Die Freude zweier Konkurrenten

Sachsens Kombinierer Eric Frenzel holt sein zweites Gold - gemeinsam mit seinem Dauerrivalen Johannes Rydzek. Zuvor hatte die deutsche Langlaufstaffel beim Sieg der Norweger ein beherztes Rennen auf Platz sechs beendet.

Lahti.

Als das vierte Gold im vierten Wettkampf für die deutschen Kombinierer perfekt war, rauschte Johannes Rydzek fast an seinem im Ziel wartenden Teamgefährten Eric Frenzel vorbei. Im Stile eines Eisschnellläufers war der Oberstdorfer kurz vor der Zielkurve am Norweger Magnus Krog vorbeigeskatet. Mit wuchtigen Stockschüben raste der Bayer über die Linie und krönte sich zum König dieser Weltmeisterschaften in Lahti. Langläuferin Marit Bjørgen könnte am Samstag mit ihrem vierten Gold noch gleichziehen.

Am Fazit des ergriffenen Bundestrainers Hermann Weinbuch würde das nichts ändern. "Nach erfolgreichen Zeiten mit Ronny Ackermann und jetzt mit Eric ist der ,Ritschi' aus seinem Schattendasein herausgetreten und selbst ein bisschen zur Lichtgestalt geworden", sagte Weinbuch stolz wie Bolle. Und der Gelobte wusste gar nicht so recht, wie er mit der geballten Anerkennung umgehen sollte: "Lichtgestalt klingt irgendwie so unreell. Ich bleibe aber immer der Gleiche, der ich bin."

Sportlich verändert hat sich Rydzek in diesem Winter auf jeden Fall. Wie der 25-Jährige das Laufduell mit den Norwegern erst gelesen und dann in seinem Endkampfplan verarbeitet hatte, verdiente das Prädikat Weltklasse. Weil die Wikinger am Freitag bei nassen Neuschneebedingungen erstklassige Langlaufbretter besaßen, hob sich Rydzek seine Attacke nicht wie im Einzel, als er noch am letzten Berg attackiert hatte, diesmal bis zur finalen Abfahrt auf. Denn selbst eine schwer erkämpfte Lücke hätte Krog bergab ins Stadion wieder wettgemacht. "Ich habe auf meine Stärke vertraut und bis zuletzt gezockt. Auf jeden Fall wollte ich die Innenbahn nehmen, weil es mir außen im tieferen Schnee schwierig erschien", beschrieb der Allgäuer seine Meisterleistung.

Sein Teamgefährte Eric Frenzel hatte nicht weniger Anteil am beeindruckenden Auftritt der Dauerrivalen in dieser Saison. Der Erzgebirger fliegt am Samstag mit zweimal Gold und einmal Silber im Gepäck nach Hause. Damit avancierte der 28 Jahre alte Familienvater zum erfolgreichsten Sachsen dieser WM in Lahti. Vier Titel, viermal Silber und zwei Bronzemedaillen bei Weltmeisterschaften stehen nunmehr in der Vita des Olympiasiegers. Kumpel Richard Freitag ist davon noch ein Stück entfernt, könnte aber am Samstag im Teamwettbewerb der Spezialspringer das Medaillenkonto in der Oberwiesenthaler WG noch aufbessern. Der 25-Jährige wurde nach dem Training neben Wellinger, Eisenbichler und Leyhe nominiert.

Eric Frenzel wird die Daumen drücken und dann bereits schon wieder den einen oder anderen Gedanken an die kommenden Wochen verschwenden. Denn nach dem Essen mit der Mannschaft am Freitagabend fuhr um 5.45 Uhr der Bus in Richtung Flughafen ab. Dass Frenzel und Rydzek unisono nach solch erfolgreichen WM-Tagen nur von "einem Bierchen" und keiner gemeinsamen Sause sprachen, lässt tief blicken in den ehrgeizigen Konkurrenzkampf. Auf dem Podest gab es noch kurz eine Umarmung und ein Lächeln für die Fotografen; doch ab Samstag sind die Athleten wieder sportliche Gegner. Es stehen im verbleibenden Winter noch vier Weltcups an - in Oslo, Trondheim und zwei in Schonach. Rydzek hat die Nase aktuell mit 36 Zählern Vorsprung vorn. Dreht Frenzel die Gesamtwertung noch, würde er ein weiteres Kapitel in der Geschichte der Kombination schreiben. Noch nie hatte zuvor ein Winterzweikämpfer fünfmal in Serie den Gesamtweltcup gewonnen. Bisher teilte sich Eric Frenzel diesen Rekord mit dem in Lahti zurückgekehrten Finnen Hannu Manninen.

Ob es schwierig wird, vom Goldduo wieder in die Rolle des Jägers zu schlüpfen, wollte Eric Frenzel der Reporterschar nicht detailliert erklären. "Wir sind gut befreundet. Die Situation zwischen uns wird sich nicht ändern", sagte er nur. Wer Frenzel kennt, wird sich denken können, dass er sich als Nummer zwei nicht zufriedengeben wird. Die Herausforderung besteht darin, so einen Endspurt hinzulegen, wie es seinem Teamgefährten auch nach drei WM-Rennen noch so kraftvoll gelang. Weinbuch beobachtet das Duell weiter - nicht ganz ohne Sorge. "Die Gefahr besteht schon, dass wir uns selbst zerfleischen, da jeder ganz nach oben will", sagte der Chefcoach: "Das ist unsere Herausforderung für die Zukunft."

