Einen Hauch von Olympia schon gespürt

Bahnsprinter Stefan Bötticher vom Chemnitzer PSV startet am Wochenende in die neue Wettkampfsaison. Zudem gehört zu seinem Programm die Keirintournee in Japan, bei der er zuletzt eine schmerzhafte Erfahrung machen musste.

Chemnitz.

Das Topereignis war für ihn in den vergangenen Monaten schon mehrfach ganz nah. Zweimal weilte Stefan Bötticher in diesem Jahr bereits für mehrere Wochen in Japan. Nach 2014 und 2015 hatte der Chemnitzer mit weiteren sieben Topsprintern aus aller Welt eine Einladung zur traditionellen Keirintournee erhalten. Neben dem vorgegebenen Programm der Gastgeber mit zunächst einer Ausbildung für die Lizenz sowie den späteren Rennen blieb auch Zeit, um auf dem Olympiaoval von 2020 zu trainieren. "Ich denke, das ist von Vorteil. Man lernt die Bedingungen kennen, entwickelt ein Gefühl für die Bahn ", wertet der 27-Jährige mit Blick auf die Sommerspiele 2020, die er mit aller Vehemenz anvisiert. Auch in Absprache mit Bundestrainer Detlef Uibel wird er deshalb im Juli ein drittes Mal ins Land der aufgehenden Sonne reisen.

Vom zweiten Aufenthalt kehrte er erst vor wenigen Tagen zurück, wobei er auf ein "Mitbringsel" liebend gern verzichtet hätte. Der lange Flug von rund 13 Stunden wurde zur Qual, weil er sich auf der gesamten linken Seite seines Körpers teilweise tiefe Schürfwunden zugezogen hatte. Im letzten Finale der Serie fuhr ihm jemand ins Hinterrad und er stürzte. "Bis dahin lief alles perfekt. Ich hatte eine sehr gute Position, es war nur noch eine halbe Runde zu fahren, als ich auf den Beton knallte", schildert Stefan Bötticher. Statt später wie erhofft das Siegerpodest zu besteigen, musste er sich in ärztliche Behandlung begeben. Es sollte eigentlich sein Rennen werden. Die Taktik der Ausländer, die gemeinsam gegen die Übermacht der Einheimischen kämpfen, war auf ihn ausgerichtet. Zuvor hatte er beispielsweise den Niederländern Matthijs Büchli (u. a. Keirin-Weltmeister 2019) und Theo Bos (mehrfacher Weltmeister) zu deren Siegen mitverholfen. Glücklicherweise trug er keine ernsthaften Verletzungen davon.

Für die Rückreise konnte er dann noch kurzfristig ein wenig umdisponieren. Nach der Landung in Frankfurt (Main) verzichtete er auf den Weiterflug nach Dresden. Seine Freundin, die zweifache Bobweltmeisterin Annika Drazek, holte ihn mit dem Auto ab. In Chemnitz hatte er inzwischen Dr. Thomas Oehmichen in der Arthromed-Sportklinik informiert, der ihn dann kurz vor Mitternacht in Empfang nahm und die Wunden versorgte. "Ich bin ihm unheimlich dankbar, dass er das ermöglichte", meint Stefan Bötticher, der seither regelmäßig zum Verbandswechsel bei ihm erscheint. Fünf Tage war danach an sportliche Betätigung nicht zu denken. Auch seinen für jene Zeit geplanten Umzug in die neue Wohnung musste er auf diese Woche, die dadurch etwas schwierig bei der Koordinierung der vielfältigen Aufgaben wurde, verschieben. Denn seit Sonnabend hat er sich parallel wieder an sein Trainingsprogramm auf der Straße, im Kraftraum oder auf der Bahn herangewagt. Da musste er wegen der Wunden, obwohl der Heilungsprozess überwiegend gut verläuft, jedoch einige Abstriche machen.

"Hundertprozentig bin ich natürlich noch nicht fit. Ich werde einfach sehen, wie es geht", blickt der Athlet vom Chemnitzer PSV auf den Sprintercup am Wochenende in Cottbus voraus. Dieser Wettkampf zum Auftakt einer langen Saison sollte eigentlich ebenso wie der Grand Prix eine Woche später an gleicher Stelle als erste wichtige Standortbestimmung gelten. Stefan Bötticher bleibt dennoch zuversichtlich, da er bis zum verhängnisvollen Sturz eine starke Form besaß. Dabei ist er froh, dass ihn keine verletzungsbedingten oder gesundheitlichen Probleme bisher 2019 zurückwarfen. Akribisch absolviert er deshalb auch nach wie vor seine speziellen Übungen aus der Neuroathletik während der Vor- und Nachbereitung von Trainings- und Wettkampfeinheiten. "In Japan haben wir übrigens auch sehr gute Möglichkeiten zur Regeneration, können einen landestypischen Onsen, ähnlich einer Saunalandschaft, nutzen", schwärmt Stefan Bötticher, der sich in Chemnitz unter den Fittichen der Trainer Ralph Müller und Andreas Hirschligau zu einem Weltklasseathleten entwickelte. Seine bislang wertvollsten Erfolge feierte er 2013, als er bei der WM zwei Titel (Sprint, Teamsprint) erkämpfte.

Obwohl er mehrfacher Welt-, Europameister sowie Weltcupsieger ist, fehlt in seiner Vita bisher Olympia: 2012 war er Ersatzmann, 2016 musste er aus gesundheitlichen Gründen die Vorbereitung abbrechen. Nach einer langen Leidenszeit von über zwei Jahren gelang ihm bei der EM 2018 mit dem Gewinn eines kompletten Medaillensatzes ein tolles internationales Comeback. Bei der WM Anfang März holte er Bronze im Keirin - und war endgültig in der Weltspitze zurück. Nun ordnet er alles seiner Traumerfüllung für Tokio unter, bis zur Heim-WM 2020 in Berlin (27.2. bis 3.3.) läuft der Qualifikations-Countdown.

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