Dicke Bretter, dünnes Eis

Seit Anfang Juni ist Jens Morgenstern neuer Geschäftsführer der Wintersport Altenberg GmbH, die die Bob- und Rodelbahn in Altenberg betreibt. Auf den gebürtigen Karl-Marx-Städter warten am Schauplatz der nächsten Bob-WM große Herausforderungen.

Altenberg/Chemnitz.

"Da kommt jetzt irgend so ein Wessi ..." So hauchte es durch die Wälder des Osterzgebirges, als der Name des Nachfolgers von Matthias Benesch als Chef der Altenberger Bob- und Rodelbahn noch ein Gerücht war. Nun ist Jens Morgenstern, der in den vergangenen 25 Jahren im Sauerland zu Hause war, im Amt. Oft muss der 53-Jährige erklären, dass er ein Sachse ist, als solcher fühlt und denkt. "Ach so. Dann wird ja alles gut", ist nicht selten die Antwort des Gegenübers.

Ob wirklich alles gut wird, kann Morgenstern nicht versprechen. Alles so gut wie möglich anzupacken, schon. Die Betreibung der Bahn in einer strukturschwachen Region, in einem Landkreis, der viele andere Probleme als das mit dem Wintersport kennt, ist ein schwieriges Geschäft. In den 90er-Jahren stand die Anlage kurz vor dem Aus. "Keiner wollte Verantwortung übernehmen, keiner das finanzielle Risiko tragen", erinnert sich Wolfgang Landt, erster Chef der 2007 zur Betreibung in Trägerschaft des Landkreises gegründeten Wintersport Altenberg GmbH (WiA). Es hat funktioniert, doch es bleibt kompliziert. Rund 700.000 Euro an öffentlichen Zuschüssen verschlingt die Bahn, die seit Sommer 2018 offiziell Enso-Eiskanal heißt, jährlich. Die acht festangestellten Mitarbeiter der WiA müssen bezahlt werden, die 15 saisonalen Mitarbeiter auch. Der Chef muss dafür sorgen, dass auch im Sommer ein paar Taler in die Kasse kommen. Und dafür, dass Athleten aus aller Welt von Oktober bis März beste Bedingungen im vom Bobstart bis ins Ziel 1411 Meter langen Eiskanal vorfinden. "Dafür", sagt Jens Morgenstern, "haben wir hier mit Ralf Mende den besten Eismeister der Welt."

Der neue Geschäftsführer kennt sich aus im Kohlgrund und im Metier. Geboren in Karl-Marx-Stadt, aufgewachsen in Zwickau, dort bei der BSG Lok zum Rodler geworden, als 14-Jähriger dann an der KJS Zimmernachbar des heutigen Co-Bundestrainers Torsten Görlitzer, hatte er eine große Sportkarriere vor Augen. Doch die ging nicht so richtig los. Der junge Mann dachte um. Es folgten eine Berufsausbildung mit Abitur - den praktischen Teil absolvierte er im Werdauer W50-Werk - und ein Sportstudium an der DHfK Leipzig, fertig war der Trainer. Ein Trainer, der nun nach der politischen Wende nicht mehr so recht gebraucht wurde. Als ABM-Kraft angelte er sich über die nächsten zwei, drei Jahre - bis 1994 das Angebot aus Winterberg kam. Dort wurde er gebraucht, dort baute er sich ein Leben und eine Karriere auf. Die beiden Kinder sind mittlerweile Studenten, die Ehefrau, die aus Dresden stammt, wo auch ihre Eltern wohnen, über die Heimkehr nach Sachsen durchaus erfreut. Morgenstern war bis 2006 nordrhein-westfälischer Landestrainer der Rodler, er nennt es "zwölf Jahre Aufbau West". Er war Geschäftsstellenleiter des Kreissportbundes im Hochsauerlandkreis, Präsident des Bob- und Schlittensportclubs Winterberg, Mitorganisator von zahlreichen nationalen und internationalen Wettkämpfen. Und er war Vorstandsmitglied, zeitweise auch Vorsitzender des örtlichen Stadtmarketingvereins. Eine Vernetzung der Interessen, wie er sie sich jetzt auch für Altenberg vorstellt.

