Eric Meinhardt: Vom mickrigen Außen zum Spiritus Rector

Der Kapitän geht nach 17 Jahren im Trikot des Handball-Zweitligisten EHV Aue von Bord. Ein paar Tränen zum Abschied sind einkalkuliert, denn er hat viel erlebt.

Aue.

Auf den Auswärtsfahrten des EHV Aue genießt er ein unglaubliches Privileg. Anstatt der obligatorischen Nudeln mit Gulasch, die Christa Jurke - zusammen mit Ehemann Rudi so etwas wie die guten Seelen des Handball-Zweitligisten - seinen Teamkameraden im Mannschaftsbus serviert, bekommt Eric Meinhardt Jagdwurst und Ketchup. "Als Einziger", sagt der scheidende Kapitän und lacht herzlich.

Am Sonnabend, nach dem letzten Saisonspiel zu Hause gegen Lübbecke (18 Uhr), geht der 33-Jährige von Bord. Nach 17 Jahren im Trikot der Erzgebirger beendet Meinhardt seine Karriere. Selbst bei den Handballern, die nicht so flink den Verein wechseln wie die Fußballer, eine lange Zeit. Da steckt man den Abschied emotional nicht so einfach weg? "Bei dem, was ich alles erleben durfte, denke ich schon, dass am Sonnabend ein paar Tränen fließen", blickt Meinhardt mit einem weinenden Auge voraus.

Ein lachendes ist freilich auch dabei: "Ich freue mich auf die Zukunft, auf das, was kommt. Deshalb werden bestimmt auch ein paar Freudentränen dabei sein", sagt der Oberschullehrer für Biologie und Sport. Das Staatsexamen hat er in der Tasche. Das Referendariat, in dem er sich für Sachsen oder Jena als Einsatzort beworben hat, ist beantragt. "Es ist Zeit für etwas Neues. Ich könnte sicher hier in einer Schule arbeiten, das wäre der einfache Weg. Aber ich möchte mal raus und mich woanders zeigen und behaupten."

Sich behaupten, das passt zu einem Handballer, der gefühlt seine ganze Karriere gegen den Abstieg gespielt hat. Gestört hat es den Publikumsliebling nie, sagt er mit einem breiten Grinsen. "Es war nie schwierig, denn wir hatten immer ein Ziel. Und wenn man keines hat, dann wird es kompliziert." Schwierige Phasen gab es natürlich trotzdem. Etwa als die Auer nach der Saison 2010/11, als die eingleisige Bundesliga eingeführt wurde, den bitteren Gang in die 3. Liga antreten mussten. "Das tat weh", gibt Meinhardt zu. "Aber wir haben das sportlich super kompensiert, denn wir sind sofort wieder aufgestiegen."

Ganz persönlich schmerzte eine schwere Verletzung am meisten. 2017 zog er sich Anfang Februar bei einem Spiel in Hamm einen Augenhöhlenbruch zu. Neun lange Monate musste er pausieren. "Besonders in der Anfangszeit war es eine schwebende und deshalb belastende Sache. Erst nach sechs Monaten gab es endlich eine Tendenz zum Positiven", erinnert sich der ausgebildete Sozialpädagoge, der seine Karriere schon nach der Saison 2017/18 beenden wollte. Doch auf Grund der Zwangspause entschied sich der gebürtige Schlemaer, noch ein Jahr dranzuhängen.

Eine gute Entscheidung. Geht es allein nach der Statistik, gab es zuvor keinen besseren Eric Meinhardt. Als Linksaußen erzielte er in seiner bisher stärksten Saison (2007/08) 184 Tore. 174 waren es 2013/14, als er im Rückraum agierte. Schnee von gestern, denn aktuell steht er bereits bei 234 Treffern in 37 Partien - und damit auf Platz drei in der Feldspielerstatistik der 2. Liga. "Ich wollte das letzte Jahr noch mal genießen, die Atmosphäre in den Hallen spüren. Ich wollte Handball nicht als Belastung oder Job empfinden, sondern Freude und Spaß dabei haben. Das ist wohl ein Grund, weshalb es so gut läuft", meint der "Großsponsor" dieser Saison. Weil er gleich mehrmals in die Mannschaft des Spieltages, zum Spieler des Monats September und schlussendlich von der Trainern und Managern der 2. Liga sogar zum "Spieler der Saison" gewählt wurde, durfte Meinhardt seine Teamkameraden auch mehrmals mit Kaltgetränken und Essen versorgen. Und in einen Handballer passt etwas hinein.

