Eine starke Frau

Kristina Vogel vom Chemnitzer Erdgasteam hat sich erstmals nach ihrem schweren Trainingsunfall Ende Juni öffentlich gestellt. Bei einer Pressekonferenz in Berlin gab die zweimalige Olympiasiegerin und elfmalige Weltmeisterin aus Erfurt einen tiefen Einblick in ihr Seelenleben - und einen Ausblick auf ihre Pläne.

Berlin.

Unfallkrankenhaus Berlin, Historisches Kesselhaus, Hörsaal: Statt wie sonst auf dem Bahnrad fährt Kristina Vogel diesmal im Rollstuhl auf das provisorische Podium. Zum ersten Mal. Und erstmals seit ihrem Trainingsunfall am 26. Juni stellt sie sich der Öffentlichkeit. Etwa 60 Journalisten sind gekommen, dazu mehrere Fernsehteams. Die Kameras von einem Dutzend Fotografen klicken pausenlos, halten nahezu jede Regung fest. Die 27-Jährige trägt eine weiße Bluse, eine schwarze Hose und auffällige rote Pumps. Die ab dem siebenten Brustwirbel abwärts gelähmte Doppel-Olympiasiegerin ist nicht ganz so locker und fröhlich wie sonst, einmal scheint sie sogar mit den Tränen zu kämpfen. Dennoch stellt sie sich offen allen Fragen und sprach ...

... über die weltweite Anteilnahme nach ihrem Unfall: "Ich hätte niemals gedacht, dass das so eine Welle schlägt. Das war berührend, das war herzzerreißend und hat mir positive Energie gegeben. Ich habe vor Freude geweint, als ich aus dem Koma erwacht bin und gemerkt habe, welche Anteilnahme es auf der ganzen Welt gibt."

... über die Diagnose und ihren Umgang damit: "Ich habe ganz schnell nach dem Unfall realisiert, dass ich nicht mehr laufen kann. Das hat mir auch geholfen, nach dem Aufwachen aus dem Koma, die Diagnose zu verstehen. Wenn man eine Situation schneller akzeptiert, kann man schneller damit umgehen und agieren. Ich habe dabei auch viel von 2009 gezehrt (Anm. d. Red.: erster schwere Trainingsunfall). Ich hatte auch eine Trauma-Behandlung. Damals musste ich schon ganz viele ähnliche Fragen beantworten. Daraus habe ich jetzt Kraft gezogen."

... über die ersten Wochen im Krankenhaus: "Es war für mich grausam. Am Schluss lag ich im Bett, wurde von links nach rechts gedreht und hatte noch nicht die Kraft, mich zu mobilisieren. Ich habe mir dann heimlich vom Physiotherapeuten Thera-Bänder geben lassen. Manchmal habe ich mir auch aus Langeweile das Bett verstellt. Das waren sehr, sehr harte Wochen. Die Ärzte haben jeden Tag gesagt: ,Frau Vogel, bleiben sie geduldig.'"

... über den Kampf gegen die Schmerzen nach dem Unfall: "Die ersten Wochen im Krankenhaus waren die härtesten Wochen in meinem Leben. Der Kampf gegen den Laktatschmerz ist was anderes. Hier ist es der Kampf zurück ins Leben. Der ist härter als der Kampf um eine Goldmedaille. Aktuell habe ich keine Schmerzen."

... über künftige Sportaktivitäten: "Seit dieser Woche darf ich Sport machen. Am Dienstag bin ich beim Fahrtraining gewesen - und bin direkt aus dem Rollstuhl geplumpst und kontrolliert auf den Kopf gefallen. Schmerzen habe ich keine, aber ich habe Muskelkater. Ich habe jahrelang um Muskulatur gekämpft. Nach zwei Monaten Bewegungslosigkeit fängt man bei null an. Jetzt brauche ich natürlich für die Stützfunktion des Körpers eine andere Muskulatur, als ich sie vorher gebraucht habe."

... über ihren Lebensgefährten Michael Seidenbecher: "Michael hat mittlerweile den zweiten schweren Unfall mit mir erleben müssen. Er hat die ersten Nächte neben mir auf einem Stuhl geschlafen, ist mir nicht von der Seite gewichen. Ich weiß, ich habe bei ihm unheimlichen Halt, kann mich immer auf ihn verlassen. Ich bin aber auch froh, dass ich so eine starke Familie und so einen starken Freundeskreis habe. Sie haben mich nicht alleingelassen."

... über ihre Pläne im Radsport: "Ich bin immer noch Athletensprecherin des Radsport-Weltverbandes - das möchte ich auch bleiben, egal ob ich mich vom Sport komplett zurückziehe oder paralympisch aktiv werde. Solche Unfälle sind leider schon viel zu oft passiert - zum Glück für die Athleten ohne diese Folgen wie bei mir. Wir betreiben eine Risikosportart und sind nur mit unserer Haut geschützt. Da möchte ich auf alle Fälle etwas zurückgeben."