Er ist ganz am Anfang. Vom nach seiner Bewerbung erfolgten Anruf aus Sachsen bis zur Entscheidung, den Job anzunehmen, dauerte es nur wenige Tage. Bis zur Verwirklichung seiner Pläne wird Jens Morgenstern länger brauchen. "Wir bentötigen vor allem bessere Verbindungen zur Stadt", gibt ihm Wolfgang Landt mit auf den Weg. In Altenberg müssen Gräben zugeschüttet und Brücken gebaut werden. Tourismus und große Wintersportereignisse stehen sich oft eher im Weg, als dass sie sich befruchten. Die TV-Topsportart Biathlon fristet hier oben trotz bester Bedingungen mit Schießtrainingshalle und zumindest europacuptauglicher Anlage ein Mauerblümchendasein.

"Ich will keine Probleme wälzen, sondern Lösungen finden", erläutert Morgenstern seine Arbeitsweise. Zuerst einmal für das nächstliegende Großprojekt, die Bob- und Skeletonweltmeisterschaft 2020, für die Altenberg im kommenden Winter vom 17. Februar bis 1. März Gastgeber ist. Neue Plateaus für die zahlreich zu erwartenden Zuschauer sollen gebaut werden, die Bäume an den vorgesehenen Plätzen neben der Bahn sind bereits gerodet. "Die WM wird unser Aushängeschild für die nächsten Jahre. Sie bringt uns Strahlkraft, sie muss gelingen", ist dem Neuen klar.

Für 2021 ist der mit 3,4 Millionen Euro Kosten kalkulierte Umbau des Eiskanals zwischen den Kurven 11 und 14 vorgesehen. In diesem Abschnitt der Bahn gab es in den letzten Jahren viele Stürze, Rodler wie Bobfahrer verloren hier die Kontrolle über ihr Sportgerät. 2009 erwischte es hier den Bobpiloten Robert Göthner, der nach seinem Crash wochenlang im Koma lag, nach einer schweren Wirbelverletzung nur mühsam wieder laufen lernte.Und Anfang dieses Jahres stürzte an derselben Stelle Johannes Lochner, sein Anschieber Christopher Weber verbrannte sich die Schulter und fiel monatelang aus. "Die Schlitten werden immer schneller, die Entschärfung ist notwendig", sagt Morgenstern. "Königsseeund Oberhof haben ähnliche Umbauten schon hinter sich. Und wir müssen nachziehen, wenn wir im nationalen und internationalen Konkurrenzkampf weiter mithalten wollen."

Das bezieht sich auch auf den Hospitalitybereich, der zwar fein, aber im Vergleich zu Winterberg oder vor allem Königssee aber auch lächerlich klein ist. Damit die Männer und Frauen mit den dicken Portemonnaies genügend Platz haben, um bei Schnittchen und Sekt auf die Bahn blicken zu können, hilft im Kohlgrund nur ein Extrazelt. Morgenstern will das ändern. Etwas verändern muss er auch an den Juniorenstarts in Höhe der Kurven 8 und 9. Die sollen Weichen bekommen. Die Startvorrichtungen, die momentan noch mitten in die Bahn gehoben werden, sind ab 2022 nicht mehr zulässig. Und noch ein Projekt hat der WiA-Chef: Er will den Bobstart komplett überdachen. Das Gezeter der Athleten, deren Schlitten im Schatten auf den Einsatz warten, über die, deren Bobs in der Sonne stehen und so wärmere Kufen haben, mag er nicht mehr hören.

Ein Zimmer weiter 

Der bisherige WiA-Chef Matthias Benesch (Foto) zieht im Bürogebäude am Eingang zur Altenberger Bahn nur ein Zimmer weiter. Der 50-Jährige übernimmt als Nachfolger des in den Ruhestand verabschiedeten Wolfgang Strauß die Geschäftsführung des Rennrodel-, Bob- und Skeletonverbandes für Sachsen (RBSV).

Auch auf dem Posten des Bahnkoordinators gibt es einen Wechsel: Ulrich Hahn, der ebenfalls in den Ruhestand geht, wird von Tino Klein abgelöst, der nun für die Planung und Organisation des Bahnbetriebes sowie die Betreuung und Wartung der technischen Anlagen verantwortlich ist. Klein war seit vielen Jahren als Messtechniker und Bahnsprecher im Kohlgrund beschäftigt.

Für die Skeleton- und Bobweltmeisterschaft im kommenden Winter werden an sofort Volunteers gesucht. Interessierte können sich auf der Internetseite über die verschiedenen Einsatzgebiete, für die freiwillige Helfer gesucht werden, informieren und sich zugleich online registrieren.

https://altenberg2020.de/

 

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...