"Die EM-Absage trifft mich hart"

David Storl über mangelnde Wettkampfpraxis, einen positiven Nebeneffekt der Coronakrise, die Drehstoßtechnik und viele spannende Ziele

Chemnitz.

19 internationale Medaillen hat David Storl (DHfK Leipzig) seit 2007 gewonnen. Bei der Leichtathletik-WM 2019 in Doha musste der 29-Jährige jedoch zuschauen. Wegen einer Rückenverletzung hatte er die Saison im August abgebrochen. Erst im Dezember stieg der jüngste Kugelstoß-Weltmeister der Geschichte (2011) wieder ins Training ein. Der gebürtige Rochlitzer, der von Wilko Schaa betreut wird, will sich wieder an die Weltspitze heranpirschen, die Olympiaverschiebung passt ihm dennoch gut. Thomas Treptow sprach mit David Storl.

Freie Presse: Kürzlich wurde auch die Leichtathletik-EM im August in Paris abgesagt. Wie hart trifft Sie das, nachdem schon der vergangene Sommer alles andere als optimal verlief?

David Storl: Paris war für uns ein Orientierungspunkt. Als im März die ganzen Einschränkungen begannen, haben wir darauf gehofft, dass im September eine halbwegs normale EM möglich ist - vielleicht ohne Zuschauer. Darauf haben wir spekuliert, ohne die Absage auszuschließen. Jetzt ist es so gekommen - und ja, das trifft mich persönlich schon hart. Ich hatte mich darauf gefreut, das Jahr noch zu einem versöhnlichen Abschluss zu bringen. Es hat nicht sollen sein, weil viele Faktoren vor dem Sport stehen. Das ist auch in Ordnung. Wir alle müssen damit umgehen können.

Gerade für Sie wäre Wettkampfpraxis wichtig ...

Korrekt. In meiner Situation, mit den ganzen Rückschlägen im vergangenen Jahr, ist das gerade das Wichtigste. Jetzt müssen wir schauen, was im Juni, Juli, August passiert. Wir hoffen immer noch, dass es unter bestimmten Voraussetzungen ein paar kleinere Wettkämpfe gibt. Auch die Deutschen Meisterschaften sind noch nicht abgesagt. Wir trainieren auf jeden Fall weiter, wollen die Leistung entwickeln und eine Form ausprägen. Sobald etwas möglich ist, wollen wir etwas zeigen. Es macht auch keinen Sinn und keinen Spaß, die ganze Zeit im allgemeinen Training rumzuhängen. Dann ist man austrainiert und fit, aber als Schnellkraftsportler musst du auch mal zünden können.

Ist es schwer, sich in der momentanen Situation zu motivieren?

Nein. Ich bin froh, dass ich trainieren kann. Zwei, drei Tage lang gab es eine kleine Hängepartie, bis der Beschluss vom sächsischen Innenministerium kam. Im Großen und Ganzen konnten wir in Leipzig aber ohne Einschränkungen durchtrainieren. Ich bin total motiviert und wir haben einen Plan, wie wir durch diesen chaotischen Sommer kommen wollen. Dazu gehören auch Trainingswettkämpfe. Zudem glaube ich, dass sich noch andere Möglichkeiten auftun werden. Schauen wir mal.

Idriss Gonschinska, der Generaldirektor des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, hat virtuelle Duelle ins Spiel gebracht. Was halten Sie davon?

Das ist schwer. Im Kugelstoßen geht es vielleicht noch am einfachsten, weil Faktoren wie etwa der Wind keine Rolle spielen. Aber etwa bei einem 100-Meter-Lauf hat der eine vielleicht zwei Meter pro Sekunde Rückenwind, der andere nur einen Meter pro Sekunde. Ideen sind aber gut, denn die Athleten, die tagtäglich trainieren, wollen ihre Leistung auch präsentieren.

Wie gestaltet sich das Training unter Corona-Bedingungen?

Es klingt zwar blöd, weil viele unter den Einschränkungen leiden müssen, aber für mich ist es sogar besser als vorher. Die Anlagen sind leer. Es sind keine Schulklassen drauf. Gerade vormittags ist das immer ein Thema. Große Trainingsgruppen, die Platz und Kapazitäten benötigen, sind nicht da. Insofern kann ich quasi schalten und walten wie ich will.

Sie sind verheiratet, haben eine Tochter im schulpflichtigen und einen Sohn im Kindergartenalter. Es ist im Moment sicher nicht ganz einfach, das alles unter einen Hut zu bringen?

Da habe ich Riesenglück, dass ich bei der Bundespolizei angestellt und komplett abgesichert bin. Meine Frau Marie ist Lehrerin in Wittgensdorf, wo es eine überschaubare Notbetreuung gibt. Im Moment muss sie so alle zehn Tage einen Tag arbeiten, dass lässt sich mit dem Training super vereinbaren und vorausplanen. Die Kinderbetreuung übernimmt Marie zu 99 Prozent.

Dass Sie mehr zu Hause sind, als in einer normalen Saison, stört die Kinder aber sicher nicht?

Das ist ein positiver Nebeneffekt der Coronamisere. Als Familie sind wir mehr zusammengerückt. Du hast immer mit den Kindern zu tun, sie sind immer um dich herum. Das ist schön, man lernt das auch zu schätzen. Dennoch spüre ich, dass den Kids ihr normaler Alltag, ihre Freunde oder die Großeltern, sehr fehlen.

