Ein Schneider gehört zum Betreuerstab

Skispringen: Gerd Siegmund über den Anzugkrieg, seinen Horrorsturz in B'hofen, ein Kindergartenprojekt und Sorgenkind Richard Freitag

Erfurt.

Der gebürtige Sachse Gerd Siegmund ist so nah dran am Springerzirkus wie kaum ein anderer. Der einst für Klingenthal und Oberhof startende Skispringer ist Manager von Richard Freitag, als Fachberater im ZDF tätig und Servicemann eines Helm- und Brillenherstellers. Mit dem heute 46-jährigen Weltcupsieger von 1994 im kanadischen Thunder Bay führte Thomas Prenzel vor der am Sonntag beginnenden Vierschanzentournee folgendes Interview.

Freie Presse: Sie sind früher oft bei der Tournee gesprungen. Was verbinden Sie mit dem Schanzenspektakel?

Gerd Siegmund: Für die Skispringer ist es schon ein magisches Ereignis, auf das man jedes Jahr hinfiebert. Die vollen Stadien sind einfach fantastisch. Ich habe als Kind im Garten selbst die Tournee nachgespielt. Wir waren auf den Schneeschanzen Nykänen, Weißflog oder Vettori. Gerade das Neujahrsspringen gehört in vielen Familien zum Standardprogramm im Fernsehen.

Und irgendwann waren Sie selbst mittendrin ...

Ja, ich kann mich noch gut erinnern: Als ich das erste Mal selbst bei der Tournee gesprungen bin, war ich vor der Quali noch nervöser als beim Wettkampf. Zu meiner Zeit in den 90er-Jahren gab es den Länderkampf zwischen Deutschland und Österreich auch noch mehr als heutzutage. Da hat man schon mal einen Schneeball aus dem Publikum an den Kopf bekommen.

Und einmal sind Sie ziemlich übel auf den Kopf gefallen. Wissen Sie das noch?

Ja, das war am 6. Januar 1999. Eine kuriose Geschichte. Die Quali am Vortag hatte ein K.-o.-Duell mit Christoph Duffner ergeben. Wir haben am Vorabend geflachst, dass wir die Ski des anderen verstecken werden und Schabernack getrieben. Der Duffi war ja ein lockerer Geselle. Dann hat sich im Probesprung der Bindungsclip hinten aus dem Schuh gelöst und ich habe einen Salto vorwärts gemacht, bin in Bischofshofen auf dem großen "B" im Aufsprunghang mit dem Kopf aufgeschlagen.

Da ist vermutlich selbst Christoph Duffner schlecht geworden, als er das gesehen hat?

Ja, aber mir war auch schlecht. Am nächsten Morgen dachte ich, ich habe unter einer Dampfwalze geschlafen.

Wie ist das K.-o.-Duell damals ausgegangen?

Ich glaube, dass ich sogar noch den zweiten Durchgang erreicht habe.

Zur Gegenwart: Nach vier Weltcupstationen steht der Tourneedominantor des Vorwinters, Ryoyu Kobayashi, in der Gesamtwertung ganz oben. Führt der Sieg bei dieser Vierschanzentournee nur über den Japaner?

Er gehört zu meinen vier Favoriten. Im Vergleich zur Vorsaison ist er nicht ganz so stabil. Mein Topfavorit ist Stefan Kraft. Auch Kamil Stoch zähle ich dazu. Wenn er am Schanzentisch gerade herausspringt, wird es schwer werden, ihn zu schlagen. Und ich sehe gute Chancen für Karl Geiger, der sehr beständig springt.

Der Oberstdorfer gehörte vor einem Jahr auch zum Favoritenkreis. Doch dann ist er auf seiner Hausschanze Zwölfter geworden. Hat er daraus gelernt?

Ich denke, Karl hat im vergangenen Jahr nochmal einen Schritt nach vorn gemacht. Mit seinen zwei Goldmedaillen und einmal Silber bei der WM ist er gereift und selbstbewusster geworden. Sein schlechtestes Saisonresultat ist ein siebenter Platz. Aber es stimmt. Es wird für ihn eine mentale Herausforderung. Er darf sich nicht bequatschen lassen - in dem Sinne, dass er oder die Deutschen in Oberstdorf die Tournee schon regelmäßig vergeigt haben. Das muss er ausblenden.

Sie sind als Manager ganz nah dran an Richard Freitag. Was kann ihm nach den erneuten Nackenschlägen in Engelberg jetzt noch helfen?