Norwegen kann es auch ohne Northug

Deutsche Herrenstaffel kämpft bravourös bis zum Schluss um Medaille und wird Sechster - Finne stürzt im Finale

Über 30.000 Fans, Spannung pur und sogar die deutschen Loipenspezialisten liefen im tiefen Pappschnee zur Hochform auf: Die zu den populärsten WM-Entscheidungen zählende Herrenstaffel hielt am Freitag in Lahti, was sie versprach. Und sie endete so, wie sie seit 2001 an gleicher Stätte bei allen darauffolgenden Weltmeisterschaften in die Statistik einging: mit einem Triumph der Norweger. Auch ohne ihr Supertalent Johannes Hoesflot Klaebo und dem bei dieser WM noch medaillenlosen Petter Northug (5. im Sprint) brachten die Wikinger das aus ihrer Sicht wichtigste Gold unter Dach und Fach. Der mehrmalige Weltmeister Northug gehörte seit Sapporo 2007 jeder Goldstaffel an. Diesmal aber wurde der 31 Jahre alte Star nicht nominiert. Morgen beim Marathon soll er seine letzte Medaillenchance wahrnehmen.

Von seinen Teamgefährten holte Martin Johnsrud Sundby im Freistilduell mit dem Russen Alexej Tscherwotkin den entscheiden Sekundenvorsprung heraus. Finn Haagen Krogh ließ sich vom leidenschaftlich kämpfenden Sergej Ustjugow nicht mehr einholen. Dahinter faszinierte der Kampf um Bronze, in dem auch die Deutschen ein Wörtchen mitreden konnten. Startläufer Thomas Bing war im Vergleich zum 15-km-Einzel (Platz 45) nicht wiederzuerkennen. "Es ist einfacher, den Schritt eines Läufers aufzunehmen, als allein die Pace zu machen", begründete Bing seine Steigerung. Während Jonas Dobler von Rang vier auf sechs zurückfiel, wuchs Florian Notz über sich hinaus. Im Windschatten des Schweden Marcus Hellner führte der U-23-Weltmeister (2015) die Staffel auf Platz drei, sodass sich im Schlussakt des Krimis nach teilweisen Stehversuchen ein begnadetes Duell von vier Nationen um Bronze entwickelte.

Lucas Bögl suchte in der dritten Runde der 4-mal-2,5-km-Hatz sein Heil in der Flucht, konnte Curdin Perl (Schweiz), den später in der Zielkurve stürzenden Finnen Matti Heikkinen und den am Ende drittplatzierten Schweden Calle Halfvarsson aber nicht abschütteln. "Ich hatte mich stark gefühlt, da habe ich es probiert. Ich wusste, dass ich im Zielsprint chancenlos bin. Auch wenn es nicht gereicht hat, wenigstens habe ich es versucht", sagte Bögl im Ziel. Dort erhielt er die Glückwünsche von Nationaltrainer Janko Neuber: "Dass wir bis zum Schluss um Bronze dabei waren, ist die richtige Motivation für die Zukunft. Dieses Zutrauen brauchen die Jungs auch im Training. Wir müssen unsere Ausdauer weiter verbessern. Nur das kann der Weg sein", erklärte der Oberwiesenthaler und fügte an: "Jetzt bin ich aber erst mal froh. Man hat gesehen, wir sind noch da." (tp)

Hautnah Metallica

Lautsprecher ist er keiner, dieser Heikki Alakärppä. Eher ein Mann der leisen Töne. Dabei reicht nur ein Zauberwort, um den finnischstämmigen Skitechniker zum Sprechen zu animieren. Und das heißt: Metallica. Seine Idole trägt Heikki sein Leben lang hautnah mit sich, tätowiert auf den Armen. Über seiner Werkbank im Wachstruck der deutschen Langläufer hängt ein Foto von ihm gemeinsam mit Kirk Hammett, dem Leadgitarristen der Heavy-Metal-Band. "Das war 2008. Da war ich mit Jens Filbrich auf einem Metallica-Konzert in Prag. Einfach fantastisch", schwärmt Heikki.

Vielleicht kann den Finnen deshalb nichts aus der Ruhe bringen. Denn wenn der Ski nicht läuft, bekommen die Techniker schon mal den Frust der Trainer und Athleten zu spüren. Seit 21 Jahren wachst Heikki die Bretter im Weltcupzirkus, zuerst seinen Landsleuten, dann zwei Jahre den Japanern und seit 2007 den Deutschen, u. a. auch der Olympiasiegerin Claudia Nystad. Über seinen Kumpel Ismo Hämäläinen, damals Frauen-Bundestrainer, kam er in den deutschen Betreuerstab. An die Anfänge erinnert er sich genau: "Bei der ersten Teambesprechung habe ich kein Wort verstanden." Inzwischen kann er gut Deutsch. Wohnhaft ist er aber nur in Jyväskylä. Jenem gut zwei Autostunden nördlich von Lahti gelegenen Ort, aus dem Skisprungikone Matti Nykänen stammt. Zeit für einen Heimatbesuch hat der 51-Jährige während der WM aber keinesfalls, und einen Heimvorteil sieht er auch nicht. "Wir haben Techniker im Team, die waren genauso oft zum Weltcup hier wie ich." Dafür hat Heikki die größten Erfahrungswerte, wenn es um lebenserhaltende Besorgungen in Finnland geht. Kann ja nicht schaden zu wissen, dass es ab 21 Uhr im Supermarkt kein Bier mehr gibt, die Regale mit den Spirituosen zugehängt werden. In diesem Sinne: Vorhang zu fürs Tagebuch aus Lahti.

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