Die großen EM-Duelle: Harting gegen Harting und der Kampf der Stab-Generationen

Die am Montag beginnende Leichtathletik-EM in Berlin (6. bis 12. August) lebt auch von besonderen Rivalitäten und pikanten Konstellationen im direkten Vergleich. Der SID stellt acht heiße Duelle vor.

Jimmy Vicaut gegen Zharnel Hughes (100 m Männer):

Dass Leichtathletik-Europameisterschaften nicht den Glanz einer WM oder gar Olympias verbreiten, macht keine Disziplin so deutlich wie die 100 m der Männer - seit den Tagen eines Linford Christie laufen Europäer nicht mehr um die ganz großen Titel. Der Königssprint von Berlin ist dennoch ein feiner Wettbewerb mit dem Aufeinandertreffen der beiden großen Sprintnationen des Kontinents: Frankreich, vertreten von Europarekordler Vicaut, und Großbritannien, vertreten von Hughes, dem in der Karibik geborenen Senkrechtstarter und zweitschnellsten Briten der Geschichte - nach Christie.

Sergej Schubenkow gegen Orlando Ortega (110 m Hürden):

Irgendwie passend: Orlando Ortega, der Hürdensprinter, dessen Name wunderbar zu jedem Piratenkapitän eines Hollywood-Streifens passen würde, geht ins Duell zweier Athleten, die quasi unter "falscher Flagge" antreten. Ortega floh nach der WM 2013 aus seiner kubanischen Heimat und holte 2016 Olympia-Gold für Spanien. Schubenkow wurde 2015 für Russland Weltmeister, muss aber derzeit wegen der Suspendierung seines Verbandes unter neutraler Fahne firmieren. Der "Un-Russe" ist mit in diesem Jahr gelaufenen 12,92 Sekunden großer Favorit, Ortegas Karriere-Bestzeit von 12,94 kommt dem aber recht nahe.

Thomas Röhler gegen Johannes Vetter (Speer Männer):

Olympiasieger gegen Weltmeister, der zweitbeste Deutsche der Geschichte gegen den deutschen Rekordhalter, 93,90 m gegen 94,44 m. Eigentlich muss man gar nicht viel mehr zum Aufeinandertreffen dieser beiden Ausnahmewerfer anführen, die so verschiedene Speer-Philosophien verkörpern, elegant und technisch perfekt der eine (Röhler), unwiderstehlich brachial und kraftvoll der andere (Vetter). Außer vielleicht: Zum deutschen Meistertitel reichte es in diesem Jahr für beide nicht - den holte Andreas Hofmann, der auch in Berlin lachender Dritter sein will. Immerhin wären dann die internationalen Titel hübsch verteilt.

Robert Harting gegen Christoph Harting (Diskus Männer):

Die beiden Brüder wollen nicht über ihr privates Verhältnis (oder besser: nicht vorhandenes Verhältnis) sprechen, dementsprechend soll dies auch hier kein Thema sein. Wenngleich es nicht einfach ist, die Gemengelage im Fall Harting gegen Harting rein sportlich zu bewerten. Nun denn: Beide sind Olympiasieger, haben aber noch nie gemeinsam eine internationale Meisterschaft bestritten, bei der sie beide in Topverfassung waren. Bei Christophs olympischem Gold-Coup 2016 in Rio war Robert verletzungsbedingt in der Vorausscheidung gescheitert, als der dreimalige Weltmeister Robert 2017 in London sein WM-Comeback feierte, war Christoph nicht einmal qualifiziert. Berlin könnte der erste und letzte Schlagabtausch der Brüder auf internationaler Bühne werden, bevor Robert in Rente geht.

Renaud Lavillenie gegen Armand Duplantis (Stabhochsprung Männer):

Die Gegenwart der wohl spektakulärsten Disziplin der Leichtathletik trifft auf ihre Zukunft: Lavillenie, 31, hat bis auf diesen vermaledeiten WM-Titel alles gewonnen, was seine Sportart zu bieten hat, und hält den Weltrekord. Duplantis hat im Erwachsenen-Bereich noch keine nennenswerten Erfolge vorzuweisen, der Schwede ist aber so weit wie noch kein 18-Jähriger im Stabhochsprung vor ihm. Es ist eine Frage der Zeit, bis "Mondo" Duplantis die Sportwelt erobert. Einen ersten Schritt zur Wachablösung könnte er schon in Berlin machen.

Dafne Schippers gegen Dina Asher-Smith (100 m Frauen):

Seit dem Untergang von DDR und UdSSR mitsamt ihren zweifelhaften sportlichen Erfolgssystemen war der europäische Frauensprint selten auf einem derart hohen Niveau wie derzeit. Schippers, zweimalige Europameisterin über 100 und zweimalige Weltmeisterin über 200 m, ist kontinental längst nicht mehr unumstritten. Vor allem Asher-Smith, mit erst 22 Jahren schon schnellste Britin der Geschichte und in dieser Saison auf 10,92 Sekunden verbessert, kratzt am Thron der Niederländerin. In Deutschlands Jungstar Gina Lückenkemper und der Schweizer Aufsteigerin Mujinga Kambundji stehen zwei weitere "Sub-11"-Sprinterinnen parat - die 100 werden schnell, sie werden spannend.

Alina Talaj gegen Pamela Dutkiewicz (100 m Hürden):

Nach einer bemerkenswerten Entwicklung wäre Pamela Dutkiewicz eigentlich reif für das ganz große Ding und die Nachfolge von Cindy Roleder als Hürden-Europameisterin. Die Wattenscheiderin hat allerdings ein gewichtiges Problem weißrussischer Herkunft: Talaj, Europameisterin 2012, sprintete Ende Mai in St. Pölten mit 12,41 Sekunden so schnell über die zehn Hindernisse wie seit 26 Jahren keine Europäerin mehr - und schneller als der deutsche Rekord der damaligen DDR-Athletin Bettine Jahn (12,42). Heißt im Klartext: Selbst wenn Talaj nicht ganz an ihre Bestzeit herankommt, benötigt die WM-Dritte Dutkiewicz (Bestleistung 12,61) einen Sahnetag.

Ivana Spanovic gegen Malaika Mihambo (Weitsprung Frauen):

Spanovic ist als Favoritin ein echter Brocken - und dies gilt nicht nur körperlich für das serbische Kraftpaket: Kaum eine Weitspringerin bringt eine derartige Konstanz mit wie die 28-Jährige, die eigentlich keine schlechten Wettkämpfe kennt. Ein Lied davon kann die Heidelbergerin Mihambo singen, der Spanovic bei Olympia 2016 als Dritte die Medaille wegschnappte. 2017 sprang die Serbin sagenhafte 7,24 m, im März reichten ihr 6,96 m zu Gold bei der Hallen-WM. Mihambo hat sich derweil auf hohem Niveau stabilisiert und wie Spanovic als Saisonbestleistung 6,99 m vorzuweisen. Muskelwunder Spanovic gegen die feingliedrige Mihambo - das ist auch ein Kampf der Systeme.

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