Endspurt für einen harten Arbeiter

Die Biathlon-Weltmeisterschaft beginnt am Donnerstag in Östersund. Dort will Wolfgang Pichler seine jungen Schweden wieder zu Medaillen führen. Sein Erfolgsgeheimnis verrät der knorrige Bayer nicht wirklich, aber es liegt auf der Hand.

Östersund/Oberhof.

Dass Östersund die Biathlon-WM ausrichtet, war nicht in Stein gemeißelt. Mit Antholz, Nove Mesto und Chanty Mansijsk hatten die Skandinavier starke Mitbewerber. Doch besonders für einen Mann, dessen Namen untrennbar mit den Erfolgen der schwedischen Skijäger verbunden ist, passt der Ort perfekt: Die Rede ist von Wolfgang Pichler, der bei seiner letzten Weltmeisterschaft als Cheftrainer der "Tre Kronor" zum Endspurt ansetzt. "Ich höre nach der Saison auf, gehe in Pension. Irgendwann muss Schluss sein", sagt der Zollbeamte, der vom Herumreisen und den Trainingslagern offenbar genug hat. "240 Tage war ich heuer nicht zu Hause", meint der Ruhpoldinger. Der 64-Jährige verspürt jetzt eher Lust darauf, seine Tochter in Manchester und seine Enkel zu besuchen, anstatt an der Strecke wie ein Jungspund neben seinen Athleten herzurennen.

Bevor sich der Bayer aufs Altenteil zurückzieht, möchte er ab Donnerstag freilich noch ein paar Erfolge einheimsen. Wie diese zu erreichen sind, weiß Pichler genau. 42 Medaillen gewannen seine Athleten bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Die bekannteste, Magdalena Forsberg, führte er Ende der 90er-Jahre zu sechs Siegen im Gesamtweltcup und sechs WM- Titeln. 2006 erkämpfte Anna Carin Zidek Olympiagold im Massenstart. Vier Jahre später holte sich die dreifache Weltmeisterin Helena Ekholm den Gesamtsieg im Weltcup. "Es gibt viele Wege nach Rom, aber ich kenne einen. Den verfolge ich halt konsequent", sagt Wolfgang Pichler zu dieser Bilanz, hinter der sich nach seinen Worten vor allem eines verbirgt: "harte Arbeit".

Diese soll auch dieser Tage Früchte tragen. "Natürlich wollen wir Medaillen", sagt er ohne Umschweife und fügt an: "Das heißt nicht, dass wir alles gewinnen. Aber wir können mit ein bisschen Glück überall um Medaillen mitkämpfen, denn wir haben zwei gute Mannschaften." Wohl wahr, seit den Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang müssen die Gegner seine jungen Wilden wieder auf der Rechnung haben. In Südkorea gewannen die Frauen Staffelsilber, das Männerquartett sogar Gold. Sebastian Samuelson, damals 21 Jahre jung, wurde Zweiter im Verfolger. Die ein Jahr ältere Hanna Öberg siegte im Einzel.

Erstaunliche Erfolge, selbst für den Macher, der die Schweden 2016 wieder übernommen hatte. "Dass es so schnell geht, habe ich ehrlich gesagt auch nicht gedacht. Aber es hat funktioniert", sagt Pichler. "Wir haben praktisch bei null angefangen. Und das Härteste war, dass sie mir alle Alten rausgeschmissen haben", erinnert sich der knorrige Trainer. Notgedrungen schaute er, unabhängig von Ergebnissen, nach Talenten mit Perspektive und zentralisierte sie in Östersund. "Das habe ich knallhart durchgezogen, das muss so sein und macht mich auch stolz. Ansonsten hätten wir keine Chance", erzählt Pichler beim Weltcup in Oberhof.