Für die Tournee bleiben wohl nur noch Trockenübungen und das mentale Einfühlen in den Sprungablauf. Es besteht wie in Klingenthal die Problematik in der Anfahrtshocke. Da sitzt er nicht richtig. Dadurch fehlt der Fluss im Sprung. Dennoch sehe ich die Chancen 50 zu 50, dass er wieder das gute Gefühl bekommt.

Müsste er nicht einen Neuaufbau von der kleinen Schanze machen?

Ein Training auf der Fichtelbergschanze war am Montag nicht möglich. Der Auslauf ist vereist gewesen, da wollte er kein Risiko eingehen. Wenn es das Wetter zulässt, trainiert die deutsche Mannschaft am 27. Dezember in Garmisch-Partenkirchen. Ansonsten bleiben nur das Training und die Quali in Oberstdorf.

Sie arbeiten auch als Fachberater für das ZDF, füttern mitunter Kommentator Stefan Bier mit wichtigen Informationen, ohne dass der Zuschauer Ihre Stimme hört. Ärgert Sie das, nachdem Sie jahrelang als Co-Kommentator bei Eurosport zu hören waren und mit Dirk Thiele fast schon Kultstatus besaßen?

Ärgern wäre übertrieben. Momentan ist es eben gerade so. Aber das erste Jahr war es schon schwer, sicher auch der Art und Weise geschuldet. Wir hatten aus der Zeitung erfahren, dass Eurosport nicht mehr mit uns plant - nach 14 Jahren. Ich kenne bis heute keinen Grund.

Man mutmaßt, nach der Übernahme durch Discovery Channel wollten die neuen Chefs Stars als Co-Kommentatoren, im Skispringen eben Sven Hannawald. Wie finden Sie Ihren Nachfolger?

Ich habe diesen Winter noch keine Sendung gesehen. Und wenn es der Fall wäre, würde ich mich bestimmt nicht öffentlich dazu äußern.

Es war zu hören, dass die Kündigung ein gerichtliches Nachspiel hatte. Stimmt das?

Ja, aber die Arbeitsverträge waren das Papier nicht wert. Es ist jetzt auch abgehakt. Ich freue mich, dass ich beim ZDF sozusagen meine neue Berufung gefunden habe.

In diesem Winter sorgten Disqualifikationen wegen nicht regelkonformer Anzüge im wahrsten Sinne des Wortes für GesprächsSTOFF. Erwarten Sie zur Tournee erneut Vorfälle?

Wenn Nationen etwas in petto haben, holen sie es zur Tournee raus. Ich kann mir das gut vorstellen.

In der Vergangenheit gab es - wenn überhaupt - Beanstandungen, was die vorgeschriebenen Schnitte und den zu langen Schritt der Anzüge betraf. Diesmal waren ausschließlich die nicht regelkonformen Werte in der Luftdurchlässigkeit der Anzugstoffe der Grund, warum die Sportler disqualifiziert wurden.

Ja, die Sprunganzüge werden mit einem sogenannten Luftmengenmesser kontrolliert. Pro Quadratmeter Anzugfläche muss der Wert mindestens 40 Liter in der Sekunde betragen. Ist er geringer, könnte es einen aerodynamischen Vorteil bedeuten. Alle fünf disqualifizierten Springer lagen außerhalb der Toleranzgrenze.

Früher wurde der Anzug vor der Saison vom Weltverband FIS mit einer Plombe, die für die zugelassenen Werte stand, im Bereich der Wade versehen. Warum gibt es die nicht mehr?

Weil die Nationen irgendwann in der Lage waren, sich um die Plombe herum einen komplett neuen Anzug zu schneidern. Da hätte die Plombe keinen Sinn mehr gemacht.

Die Athleten schneidern sich also Flugballons und hoffen, dass sie durch die Kontrolle kommen?

So einfach ist es nicht. Die zehn Erstplatzierten werden immer kontrolliert, im ersten Durchgang gibt es zudem Stichproben. Die meisten Nationen haben ihr eigenes Messgerät immer dabei. Da wird schon versucht, ans Limit zu gehen.

Klingt nach tapferem Schneiderlein und nach einer kostspieligen Wissenschaft. Richtig?

Die großen Nationen haben alle ihre Schneider, die den Athleten individuell den Anzug nähen, dabei. Im Sommer werden die Stoffe schon im Windkanal getestet. Die Cheftrainer gehen bei den Stoffherstellern aus und ein und versuchen natürlich, im Sommer und Herbst innovativ zu sein, um etwas Neues und Besseres zu finden. Sollten Tests Vorzüge ergeben, kaufen die Nationen dann komplett den Stoff auf, um anderen Ländern keinen Zugriff mehr zu ermöglichen.

Auf den Springer kommt es aber schon noch an?

