Die Leidenszeit will kein Ende nehmen

Turnerin Sophie Scheder vom TuS Chemnitz-Altendorf muss erneut eine Zwangspause einlegen. Aufgeben ist kein Thema für die Olympiadritte, die zudem auf einen neuen Glücksbringer baut.

Chemnitz.

Sie hatte sich diese Rückkehr ins internationale Geschehen so hart erkämpft. Doch wenn am Montag in Frankfurt (Main) der abschließende Vorbereitungslehrgang der deutschen Turnerinnen für die EM Anfang August in Glasgow beginnt, fehlt Sophie Scheder. Die Olympiadritte am Stufenbarren von Rio paukt indes in Chemnitz Kondition, kann nur die Dinge trainieren, bei denen sie ihre linke Hand nicht belasten muss. Auftritte an den Geräten sind derzeit tabu. Verantwortlich dafür ist eine Operation am Ringfinger, der sie sich vor gut zwei Wochen unterzog. "Die Fäden sind inzwischen entfernt, die Heilung verläuft gut. Aber ich kann natürlich noch nichts Spezielles machen", berichtete die 21-Jährige am Samstag.

Sie hatte sich Anfang Juli, wenige Tage nach der erfolgreichen EM-Qualifikation vor heimischer Kulisse, während einer Stufenbarrenübung einen knöchernen Sehnenanriss in Grundgelenk des Fingers zugezogen. Bei einem Flugelement war sie mit der Hand gegen den Holm geknallt. Zunächst dachte sie, dass es nichts Schlimmes sei, versuchte es weiter. Doch nach zwei Tagen konsultierte sie den Arzt. "Als mir die Röntgenbilder gezeigt wurden, war das erst einmal wie ein Weltuntergang für mich", erzählt Sophie Scheder von ihrem Schock mit unzähligen Tränen. Als sie sich wieder etwas gefangen hatte, keimte ein Funken Hoffnung, dass sie vielleicht an anderen als ihrem Paradegerät doch beim kontinentalen Championat starten könne. Doch nach der Operation rieten ihr die Mediziner wegen des zu hohen Risikos davon ab.

"Ich bin innerlich schon zerstört. Es ist brutal bitter für mich, richtig hart", gibt die elegante Gerätkünstlerin zu. Wenn sie über den erneuten Rückschlag spricht, weicht das gewohnte Strahlen in ihren Augen einer Traurigkeit. "Doch es bringt nichts, den Kopf in den Sand zu stecken. Es ist jetzt so - und die WM nicht mehr weit", sagt Sophie Scheder, die nun den nächsten Saisonhöhepunkt Ende Oktober anvisiert. Die erste Qualifikation steht Mitte September auf dem Programm, die zweite bei der Deutschen Meisterschaft in Leipzig (29./30.9.).

"Mit ähnlichen Situationen habe ich ja schon echt viele Erfahrungen gemacht. Ich weiß, wie ich mit meinem Körper umgehen kann, da will ich das Positive rausschlagen", zeigt sich die mehrfache Deutsche Meisterin inzwischen zuversichtlich. Bei der Verarbeitung helfen ihr besonders auch die jüngsten Erlebnisse im Vorfeld der EM-Qualifikation Ende Juni. Denn hinter ihr lag eine Vorbereitung, die alles andere als optimal war. Nach ihrer komplizierten Knieoperation im April 2017 im amerikanischen Vail und den folgenden intensiven Reha-Maßnahmen hatte sie im Januar wieder mit dem intensiven Training begonnen. Doch ihr Programm konnte sie im ersten Halbjahr kaum wie geplant absolvieren. Erst plagte sie sich mehrere Wochen mit einem hartnäckigen Virus herum, der sie mehrfach zu Pausen zwang. Zudem wurde ein Belastungsasthma diagnostiziert. Dann warf sie ein Muskelfaserriss im rechten Oberschenkel zurück.

Sophie Scheder kämpfte sich stetig heran - und zeigte dann bei ihrer Rückkehr überragende Leistungen. Seit ihrem bisher größten Triumph, dem Olympiabronze im August 2016, bestritt sie nach knapp zwei Jahren erstmals wieder einen Wettkampf. Auf Anhieb qualifizierte sie sich für die EM, brillierte am Stufenbarren gleich wieder mit einer Weltklasseübung. "Dass ich mit vergleichsweise wenig Training diese Leistungen schaffen konnte, motiviert und stärkt mich auch jetzt. Ich habe gemerkt, was trotz allem möglich ist. Und auch die Reaktionen waren super", nennt die Wahl-Chemnitzerin Dinge, aus denen sie neue Kraft schöpft. Ebenso stimmt sie sehr positiv, dass ihr operiertes Knie die Belastungen problemlos wegsteckte. Kürzlich konsultierte sie auch nochmals den renommierten Sportmediziner Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der ihr damals den Eingriff vorschlug. Er zeigte sich mit der Heilung äußerst zufrieden.

Nach der Finger-OP fuhr Sophie Scheder erst einmal für ein paar Tage nach Hause zu ihren Eltern nach Wolfsburg, um ein wenig Abstand zu bekommen, "sich aufpäppeln zu lassen". Sie zog ihre Woche Urlaub, die erst nach der EM geplant war, vor. Beste Ablenkung fand sie dabei mit Paula, der neuen Malteser-Hündin im Hause Scheder. "Sie ist jetzt mein Glücksbringer", sagt die Weltklasseturnerin voller Hoffnung, dass alles Pech verbraucht ist.

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