In Östersund, wo sich den Skijägern vielfältige Studienmöglichkeiten bieten, sind fünf Trainer stationiert. Jeder Athlet darf sich seinen Coach selbst wählen. "Aber es geht nach meinem System", stellt Pichler, der gar nicht so oft in Schweden ist, klar. "Mit Internet geht alles. So halte ich jeden Tag mit den Trainern vor Ort eine Konferenz über Skype ab", erzählt der entschiedene Dopinggegner. Oft genug hat er sich zu diesem Thema klar positioniert. Sein Markenzeichen ist ein anderes: "Ich wusste nicht, dass man so hart trainieren kann, wie er es von mir verlangte. Jedes Jahr dachte ich, es könnte nicht mehr härter werden, aber ich lag falsch", offenbarte Helena Ekholm einmal in einem Interview nach ihrer Karriere. Mona Brorsson, Teammitglied der Silberstaffel von Pyeongchang, lobt zudem die Motivationskünste des Deutschen. "Er weiß wirklich, wie er das letzte bisschen Kraft aus seinen Athleten herauskitzeln kann. Er bringt uns dazu, über unsere Grenzen zu gehen", sagt sie der Zeitschrift Biathlon World.

Ihr Cheftrainer arbeitete mit einer Unterbrechung - von 2011 bis 2014 betreute Pichler die russischen Biathlonfrauen - seit 1995 insgesamt 19 Jahre für die Schweden. Ein Engagement im Deutschen Verband kam nie zustande. "Es hat nicht gepasst", sagt er dazu nur. Eine kleine Spitze rutscht ihm dann aber doch noch heraus. Auf die Frage, was er typisch schwedisch findet, antwortete Wolfgang Pichler: "Der Enthusiasmus der Sportler, dass sie es nicht wegen des Geldes sondern aus Freude tun", meint er. "Ich finde es immer ein bisschen traurig, wenn die Deutschen über Geld reden. Denn so gut wie es dem deutschen Sport geht, geht es dem Sport in den meisten Ländern nicht."

Fourcade bleibt skeptisch 

Das deutsche WM-Aufgebot:

Damen: Laura Dahlmeier (SC Partenkirchen), Denise Herrmann (WSC Erzgebirge Oberwiesenthal). Franziska Hildebrand, Karolin Horchler (beide WSV Clausthal-Zellerfeld), Vanessa Hinz (SC Schliersee), Franziska Preuß (SC Haag); Herren: Benedikt Doll (SZ Breitnau), Johannes Kühn (WSV Reit im Winkl), Erik Lesser (Eintracht Frankenhain), Philipp Nawrath (SK Nesselwang), Arnd Peiffer (Clausthal-Zellerfeld), Roman Rees (SV Schauinsland).

Denise Herrmann ist neben Laura Dahlmeier und Franziska Preuß die dritte deutsche Skijägerin im Aufgebot, die in dieser Saison bereits einen Weltcup gewinnen konnte. Die für Oberwiesenthal startende Wahl-Bayerin siegte in Soldier Hollow (USA) im Verfolger: "Es ist schon cool, wenn man die letzte Periode vor der WM mit einem Sieg abschließt und damit in die Vorbereitung geht", sagte die 30-jährige ehemalige Langläuferin im Vorfeld der WM.

Die Titelverteidiger von Hochfilzen 2017: Männer: Sprint: Benedikt Doll, Verfolger: Martin Fourcade (Frankreich), Einzel: Lowell Bailley (USA), Massenstart: Simon Schempp, Staffel: Russland. Frauen: Sprint: Gabriela Koukalova (Tschechien), Verfolger/ Einzel/Massenstart: Laura Dahlmeier, Staffel/Mixed: Deutschland.

Nach dem Dopingskandal bei der Nordischen Ski-WM rechnet Martin Fourcade auch mit weiteren Enthüllungen im Biathlon. "Ich wäre nicht überrascht, wenn hier in Östersund wieder Doper entdeckt werden. Wenn es in anderen ähnlichen Sportarten passiert, kann es hier natürlich auch passieren", sagte der Franzose in Schweden in einer Medienrunde.

Nach der einer Entscheidung des CAS muss der Biathlon-Weltverband seine vorläufige Sperre wegen Dopingverdachts gegen Galina Wischnewskaja aufheben. Sie war dagegen vorgegangen, dass sie im November 2018 aufgrund von angeblichen Verstößen gegen die Anti-Doping-Regeln vorläufig gesperrt worden war. (tt/dpa)

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