Hat sich durch die Coronakrise die Sicht auf gewisse Dinge verändert?

Man lernt die Familie noch mehr zu schätzen. Wir hatten diesen Gemeinsinn schon immer, aber in so einer schweren Phase merkt man erst einmal, wie harmonisch alles abläuft. Auch nach fünf Wochen gehen wir uns noch nicht auf die Nerven. Natürlich gibt es Situationen, wo dem einen oder anderen die Decke auf die Kopf fällt, aber das hält sich in Grenzen.

Zurück zum Kugelstoßen: Bei der WM 2019 in Doha ging Gold mit unglaublichen 22,91 Metern, Silber und Bronze mit jeweils 22,90 Metern weg - die drei Erstplatzierte waren alles Drehstoßtechniker. Was ist Ihnen da als Zuschauer zu Hause vor dem TV durch den Kopf gegangen?

Das war einfach beeindruckend, ein WM-Finale, das seinesgleichen sucht. Mal sehen, ob das in der Stärke und Breite so schnell noch mal passiert. Aber ich habe in dem Moment vor allem festgestellt, dass ich mit der Saisonabbruch die absolut richtige Entscheidung getroffen habe. Wäre ich hingefahren, wäre das komplett in die Hose gegangen.

Wo stehen Sie jetzt?

Jetzt habe ich die Chance, mir eine gute Basis aufzubauen. Da sind wir gerade dabei, und ich habe ein gutes Gefühl bei der ganzen Geschichte. Der Druck ist zudem raus. Im Endeffekt habe ich erst im Januar wieder mit Kugelstoßen angefangen. Da hattest du immer den Drang, das muss irgendwie klappen. Kommt ein kleiner Rückschlag, machst du dir noch mehr Druck. Dieser ist komplett weg. Wir können ganz entspannt und optimistisch auf die Olympischen Spiele, wenn sie denn 2012 stattfinden, hinarbeiten. Ob ich nächstes Jahr 22,90 Meter stoßen kann, das steht in den Sternen. Aber wir sind auf einem Weg, an dessen Ende ich wieder eine gute und respektable Leistung erbringen kann.

Es ist nicht neu, dass die Drehstoßtechniker das Kugelstoßen dominieren, aber als Angleiter gelten Sie quasi als letzter Überlebender in der Weltspitze. Sie werden auch immer wieder darauf angesprochen, ob eine "Umschulung" zum Drehstoßer nicht sinnvoll wäre. Jetzt auch.

Ich weiß einfach nicht, ob es die Technik ist, mit der ich mich innerhalb von zwei Jahren so etablieren kann, dass ich gute Ergebnisse erziele und ein stabiles Niveau über den Sommer aufbaue. Von daher ist das Thema für mich vom Tisch. Wir haben noch einmal kurz darüber nachgedacht, als die Olympischen Spiele verschoben wurden. Ich glaube aber, die aktuelle Situation gibt es nicht her, etwas von Grund auf neu zu lernen. Da hängt eine Förderstelle bei der Bundespolizei, Sponsorenverträge dran, Kadernominierungen und, und ... Ich bin total zufrieden, mit dem, was ich mache und überzeugt davon. Um Leistung zu bringen, braucht man aber Kontinuität im Training und entsprechend meinem aktuellen Gesundheitszustand viel Fingerspitzengefühl.

Die Verschiebung der Olympischen Spiele dürfte Ihnen also passen?

Das war für mich ein total glücklicher Umstand. An dem Tag, als die Entscheidung getroffen wurde, ist mir ein Stein vom Herzen gefallen. Ich stand unter Zeitdruck. Mit dem Wegfall des Winterwurf-Europacups und den vielen Fragezeichen hinter anderen Wettkämpfen, hätte ich - ohne Vorleistung aus 2019 - gar keine Chance bekommen, mich zu qualifizieren. Von daher war ich echt erleichtert über die Olympiaverschiebung - und es ist auch die einzig vernünftige Entscheidung. Jetzt holen wir neu Anlauf.

Während der Spiele 2021 in Tokio werden Sie 31 Jahre alt. Das ist noch kein Alter für einen Kugelstoßer, um an das Karriereende zu denken. Oder?

Mit zwei Kindern musst dir schon Gedanken machen, was passiert, wenn der Tag X da ist. Mit meinem Arbeitgeber habe ich aber eine solide Grundabsicherung. In diesem Jahr wäre der Aufstieg in den gehobenen Dienst ein Thema gewesen, das ist jetzt vertagt. Diese Option möchte ich aber langfristig verfolgen, und es ist ja auch ein abwechslungsreicher Beruf. Die nächsten Jahre werden aber sicher sehr intensiv. Olympische Spiele, Welt- und Europameisterschaften, Hallen-WM und EM, Team-EM. Da drängen sich utopisch viele Höhepunkte. Das wird spannend. Da gibt es so viel zu tun, da bekomme ich gar nicht mit, dass ich älter werde.


Einen Monat für
nur 1€ testen.
Verlässliche Informationen sind jetzt besonders wichtig. Sichern Sie sich hier den vollen Zugriff auf freiepresse.de und alle FP+ Artikel.

JETZT 1€-TESTMONAT STARTEN 

Coronavirus: Unser Angebot zur Lage in Sachsen, Deutschland und der Welt

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.