Die zwei Seiten einer Silbermedaille

Christina Schwanitz hat seit der Geburt ihrer Zwillinge eine turbulente Zeit hinter sich, und nicht alle Hoffnungen erfüllten sich. Doch Ausreden sind nicht ihr Ding.

Christina Schwanitz während des Wettkampfes, in dem sie bis zum sechsten Durchgang führte.

Für Sie berichtet: Thomas Treptow

Als Christina Schwanitz noch bei den Journalisten in den Katakomben in der Tiefe des Olympiastadions stand, steppte eine Etage höher der Berliner Bär. "Ist Arthur Abele gerade Europameister geworden, super", sagte die Sächsin. Ehrliche Freude über den Triumph des Teamkameraden huschte über ihr Gesicht, gemixt mit einer Prise Wehmut. Denn Europameisterin, zum dritten Mal in Folge, wollte die Athletin vom LV 90 Erzgebirge auch werden: "Natürlich habe ich das gehofft. Wenn ich nein sagen würde, wäre das gelogen, und es war ja auch realistisch", sagte die Kugelstoßerin und Mutter von Zwillingen.

Hochleistungssport und Familie - das sind praktisch zwei Welten, in denen sich Christina Schwanitz seit gut einem Jahr, seit der Geburt einer Tochter und eines Sohnes, bewegt. Insofern hat die Silbermedaille von Berlin auch zwei Seiten. Auf der einen steht die magere Leistung von 19,19 Metern, die ihr Können und ihren Anspruch nicht widerspiegelt. "Es ist ärgerlich. Dieses Jahr habe ich so oft weiter gestoßen und ausgerechnet hier kommt so eine Kackweite raus. Das ist ziemlich doof", schimpfte Christina Schwanitz. Auch Trainer Sven Lang war im ersten Moment traurig: "Schade, dass sie ihr Leistungsvermögen, welches sie in so kurzer Zeit aufgebaut hat, nicht rüberbringen konnte."

Woran es gelegen hatte, dass die Polin Paulina Guba der Favoritin mit 19,33 Metern noch Gold wegschnappen konnte? Auch hier nahm die Chemnitzerin kein Blatt vor den Mund: "Ich war der Meinung, ich bin schnell. Aber offensichtlich war das alles andere als schnell. Und wenn man unbedingt will, dann geht es meistens in die Hose." Der schwere Autounfall, den sie vor gut zwei Wochen gebaut hatte, ließ in ihrer ersten Analyse außen vor: "Das hat keine Rolle gespielt. Das wäre eine Ausrede, dafür bin ich nicht der Typ."

Während Christina Schwanitz das sagte, war ihr Mann mit den Kinder schon auf dem Rückweg aus dem Stadion. Vor einem guten Jahr hatte sie die "Krümel", wie sie die Kleinen liebevoll nennt, zur Welt gebracht. Fünf Monate später war die Sportsoldatin wieder ins Training eingestiegen. "In der ersten Woche war ich voll motiviert. In der zweiten dachte ich: Verdammt, wie konntest du?! Mir tat alles weh, Kopf und Körper waren noch lange nicht so weit. Das war echt böse", blickte Christina Schwanitz zurück.

Keine leichte Zeit, aber langsam spielte sich vieles ein, im sportlichen wie im familiären Bereich. Dabei betont die Weltmeisterin von 2013, der trotz aller Hartnäckigkeit etwa drei Monate im Aufbautraining fehlen, immer wieder: "Ohne meinen Mann wäre es nicht möglich, Leistungssport auf diesem Niveau zu betreiben. Er ist wieder voll berufstätig, nimmt mir aber sehr viel ab." Auch Sven Lang ist ein wichtiger Faktor, weil er Rücksicht nimmt auf die besondere Situation: "Wenn meine Kinder krank sind und ich erst abends trainieren kann. Dann steht mein Trainer wegen mir bis 20 Uhr in der Halle. Dafür bin ich ihm sehr dankbar", sagte Christina Schwanitz. Zudem sieht sie sich mit ihrem langjährigen Coach mehr auf Augenhöhe. "Dadurch, dass ich Mama geworden bin, ist bei ihm angekommen, dass ich erwachsen bin. Deshalb ist der gegenseitige Respekt ein anderer und es ist ein angenehmeres Miteinander." Das zeigte sich gestern auch bei einer ersten gemeinsamen Auswertung: "Da hat Christina eine richtig gute Einschätzung abgeliefert", lobte der Trainer.

Fakt ist zudem: Christina Schwanitz hat mit der Geburt ihrer Kinder, dem harten Aufbautraining, dem Comeback und der sofortigen Rückkehr in die Weltspitze, einem glimpflich abgegangenen Autounfall und der Europameisterschaft eine ziemlich turbulente und anstrengende Zeit hinter sich. Und ihre zwei Krümel werden es irgendwann bestimmt cool finden, dass sie dabei waren, als die Mama EM-Silber 2018 gewonnen hat. Von den Frustbieren am Abend müssen sie ja nichts erfahren.

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