Die Karriere hing am seidenen Faden

Turnerin Sophie Scheder aus Chemnitz musste wegen einer Verletzung kurzfristig auf die Heim-WM in Stuttgart verzichten. Es dauerte eine Weile, bis bei der Olympiadritten von 2016 die Motivation zurückkehrte.

Chemnitz.

Bei den Bundesliga-Wettkämpfen am vergangenen Wochenende war sie wieder mittendrin im Geschehen - wenn auch in einer anderen Rolle. Sophie Scheder ging nicht selbst an die Geräte, sondern betreute die Teams des TSV Tittmoning (1. , 2. Liga) mit. "Es hat Spaß gemacht, war aber auch ungewohnt und anstrengend. Aber am Ende gab es zwei erste Plätze", berichtete die 22-Jährige, die im Besitz der A-Trainer-Lizenz ist und sich in diese Richtung später - in welchem Bereich auch immer - einmal beruflich orientieren will. "Natürlich hätte ich lieber gern mitgemacht, aber soweit bin ich noch nicht", fügte die Chemnitzerin hinzu. Wie mehrere ihrer Vereinsgefährtinnen nutzt auch sie gern die Startmöglichkeit für den Club in Bayern. Beim nächsten Turnier in zehn Tagen möchte sie sich dann wieder selbst den Kampfrichtern stellen. Eine Woche später plant sie, beim Weltcup in Cottbus am Schwebebalken und Stufenbarren ins internationale Geschehen zurückzukehren.

Das klingt so selbstverständlich im Kalender einer Spitzenturnerin. Doch es wäre beinahe zu diesen Auftritten nicht mehr gekommen. "Das Schlimmste, was ich in meiner Laufbahn bisher erleben musste", bewertet Sophie Scheder ihr kurzfristiges Aus bei der Heim-WM Anfang Oktober rückblickend. Das Erinnern an diese bitteren Momente berührt sie emotional immer noch stark. Sie hatte sich nach mehreren Zwangspausen aus krankheits- und verletzungsbedingten Gründen in den Monaten der Vorbereitung mit enormem Ehrgeiz herangekämpft. Für die Titelkämpfe vor heimischer Kulisse fühlte sie sich "superfit". Auch nach dem obligatorischen Podiumstraining in der Arena besaß sie ein gutes Gefühl. Doch bei den Übungseinheiten zwei Tag später spürte sie Schmerzen, fehlte ihr die Kraft für bestimmte Elemente, konnte sie ihren Arm nicht mehr richtig ansteuern. Auch intensive physiotherapeutische Behandlungen brachten keine Besserung. Nach einem Test rund 24 Stunden vor der Qualifikation fiel die für sie deprimierende Entscheidung. In jener Situation brach für die elegante Gerätkünstlerin eine Welt zusammen. Die ärztliche Diagnose ergab, dass der Lattisimus (Großer Rückenmuskel) die Probleme verursachte sowie eine Entzündung in der Schulter.

"Diese Heim-WM war nach Rio das absolute Highlight für mich, stets die Hauptmotivation nach jedem Rückschlag. Da wollte ich unbedingt dabei sein. Es platzte ein großer Traum", meinte die Olympiadritte am Stufenbarren von 2016. Deshalb stand für sie in einer ersten Reaktion fest: "Nach der WM werde ich mich verabschieden." Zunächst prallten die unzähligen gut gemeinten Aufmunterungen an ihr ab, das Handy blieb aus. Den Abend verbrachte sie bei den Eltern, die wie immer mit dem Wohnmobil angereist waren, eine schlaflose Nacht folgte. Trotzdem stand sie am nächsten Tag während des Wettbewerbes mit im Innenraum, unterstützte ihre Mitstreiterinnen, feuerte an oder tröstete. Auch den Moderator der Fernsehübertragung unterstützte sie, traf vor der Kamera fachkundige Einschätzungen. Nach außen verbarg sie professionell ihre Gefühlswelt, in der die Zweifel vorherrschten. "Es war sehr schwer für mich, den anderen zuzuschauen."

Sie verfolgte mit viel Wehmut, aber trotzdem intensiv das WM-Geschehen, nahm an allen Aktivitäten des Teams in Stuttgart teil. Und sie registrierte vor allem an ihrem Paradegerät, dass die Konkurrenz nicht uneinholbar enteilt ist. Eine Finalteilnahme wäre zwar aus ihrer Sicht wohl kaum möglich gewesen. Denn wegen der keineswegs optimalen Vorbereitung schaffte sie nicht ganz, den eigentlich langfristig geplanten Schwierigkeitsgrad in ihrer Übung zu zeigen. Zudem sollte im Sinne der Olympiaqualifikation der Mannschaft kein Risiko eingegangen werden. Aber Sophie Scheder weiß genau, wozu sie in der Lage sein kann.

"Eine Woche habe ich gebraucht, um alles zu verdauen, dann war Tokio wieder das Ziel", erzählte die gebürtige Wolfsburgerin, die seit 2008 am Chemnitzer Bundesstützpunkt bei Gabi Frehse trainiert. Zum Ablenken und Auftanken genoss sie nach der WM einen gemeinsamen Kurzurlaub mit der Schwester auf Fuerteventura. In dieser Zeit widmete sie sich sogar schon wieder sporadisch ihrer sportlichen Leidenschaft. Im Club Aldiana bot sie Turn-Workshops für Urlauber an.

Seit nunmehr zehn Tagen bestimmt das Training wieder ihren Alltag. Aufgrund der genannten Probleme steigert sie ihr Pensum allmählich, konzentriert sich erst einmal auf Schwebebalken und Stufenbarren. An beiden Geräten versucht sie die Möglichkeit zu nutzen, sich über Weltcups ein zusätzliches Einzelstartrecht für Olympia zu erkämpfen. Das deutsche Team hat die Nominierung geschafft, doch bei nur vier Teilnehmerinnen steht ein harter Ausscheidungskampf bevor. Seit ihrem bisher größten Triumph 2016 durchschritt Sophie Scheder viele Täler (komplizierte Knieoperation, Fingerbruch, Krankheiten, Verletzungen). Bezüglich ihrer Hoffnungen für 2020 braucht man kein Prophet zu sein ...

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