... über Reaktionen aus den Niederlanden. Vogel kollidierte mit einem Nachwuchsfahrer: "Ich hatte keinen Kontakt. Der Fahrer und der holländische Verband haben sich nicht gemeldet. Für mich stellt sich aber auch nicht die Schuldfrage. Die Situation klären andere für mich."

... über Kontakt zu anderen Sportlern und Patienten: "Ich wollte erst mit mir selbst klarkommen und die Tragweite des Unfalls begreifen. Im Laufe dieses Prozesses komme ich immer aber mehr auf Fragen, die nur Rollstuhlfahrer beantworten können. Zum Beispiel: Wie fährt man mit der Deutschen Bahn? Meine Traumatalogin hat mir geraten, meinen Freundeskreis in Richtung Para-Sportler etwas zu erweitern. Ich habe auch bewusst den Kontakt zu anderen Patienten gemieden. Jetzt lerne ich hier nach und nach andere Patienten kennen."

... über ihre ungebrochene Lebensfreude nach der Querschnittslähmung: "Vielleicht kann man meiner Mama an der Stelle mal Dank sagen (lacht). Was soll ich mich bedauern? Es ist, wie es ist, Ich kann an der Situation nichts ändern. Natürlich musste ich lernen, Tränen zuzulassen und Emotionen zu verarbeiten. Aber das stärkt mich auch: Ich muss mich nicht verstecken. Und das möchte ich den Leuten zeigen."

... über unerfüllbare Träume und Ziele: "Ich hätte gern den ewigen Rekord für mich gehabt (Anm. d. Red.: Anna Meares aus Australien ist ebenfalls elffache Weltmeisterin). Zehn Jahre nach meiner ersten Elite-WM in Pruszkow hätte ich gern im nächsten Jahr in Pruszkow meinen zwölften WM-Titel gewonnen. Vielleicht hole ich meine zwölfte Goldmedaille einfach woanders. Privat hatte ich natürlich auch Träume wie jedes Mädchen in meinem Alter. Bei der Bundespolizei wollte ich mich durchbeißen, was nun schneller gehen muss; Kinder kriegen, das funktioniert zum Glück. Ich war 18 Jahre Leistungssportlerin und habe dem alles untergeordnet - ich finde aber definitiv neue Ziele."

... über die Frage, was wäre, wenn? "Natürlich hätte es schlimmer kommen können - ich hätte tot sein können oder vom Hals abwärts gelähmt. Ich hatte verdammtes Glück - und wohl einen Schutzengel."


Ärzte: Kristina Vogel könnte Weihnachten zu Hause sein

Kristina Vogel darf elf Wochen nach ihrem schweren Trainingsunfall am nächsten Wochenende erstmals nach Erfurt nach Hause. Voraussichtlich bis Dezember wird die 27-Jährige danach die Reha-Maßnahmen im Unfallkrankenhaus Berlin (ukb) fortsetzen.

Bei ihrer Kollision am 26. Juni mit einem niederländischen Nachwuchsfahrer hatte sich Kristina Vogel "hochgradige Verletzungen am Rückenmark zugezogen, den ersten Halswirbel, das Brust- und das Schlüsselbein gebrochen, wie Dr. Andreas Niedeggen, Chefarzt des Behandlungszentrums für Rückenmarkverletzte, erklärte.

Lob als vorbildliche Patientin erhielt die Ausnahmeathletin von Niedeggen und Prof. Dr. Axel Ekkernkamp, Ärztlicher Direktor und Geschäftsführer des ukb, "Kristina ist sehr weit in ihrem Rehabilitationsprozess. Sie ist seit einer Woche in der Lage, den Transfer von Bett in den Rollstuhl und umgekehrt zu leisten", berichtete Niedeggen.

Zu Weihnachten könnte sie zu Hause sein. Niedeggen: "Kristina wird Probleme haben, Bier aus dem Keller zu holen oder Gardinen aufzuhängen. Ansonsten wird sie gut ein eigenständiges Leben führen können." (tju)

Bewertung des Artikels: Ø 4.5 Sterne bei 4 Bewertungen
3Kommentare
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  • 0
    0
    aussaugerges
    13.09.2018

    Gibt es denn in Cottbus keine Bahnregeln?

  • 5
    0
    Steuerzahler
    13.09.2018

    Hut ab vor dieser Frau!!! Möge sie einen neuen, erfüllenden Weg in Ihrem Leben finden!

  • 6
    0
    Hankman
    13.09.2018

    Was für eine Powerfrau. Es ist sehr traurig, was passiert ist und welche furchtbaren Folgen es für diese bewundernswerte Athletin hatte. Aber wie sie mit dieser Situation umgeht und welche Kraft sie offenbar entwickelt, das haut einen einfach um. Respekt! Ich wünsche ihr alles Gute für den weiteren Weg in der Reha - und ich bin sicher, wenn sie das möchte, wird sie auch als Para-Athletin die Konkurrenz das Fürchten lehren.



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