Doch Spaß beiseite. Ein weiterer Grund für eine starke Saison, die vorzeitig im Klassenerhalt mündete, ist seine Treffsicherheit von der Siebenmetermarke. 128 seiner Tore erzielte der spielintelligente Akteur vom ominösen Punkt, was einer Erfolgsquote von etwa 80 Prozent entspricht. Das ist zwar auch das Resultat von Freude und Spaß, aber eben auch von Ehrgeiz und Disziplin. "Nach dem Training müssen die Torleute Radek Musil oder ErikTöpfer oft noch herhalten. Etwa 100 Siebenmeter werfe ich in der Woche, um bei den verschiedenen Varianten Routine reinzubekommen", verrät der EHV-Kapitän.

Die Binde trägt er seit der Saison 2013/14, begonnen hatte alles schon 2002. Der damalige Trainer Klaus Müller ließ den 17-jährigen A-Jugendlichen immer mal wieder ein paar Minuten spielen - auf Linksaußen. "Zu mehr hat es nicht gereicht, weil ich mit meinen 70 Kilogramm ziemlich mickrig war", sagt der Erzgebirger schmunzelnd. Vor allem an ein Pokalmatch gegen den TBV Lemgo und ein Punktspiel gegen den TV Kornwestheim erinnert er sich. "Da habe ich das 40. Tor geschossen. Michal Tonar und Petr Házl hatten das eingefädelt." Peu à peu rückte Meinhardt jedoch über Links- und Rechtsaußen ins Zentrum und avancierte - 20 Kilogramm schwerer - zum Spiritus Rector. Und er schlüpfte in die Führungsrolle, die es der Mannschaft leicht machte, ihn als Kapitän zu akzeptieren.

"Eric ist weder sportlich und schon gar nicht menschlich zu ersetzen", sagt sein langjähriger Teamgefährte und Freund Kevin Roch. Ein Fingerzeig auf eine andere Rolle als Chef. "Mir war immer wichtig, dass jeder seinen Platz findet, nicht bei- seitegestoßen wird, sich wohlfühlt. Denn ich denke, wenn sich in der Mannschaft alle wohlfühlen, dann überträgt sich das auch aufs Feld", meint Meinhardt, der sich vor allem als Vermittler zwischen Trainer und Spielern sieht. "Das ist der Spagat, den du als Kapitän meistern musst. Da habe ich immer versucht, Brücken zu bauen", sagt der "glücklich verheiratete" Ehemann.

Mehr ist ihm zu seinem Privatleben nicht zu entlocken. Viel lieber erzählt er von den fantastischen Fans, bei dem er als Einheimischer immer einen kleinen Bonus hatte. Viel lieber lobt er die vielen rührigen Helfer des Vereins, den er trotz Anfragen anderer Clubs nach der Saison 2010/11 nicht verlassen hat. "Weil das Paket stimmte, es ein Geben und Nehmen war. Ich konnte den Sport immer mit meiner beruflichen Ausbildung verbinden. Denn mir war klar: Mit dem Handball kann es sehr schnell vorbei sein. Dann wollte ich etwas haben, wo es nahtlos weitergeht."

Am Sonnabend ist es vorbei. Mit dem Handball in der 2. Bundesliga und auch mit den lästigen Auswärtsfahrten. "Nicht mehr acht, neun Stunden im Bus zu sitzen, darauf freue ich mich wirklich am meisten. Und darauf, dass ich die Wochenenden frei gestalten kann", verrät Eric Meinhardt. Dass er dafür auf Nudeln mit Jagdwurst und Ketchup verzichten muss, ist ihm wohl noch nicht klar.

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