Die letzte Männerbastion fällt

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Erstmals werden bei einer Ski-WM Medaillen in der Nordischen Kombination für Frauen vergeben. Die Klingenthalerin Jenny Nowak hat die Entwicklung mit geprägt und gehört zum Quintett, auf dem Sachsens Hoffnungen ruhen.

Oberstdorf.

Eine nordische Ski-WM im Lockdown. Zum dritten Mal ist Oberstdorf nach 1987 und 2005 Gastgeber einer Ski-WM. Mit welcher Bezeichnung das Großereignis in die Annalen eingeht, wird man vielleicht am 7. März, dem Schlusstag, etwas genauer sagen können. Corona- oder "Papplikum"-WM, weil Zuschauer in Pappkartonfiguren die Fans ersetzen sollen, stehen schon mal zur Auswahl.

Fest steht bereits: Es wird die erste nordische WM, bei der beide Geschlechter in allen drei Disziplinen Medaillen erhalten. Die weiblichen Nordischen Kombinierer schließen diese Lücke im Allgäu, stehen damit kurz vor der vollendeten Gleichberechtigung. Dazu fehlt noch die olympische Zulassung, für die 2026 in Mailand gute Aussichten bestehen. "Über Sandro Pertile, den Renndirektor Skisprung, haben wir einen guten Kontakt zum OK in Mailand. Wenn das IOC die Frauen-Kombination nicht von sich aus ins Programm nimmt, kann es der Gastgeber mit einem Antrag ans IOC versuchen", sagt Horst Hüttel, der Vorsitzende des Komitees Nordische Kombination im Ski-Weltverband FIS.

Die Oberstdorfer WM soll ihren Beitrag zur Aufnahme leisten. Noch gleicht die Sportart einem zarten Pflänzchen. Viele der mutigen Mädels sind dem Juniorenalter zugehörig, gestandene Athletinnen wie die 27 Jahre alte Tara Geraghty-Moats, die als Topfavoritin gilt, eine Rarität. Die US-Amerikanerin gewann den einzigen Weltcup der Saison im Dezember in Ramsau. Ursprünglich waren im ersten Weltcupwinter drei Stationen vorgesehen gewesen. Coronabedingt fielen die Premiere in Lillehammer und Otepää aus. Schonach war im März als Finalort parallel mit den Herren geplant. Doch schon im Herbst sagte der Deutsche Skiverband (DSV) wegen der befürchteten Mehrkosten im Rahmen des Corona-Hygienekonzepts ab. Dass es wenigstens einen Weltcup am Dachstein gab, ist auch ein Verdienst von Ex-Kombinierer Mario Stecher, der als Sportdirektor im Österreichischen Skiverband mit dem OK in Ramsau alle notwendigen Maßnahmen wie zum Beispiel die TV-Übertragung koordinierte. Dass sich die Frauen-Kombi eigenständig entwickelt, ist nur eine logische Folge, seit sich das Damen-Skispringen mit der Olympiapremiere 2014 etablierte. Damenlanglauf steht bereits seit 1952 in Oslo im Olympiaprogramm.

Etwa 25 Vereine in Deutschland fördern die weibliche Kombination aktuell. Hüttel betont, dass Sachsen und Thüringen besonderes Engagement zeigen. Jenny Nowak, die sächsische Hoffnung für Oberstdorf, erlernte das Skisport-Abc beim SC Sohland in der Lausitz. Am Anfang stand sie nur auf den Langlaufbrettern, bevor ihre Eltern bei Übungsleiter Sven Hohlfeld anfragten, ob sie auch mal von der Schanze springen könne. Gesagt, getan. Später nach dem Wechsel auf die Sportschule in Klingenthal schlüpfte Jenny Nowak ähnlich wie Spezialspringerin Ulrike Gräßler um die Jahrtausendwende in die Rolle einer Pionierin ihrer Sportart. 2014 wurden die Damen international salonfähig und in die FIS-Jugend-Cup-Sommerserie, die für die Jungs seit 2009 bestand, integriert. 2015 ging in Trondheim der erste FIS-Cup auf Schnee über die Bühne. 2018 gehörte die Damen-Kombi bei der Junioren-WM in Kandersteg zum Rahmenprogramm, ein Jahr später in Lahti gab es erstmals "richtige" Medaillen für die Mädels. 2020 holte Jenny Nowak Gold bei den Junioren-Titelkämpfen am Fichtelberg, wo bereits 2018 der erste Sommer-Grand-Prix für die Damen veranstaltet wurde.

Diesen Winter nun der erste Weltcup und die erste WM bei den Erwachsenen. Das Niveau ist in dieser frühen Entwicklungsphase logischerweise ausbaufähig. Doch so einfach mal Kombiniererin werden und Medaillen abräumen, geht auch nicht - wie das Beispiel Svenja Würth zeigt. Als Spezialspringerin sah die Mixed-Weltmeisterin (2017) nach einem Kreuzbandriss kaum Chancen, in die Weltelite zurückzukehren. Im Frühjahr wechselte sie zu den Zweikämpferinnen, kam beim Weltcup aber nicht über Platz 24 (Springen: 11.) von 30 Starterinnen hinaus. Dass trotzdem noch alles auf Anfang steht, zeigt schon die Tatsache, dass es in einer Vorreiternation Deutschland offiziell keinen Bundestrainer gibt. Denn dessen Bezahlung ist für den DSV nur mit Bundesmitteln zu stemmen. Diese Förderung setzt aber die olympische Anerkennung voraus. Der Thüringer Klaus Edelmann darf sich deshalb nur "verantwortlicher Trainer" nennen. Was aber sicher nicht daran hindert, die letzte Männerbastion bei einer Ski-WM zu stürmen.


