Bergkurs zu viele Kilos auf den Rippen trägt. Deshalb werden u. a. der französische Tour-Bergkönig Julian Alaphilippe, Vincenzo Nibali (Italien), die Kolumbianer um Nairo Quintana, die britischen Zwillingsbrüder Simon und Adam Yates oder Primoz Roglic als Topfavoriten gehandelt. Aber vielleicht gelingt ja einem der starken Lokalmatadoren um Patrick Konrad ein Überraschungscoup. Dann bliebe der Weltmeister weiter in Diensten des deutschen Bora-Rennstalls - als hochdekorierter Teamkollege von Marcus Burghardt also.

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