Etwas für Sprinter oder Kletterer?

Die Titelkämpfe gelten als letzter Formtest für die Tour de France. Wo liegen die Tücken der Strecke? Wo ist es für Fans besonders attraktiv, die Asse hautnah zu erleben? "Freie Presse" hat mit Ex-Profi Jürgen Werner den Stadtkurs getestet.

Chemnitz.

Der frühere Radrenner Wolfgang Lötzsch hätte den Kurs noch schwieriger gemacht, etwa eine steile Gasse am Schlossberg für die Profis bei ihrem letzten Formtest für die Tour de France eingebaut. Für andere Experten ist die Strecke auch so schwer genug, wird der 19,4-km-Stadtkurs bei den Deutschen Straßenrad-Meisterschaften in Chemnitz nicht nur einer für Sprintspezialisten sein. Wo also sind die kniffligen Punkte auf der Runde? Wo könnten Ausreißer ihre Chance suchen? Wo sollte es für Zuschauer besonders attraktiv sein, Profis wie Marcel Kittel, André Greipel oder Marcus Burghardt live zu erleben? "Freie Presse"-Sportredakteur Thomas Prenzel ist den Kurs, auf dem die Asse am 24. (Frauen, 15 Uhr) und 25. Juni (Männer, 11 Uhr) ihre Meister küren, mit dem ehemaligen Radprofi Jürgen Werner abgefahren.

1. Start am Hartmannplatz: Wir starten in Richtung Westen bis zur Kreuzung, auf der es links ab geht und mit der Fahrt über den Kaßberg (Reichsstraße) der erste Hügel wartet. "Sollte das Peloton bis zur letzten Runde zusammensein, käme hier eine Attacke überraschender als später am Berg, wo sich alle belauern", schätzt Jürgen Werner ein. In der Bernsdorfer Straße können die Straßenbahnschienen keine Gefährdung darstellen, da die Renner nur rechtsseitig von den Gleisen fahren.

2. Verpflegung am Friedhof: An der Ecke Wartburg-/Reichenhainer Straße wird scharf links abgebogen und die Straße, die im täglichen Autoverkehr nur stadteinwärts befahrbar ist, hoch zum Sportforum geradelt. Oberhalb des Friedhofs wird die Verpflegungsstation eingerichtet. Die Beutel mit Getränken und Riegeln dürfen die Herren (elf Runden) nur von der vierten bis zur achten Runde aufnehmen, erklärt Roland Kaiser. Der langjährige Organisator von Radrennen hat zum Großteil den Kurs ausgesucht, erhielt dabei von der Stadtverwaltung die Vorgabe eines Stadtkurses.

3. Einfahrt Berg: Unmittelbar vor dem Kreisverkehr (Abfahrt u. a. nach Einsiedel) führt der Kurs in einer scharfen Linkskurve auf die Gornauer Straße. "Diese werden die Profis mit Risiko nehmen, um möglichst viel Fahrt in den Berg hinein mitzunehmen", vermutet Werner.

4. Scharfrichter mit Bergwertung: Der einzig nennenswerte Berg kommt jetzt: Es geht ziemlich lange stetig leicht bergauf. Erst auf den letzten paar Hundert Metern wird der insgesamt rund drei Kilometer lange Anstieg giftig steil. Für Hobbyradler wie mich hat sich spätestens jetzt die Unterhaltung im Sattel mit dem ehemaligen Giro-Teilnehmer erledigt. Einmal da hoch, ist vielleicht nicht das Problem, aber elfmal? Jürgen Werner schmunzelt, denn keineswegs der Anstieg mit 115 Metern Höhendifferenz ist die Schwierigkeit an sich. "Nicht die Strecke macht ein Rennen schwer, sondern die Rennfahrer machen es", sagt der Ex-Profi: "Ich bin gespannt, wie schnell es hier hochgeht. Wir haben in der Rennerszene zu einer Sternfahrt an die Strecke aufgerufen. So schnell werden Profis, die eine Woche später bei der Tour starten, nicht wieder hautnah in Sachsen zu sehen sein." Ein Hauch von Tour-de-France-Stimmung könnte hier am Berg im Stadtteil Reichenhain aufkommen. Der rührige Heimatverein hat einen Flyer erstellt, will mit den Zuschauern ein Fest feiern. "Der Anstieg ist prädestiniert dafür, den Radsport in seiner Faszination zu erleben", sagt Silvio Bonk vom Stadtsportbund Chemnitz. Auf den letzten Metern bis zur Bergwertung sollen Absperrgitter aufgestellt werden. Für die schöne Aussicht über Chemnitz bleibt den Rennern sicher keine Zeit.

5. Bergab in Adelsberg: Nach dem Berg die Erholung in der Abfahrt? Denkste! Für Werner ist klar: Sollte ein guter Sprinter am Berg Boden verlieren, werden die Teams in den folgenden fünf Kilometern Abfahrt versuchen, ihren Mann wieder nach vorn zu bringen. "Die Leute werden sich wundern, wie schnell man durch Adelsberg Fahrrad fahren kann", geht der Ex-Profi von einer 70 Stundenkilometer schnellen Hatz aus. Beim Test mit laufendem Verkehr sind wir langsamer unterwegs. Fest steht: Das Verkehrsschild "30" wird beim Rennen sträflich missachtet - allerdings mit behördlicher Genehmigung.

