Die mutigen Mädels aus der Puppenstub

Der erste Weltcup der Skispringerinnen hing am seidenen Faden. Chiara Hölzl flog letztlich der Konkurrenz davon. Von den deutschen Mädchen waren die Jüngste und die Beste am meisten happy.

Klingenthal.

Da hatte Selina Freitag ihr Hauptziel mit dem Erreichen des zweiten Durchgangs geschafft, doch ihren zweiten Flug durfte die 18-Jährige von der SG Nickelhütte Aue nicht mehr zeigen. Wegen der Verschiebung des ersten Damen-Weltcups in Klingenthal reichte die Zeit nicht mehr vor Beginn des Teamspringens der männlichen Kollegen, zu denen auch Selinas Bruder Richard gehörte. So gab es nur einen Wertungssprung. Und deshalb fuhr sie mit dem Lift wieder nach unten, statt auf der Großschanze am Schwarzberg ins Tal zu segeln.

Dennoch strahlte die Erzgebirgerin nach Rang 26, wie auf der Ergebnisliste ganz oben, wenn auch erst auf dem zweiten Blatt, nachzulesen war. "Es hat Riesenspaß gemacht, vor so vielen Fans zu springen. Das haben wir ja nicht so oft. Deshalb habe ich auch gleich mal ins Publikum gewunken", war die Schülerin am Gymnasium Oberstdorf happy. Für Selina geht es wie für das Gros der deutschen Skispringerinnen darum, Erfahrungen zu sammeln. Noch zwei Jahre kann sie bei der Junioren-WM springen, was auch in diesem Winter in der ersten Märzwoche ihr Hauptsaisonziel sein wird. Dann besitzt Freitag auf der Fichtelbergschanze Heimvorteil und gehört zu den Medaillenkandidatinnen. Bis dahin soll sie weiter - auch bei der Japan-Tournee - Weltcupluft schnuppern. "Wir haben vier verletzte Springerinnen. Das darf man nicht vergessen. Deshalb freue ich mich, dass die jungen schon Weltcuppunkte sammeln", lobte Bundestrainer Andreas Bauer.

Beim ersten Damenweltcup in der Vogtland-Arena trennte sich bei den schwierigen Windverhältnissen die Spreu vom Weizen. Mutig waren sie alle, die sich dem Bakken stellten. Die ganz Mutigen sprangen mit viel Schneid vom Schanzentisch in die Vorlage, wurden für Flüge über 120 Meter belohnt. In überragender Manier gelang dies Siegerin Chiara Hölzl, die mit 141,0 Metern die Schanze fast aussprang. Mit Ema Klinec und Katharina Althaus folgten ebenso zwei arrivierte Springerinnen auf den Podestplätzen. Etwas Windglück brauchte man freilich an diesem Supersamstag. Olympiasiegerin und Weltmeisterin Maren Lundby musste zweimal den Ablaufbalken wieder verlassen, ehe der Wind am Computermonitor ein grünes Signal zuließ. Mit Platz fünf verteidigte die Norwegerin ihr Weltcupführung. Und Althaus schwärmte: "Platz drei gibt mir Auftrieb."

Mit dem ersten Saisonpodest erhellte sich die Stimmung von Andi Bauer. Dass eine Großschanze bei noch wenigen Schneesprüngen im Dezember für die meisten Mädels zu früh käme, wollte er nicht gelten lassen. Die Leistungsunterschiede seien zwar noch größer zwischen Platz 1 und 30 als bei den Herren. "Aber die Entwicklung ist gut. Für Platz 15 muss man jetzt schon fünf bis zehn Meter weiter springen als vor ein, zwei Jahren", schätzte Bauer ein. Gewöhnen müssen sich die Zuschauer wohl dennoch erst an die zierlich, kleinen Flugartistinnen. "Wenn sie aus dem Schanzenlift aussteigen, denkst du, da kommt jemand aus der Puppenstub", meinte ein Fan mit heimischem Dialekt und fügte hinzu: "Alle Achtung, dass die sich da runterstürzen." tp

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