Klar. Aber wenn der Anzug den Springer nur 0,5 km/h in der Luft schneller macht, kann ihm das im letzten Flugdrittel einige Meter und damit den Sieg bringen.

Apropos Sieg. Wann kommt denn ein gewisser Levi Siegmund für den Tourneesieg infrage?

Da warten wir mal ganz geduldig ab. Seit Mai dieses Jahres springt unser Sohn von kleinen Schanzen, und er stellt sich gar nicht so schlecht an. Momentan führt er die Thüringer Schülercupwertung an. Zweimal die Woche fahren wir eine Dreiviertelstunde von Erfurt nach Brotterode zum Sprungtraining. Aber er ist erst acht Jahre alt. Zum Geburtstag im Dezember hat er übrigens einen Anzug geschenkt bekommen, und nun zu Weihnachten Sprungski.

Und wenn es mit Levi nicht klappen sollte, haben Sie ein weiteres Nachwuchsprojekt im Visier?

Sie meinen den Kindergarten?

Ja.

Dazu gibt es Pläne. Meine Lebensgefährtin Kathleen wollte schon beim MDR einen Betriebskindergarten eröffnen, das ist aber aus verschiedenen Gründen gescheitert. Nun setzen wir das Projekt in Erfurt um. Im März, April 2020 soll die Eröffnung sein. Geplant ist der Kindergarten "Am Ententeich" mit 30 Kids.

30 potenzielle Nachwuchsskispringer-Innen, das hört sich insbesondere für Thüringen gut an. Stimmt es eigentlich, dass Sie einst ins Trainingszentrum Sebnitz gekommen sind, weil Ihr Entdecker und Übungsleiter Ihrer Sportlehrerin in der Schule einen Kaffee versprochen hatte, wenn sie Ihnen gut zuredet?

Das hab' ich auch gehört. Aber wenn das jemand genau recherchieren kann, dann wird das sicher die "Freie Presse" herausbekommen.


Gerd Siegmund 

Geboren am 7. Februar 1973 in Dresden, aufgewachsen in Neustadt/Sachsen. Im Alter von 13 Jahren wechselte er vom Trainingszentrum Sebnitz an die Kinder- und Jugendsportschule Klingenthal. Nach der Wende schloss sich Siegmund dem WSV Oberhof an.

Nach seinem Weltcupdebüt 1990 kam der großgewachsene Springer (1,86 Meter) 1994 in Thunder Bay zu seinem einzigen Weltcupsieg. Ein Jahr später holte er am selben Ort bei der WM mit Jens Weißflog, Dieter Thoma und Jansjörg Jäkle Silber im Team. Zudem wurde er Deutscher Meister auf der Groß- (1996) und der Normalschanze (1999). Im Jahr 2000 beendete er seine Laufbahn. tp


Aufgebot und Zeitplan 

Für das Auftaktspringen in Oberstdorf und das Neujahrsspringen hat Bundestrainer Stefan Horngacher zwölf Athleten nominiert. Mit Richard Freitag und Martin Hamann (beide von der SG Nickelhütte Aue) sind auch zwei Sachsen vertreten.

Inklusive der nationalen Gruppe gehören noch die Doppel-Weltmeister Markus Eisenbichler (Siegsdorf) und Karl Geiger (Oberstdorf) sowie Stephan Leyhe (Willingen), Moritz Baer, Felix Hoffmann (Goldlauter Heidersbach), Kilian Märkl (Partenkirchen), Pius Paschke (Kiefersfelden), Philipp Raimund (Oberstdorf), Luca Roth (Meßstetten) und Constantin Schmid (Oberaudorf) zum Aufgebot.

Oberstdorf (ARD)

Samstag, 28. 12. 2019, 16.30 Uhr: Quali, Sonntag, 29. 12., 17.30 Uhr: 1. Durchgang, anschließend Finale.

Garmisch-Partenkirchen (ZDF)

Dienstag, 31. 12. 2019, 14.00 Uhr: Quali; Mittwoch, 1. 1. 2020, 14.00 Uhr: 1. Durchgang, anschließend Finale.

Innsbruck (ZDF)

Freitag, 3. 1. 2020, 14.00 Uhr: Quali, Samstag, 4. 1. 2020, 14.00 Uhr: 1. Durchgang, anschließend Finale.

Bischofshofen (ARD)

Sonntag, 5. 1. 2020, 16.30 Uhr: Quali, Montag, 6. 1. 2020, 17.25 Uhr: 1. Durchgang, anschließend Finale.

Eurosport überträgt alle vier Qualifikationen und Springen live. (tp)

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...