EM-Gold für Chemnitzer Bahnsprinter Stefan Bötticher

Der Bahnsprinter vom Chemnitzer PSV düpierte bei der EM in Glasgow am Dienstag im Keirin seine Kontrahenten und raste zu seinem ersten Gold. Ein Triumph, der lange nachwirken wird.

Stefan Bötticher nach seinem Triumph auf der Ehrenrunde.
Ralph Müller - Radsporttrainer

Er ballte nach seinem Überraschungscoup die Faust, fuhr mit ausgebreiteten Armen eine Ehrenrunde und strahlte. Stefan Bötticher hatte bei der EM in Glasgow am Dienstag sein absolutes Meisterstück abgeliefert. In souveräner Manier düpierte der Chemnitzer seine Kontrahenten im Keirinfinale und sicherte sich sein erstes Gold. "Das ist wie ein Film für mich, ich kann das noch gar nicht fassen", meinte er aufgekratzt und emotional total berührt. "Es sind unbeschreibliche Gefühle, wieder zu siegen." Wenig später, als während der Siegerehrung die Hymne für ihn erklang, hatte der 26-Jährige Tränen in den Augen. In diesen Momenten fiel die ganze Anspannung von ihm ab, er spürte nach all den Mühen in den zurückliegenden Jahren eine riesengroße Erleichterung.

Als Stefan Bötticher mit einem Tigersprung den Triumph auf dem Holzoval in Schottland sicherte und den Franzosen Sebastien Vigier sowie den Briten Jack Carlin im Spurt auf die weiteren Plätze verwies, hallten auch durch das Funktionsgebäude an der Chemnitzer Radrennbahn Freudenschreie. Überglücklich lagen sich die beiden Heimtrainer Ralph Müller und Andreas Hirschligau, die das Geschehen am Laptop verfolgt hatten, in den Armen. "Das war einfach gigantisch von Stefan, es hat alles gepasst. Der Junge ist schon der Wahnsinn", wertete Ralph Müller später im Gespräch mit der "Freie Presse". Er zeigte sich vor allem begeistert, wie sein Schützling, der schon im Vorlauf und im Halbfinale überlegen agierte, dieses Finale gestaltete. "Er hat sich alles zurecht gelegt, fuhr immer am richtigen Hinterrad und startete seinen Angriff im optimalen Moment", schwärmte der 54-Jährige.

Schon am Vorabend war der Coach regelrecht aus dem Häuschen, nachdem Stefan Bötticher bis ins Sprintfinale gefahren und dort Silber erkämpft hatte. "Er war zwar sehr gut vorbereitet, aber diese Erfolge konnte man eigentlich noch nicht von ihm erwarten", fügte er hinzu. Denn nach fast drei Jahren Zwangspause bestritt er erstmals wieder eine internationale Meisterschaft in den Einzeldisziplinen. Den zweifachen Weltmeister von 2013 plagten über eine lange Zeit hinweg gesundheitliche Probleme, auf dem Weg zurück gab es dabei immer wieder Rückschläge zu verkraften. Ein Aufgeben war dennoch nie ein Thema für den Sprintspezialisten mit den außergewöhnlichen taktischen Fähigkeiten. "Stefan hat Tag für Tag so hart gearbeitet, für seine Ziele unbeirrt alles getan, vieles ausprobiert, nie aufgesteckt. Er ist als Leistungssportler eine besondere Persönlichkeit", vergleicht Ralph Müller aus jahrelanger Erfahrung. Stefan Bötticher seinerseits verweist darauf, wie wertvoll für ihn die Unterstützung seiner beiden Heimtrainer ist, zu denen ein uneingeschränktes Vertrauensverhältnis besteht. "Sie gehen stets individuell auf uns ein. Und es war keineswegs einfach in der schweren Zeit, immer alles für mich zu organisieren", meinte der Bundespolizist, der nun mit einen kompletten Medaillensatz nach Hause fliegt, voller Dankbarkeit.

Was er wie auch Gefährte Joachim Eilers zudem stets hervorhebt: Es gelang bisher immer, dass er zu den Saisonhöhepunkten eine Topform besaß. Eilers raste in der unmittelbaren Vorbereitung mit Bestzeiten um das Oval, war aber während der Titelkämpfe wegen Rückenproblemen nicht ganz fit. Dennoch kämpfte der 28-Jährige am Dienstag mit Vehemenz um seine Chance im Keirin, eine seiner Paradedisziplinen. Im Vorlauf hatte er dabei Pech, als in der Endphase unmittelbar vor ihm zwei Fahrer stürzten. Der Weltmeister von 2016 reagierte geistesgegenwärtig und konnte ausweichen, musste aber als Dritter in den Hoffnungslauf. Diesen gewann er ebenso souverän wie später das Rennen um die Plätze sieben bis zwölf. Im Halbfinale indes verpasste er als Vierter hauchdünn den Endlauf, nachdem er lange an der Spitze gelegen hatte. "Joe wurde leider für seine offensive Fahrweise brutal bestraft", befand Ralph Müller, der insgesamt voller Stolz auf die Bilanz seiner Meisterschüler schaute. Nach jede Entscheidung gab es Edelmetall für Chemnitz und mit dem Keirintitel bereits einen sicheren Platz für die WM Anfang 2019 - die nächste wichtige Station auf dem Weg zu Olympia 2020.

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