Routinier Frenzel führt Sachsen-Quintett an 

Alle Starter aus der Region mit Medaillenchancen - Für Skilangläuferin Katharina Hennig wird es eine echte Heim-WM 

"Freie Presse" beleuchtet die Ausgangslage der sechs Sachsen-Starter. Alle Sportler aus der Region besitzen bei der WM Medaillenchancen, zumindest in der Staffel bzw. im Team.

Eric Frenzel: Im Einzel ruhen nach wie vor die größten Edelemetall-Hoffnungen auf dem Kombinierer vom SSV Geyer. Der 32-jährige Bundeswehrsportsoldat hat sich nach einer schwierigen Vorsaison wieder in die absolute Weltklasse (derzeit Fünfter im Gesamtweltcup) gekämpft. Auf der Schanze fehlt noch ein Tick Lockerheit, um konstanter aufs Podest zu laufen. Immerhin gelang das dem Titelverteidiger von der Großschanze bei drei von zwölf Weltcups.

 


Terence Weber: Der Vereinsgefährte von Eric Frenzel hat in dieser Saison seine besten Weltcupresultate (Achter in Ramsau und Klingenthal) erreicht, sich das Ticket redlich verdient. Um den nächsten Karriereschritt zu gehen, müsste sich der 24 Jahre alte Kombinierer erstmals für den Teamwettbewerb (Normalschanze) qualifizieren. Um den nach Lage vierten Platz hinter Frenzel, Geiger und Rießle bewerben sich noch Rydzek und Faißt. Deshalb ist es wichtig, schon in den Trainingssprüngen zu überzeugen. 


Martin Hamann: Wie Weber besitzt der Skispringer von der SG Nickelhütte Aue seine Medaillenchance, sollte es mit der Qualifikation für den Teamwettkampf klappen. Der 23-Jährige konnte seine Fortschritte aus dem Sommer im Winter bestätigen und die Lücke des nicht in Form gekommenen Richard Freitag schließen. Als Belohnung feiert der Bundespolizist sein WM-Debüt. Hamann stammt aus Bennewitz, erlernte wie Ex-Vizeweltmeisterin Ulrike Gräßler in Eilenburg das Abc des Skispringens.


Katharina Hennig: Die 24-jährige Langläuferin vom WSC Oberwiesenthal hat sich wieder in eine tolle Verfassung gebracht. Am vorletzten WM-Tag steht ihre Schokoladendisziplin, der Massenstart in der klassischen Technik, an. Über 10 km im selben Stil wurde Hennig in diesem Weltcupwinter einmal Zweite, bei der Tour de Ski im Val di Fiemme sowie Vierte jüngst in Falun. Über die WM-Loipe sagt die Sportsoldatin, die in Bad Hindelang, einen Katzensprung entfernt vom WM-Stadion in Ried lebt: "Mir gefallen die Strecken gut. Wir konnten sie im Vorjahr beim Weltcup testen. In den Abfahrten kannst du dich aber nicht einfach mal so in die Hocke setzen und ausruhen, da würde man viel Zeit verlieren. Das macht die Strecke anspruchsvoll."


Jenny Nowak: Die 20-Jährige vom SC Sohland hat in dieser Saison etwas mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. In der Vorbereitung versuchte sie, ihr Körpergewicht etwas zu reduzieren, um auf der Schanze weiter zu fliegen. Bei zuviel Gewichtsverlust müsste sie aber laut Reglement ihre Sprungski kürzen. Anfang des Monats wurde bei einer Untersuchung ein Eiweißmangel festgestellt. Im Laufen macht sich das besonders bemerkbar. Bei der Junioren-WM in Lahti war sie "muskulär in der zweiten Runde festgegangen", erläutert ihr Klingenthaler Heimtrainer Uwe Schuricht. Nun bei der WM der Großen hofft die Lausitzerin wieder besser bei Kräften zu sein. Für eine Medaille wäre das die Grundvoraussetzung. (tp)


Skilanglauf
Damen: Katharina Hennig (WSC Erzgebirge Oberwiesenthal), Victoria Carl (Zella-Mehlis), Pia Fink (Bremelau), Antonia Fräbel (Asbach), Laura Gimmler, Sofie Krehl (beide Oberstdorf), Lisa Lohmann (Oberhof).
Herren: Lucas Bögl (Gaißach), Janosch Brugger (Schluchsee), Jonas Dobler (Traunstein), Friedrich Moch (Isny), Florian Notz (Böhringen Römerstein), Anian Sossau (Eisenärzt), Sebastian Eisenlauer (Sonthofen).

Nordische Kombination
Damen: Jenny Nowak (SC Sohland), Maria Gerboth (Schmiedefeld), Cindy Haasch (Ruhla), Sophia Maurus (Buchenberg), Svenja Würth (Baiersbronn)
Herren: Eric Frenzel, Terence Weber (beide SSV Geyer), Vinzenz Geiger, Johannes Rydzek (beide Oberstdorf), Manuel Faißt (Baiersbronn), Fabian Rießle (Breitnau).

Skispringen
Damen: Katharina Althaus (Oberstdorf), Anna Rupprecht, Carina Vogt (beide Degenfeld), Juliane Seyfarth (Ruhla), Luisa Görlich (Lauscha).
Herren: Martin Hamann (SG Nickelhütte Aue), Karl Geiger (Oberstdorf), Markus Eisenbichler (Siegsdorf), Pius Paschke (Kiefersfelden), Severin Freund (Rastbüchl), Constantin Schmid (Oberaudorf). (tp)

Das könnte Sie auch interessieren

00 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.