6. Vorbereitung Zielspurt: In Höhe des Karl-Marx-Kopfes ist trotz Sauerstoffschuld kluges Gedankengut gefragt, sollte es zum Massensprint kommen. Es geht um Taktik und eine gute Ausgangsposition. Noch eine Links- und eine Rechtskurve, danach führt der Kurs nur noch geradeaus bis ins Ziel. Die kleine Welle über die Brücke der Chemnitz sollte keine entscheidende Rolle spielen.

7. Zielsprint: Wer kann nach rund 213 Rennkilometern noch einen hohen Gang im Spurt treten? "Ich würde die Runde nicht als reinen Sprinterkurs bezeichnen", wertet Werner. Ihm fällt es schwer, Prognosen abzugeben. Das deutsche Team Bora-hansgrohe bietet eine achtköpfige Armada auf, besitzt u. a. mit Kletter-Ass Emanuel Buchmann oder Lokalmatador Marcus Burghardt nicht nur eine Option: "Für die Zuschauer wäre es natürlich klasse, wenn es ein Sachse daheim schafft", meint Werner. Neben Sprintspezialisten wie Marcel Kittel oder André Greipel nennt er Rick Zabel als Geheimfavoriten. Einem Simon Geschke ist auch alles zuzutrauen. Oder schlüpft am Ende sogar einer, den nur wenige Experten auf dem Zettel haben, ins Meistertrikot?

Wer den Kurs bei temporär abgesperrtem Verkehr testen will, kann das am 24. Juni (ab 11 Uhr) auf der vom Stadtsportbund sogenannten "Sportstadtrunde Chemnitz" tun. Die Teilnahme ist für geübte Hobbyradler ab 14 Jahre ohne Anmeldung kostenlos möglich.

 Absprung nach der Karriere geschafft

 Jürgen Werner war Letzter beim Giro d'Italia und blickt trotzdem ohne Groll auf seine Zeit als Radprofi zurück

Nein, das Wort rufschädigend will der Zwickauer Jürgen Werner mit seiner aktiven Zeit im Trikot des Teams Telekom nicht in Verbindung bringen. In den Anfangszeiten des Radrennstalls in den 90er-Jahren war ein Engagement beim Bonner Team mit einem Vertrag beim FC Bayern im Fußball zu vergleichen. Die Dopingenthüllungen in der Mannschaft um Jan Ullrich, den Tour-Sieger von 1997, warfen später allerdings einen Schatten auf die Erfolge der Magenta-Renner. "Ich bin im Nachhinein froh, dass mein Potenzial nur für die 2. Liga reichte. Da war eben Schluss in der Leistung, wenn es mit Training und Ernährung nicht zu mehr gereicht hat", blickt Werner auf die Zeit zurück, die der siebenmalige Tour-Sieger Lance Armstrong in seiner Beichte so bezeichnete: "Doping gehörte für mich zum Radsport wie das Aufpumpen der Reifen."

Das Aufpumpen der Reifen ist für Jürgen Werner heute Tagesgeschäft. In seiner Geburtsstadt Zwickau betreibt er mit Bruder Henri einen Fahrradladen, in dem er mit seinen acht Mitarbeitern alles anbietet, was das Radlerherz begehrt. Mittlerweile läuft es ganz gut, meint Jürgen Werner. Aber es hat seine Zeit gedauert, bis sich der heute 46-Jährige nach dem Karriereende2003 beruflich neu orientiert hatte. "Als Fernmeldetechniker, der zehn Jahre aus dem Job raus ist, waren die Chancen überschaubar, in diesem Beruf wieder Fuß zu fassen. Es gab schon Zeiten, da war ich knapp bei Kasse", gibt der Sachse ehrlich zu.

Ein Polster konnte sich der Vater von Stephanie (26), Gulia (16) und Laurence (13) in aktiven Zeiten nicht anlegen, auch wenn er damals als Wasserträger bei Telekom nicht schlecht verdiente. Reichtümer gab es nicht, als der Spezialist für Eintagesrennen 1995 beim Weltcup-Rennen Paris - Tours Vierter wurde oder später im Trikot von "Bunte Berte" und "Nürnberger" Erfolge erzielte. Etappensiege bei Länder-Rundfahrten wie der Sachsen-Tour oder ein Tageserfolg bei der Friedensfahrt stehen zu Buche. Auch auf ein Zeitfahren in Österreich, das Werner hinter Olympiasieger Fabian Cancellara als Zweiter beendete, ist er stolz.

Geblieben sind schöne Erinnerungen, u. a. an seine drei Teilnahmen am Giro d'Italia. "In einem italienischen Team den Giro zu fahren, ist einmalig", schwärmt Werner von den radsport-verrückten Tifosi. Bei seiner Giro-Premiere 1994 rettete er sich auf einer Bergetappe vier Sekunden vor Überschreiten der Karenzzeit vor dem Besenwagen. Immerhin gehörte er zu den 99 von rund 200 Fahrern, die in Mailand das Ziel erreichten - damals als 99. und mit 67 Kilo Körpergewicht. Das waren runde 13 weniger als heute ... (tp)

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