European Championships: Kampfsau und Dampfplauderin

Vizeeuropameisterin Gina Lückenkemper ist ein unglaubliches Energiebündel, als Sprinterin und Entertainerin. Doch wenn ihr alles zu viel wird, dann vertraut sie sich Picasso an.

Gina Lückenkemper jubelt strahlend mit der Deutschlandfahne.
Sebastian Hendel - Langstreckenläufer
David Storl ging auf Risiko und handelte sich insgesamt vier ungültige Versuche ein.

Für Sie berichtet: Thomas Treptow

Picasso hat es gut, aber manchmal kann er einem ein bisschen leidtun. Denn das Pferd, das sich Gina Lückenkemper vor zwei Jahren gekauft hat, ist nicht nur ihr bester Freund, sondern ebenso ihr Mentalcoach. Immer, wenn es Deutschlands schnellster Sprinterin schlecht geht, vertraut sie sich dem geduldigen Vierbeiner an: "Dann fahre ich einfach in den Stall, putze ihn - und keiner will etwas von mir. Dem Pferd ist egal, was ich mache, egal, was ich erzähle", sagt die 21-Jährige und fügt lachend an: "Er widerspricht auch nicht."

Vermutlich käme Picasso aber gar nicht zu Wort, denn die Blondine ist nicht nur auf der Bahn schnell, sondern auch eine Dampfplauderin. Nach ihrem Silbercoup im Berliner Olympiastadion über 100 Meter sprudelte es nur so aus Gina Lückenkemper heraus. Dabei hatte sie von dem famosen Rennen, in dem ihr nur die Britin Dina Asher-Smith entwischt war, selbst gar nichts mitbekommen. "Ich habe absolut keine Erinnerungen daran, weder vom Start noch später. Ich habe im Ziel nur gemerkt, dass ich relativ weit vorne lag. Und als dann auf der Anzeigetafel neben Platz zwei eine Deutschlandfahne kam, war das einfach nur geil", erzählt die Athletin von Bayer Leverkusen.

Geil, im Sinn von superschön oder sehr emotional, ist offenbar ein Lieblingswort der Studentin für Wirtschaftspsychologie. Gina Lückenkemper sagt es oft und gern am späten Dienstagabend in den Katakomben des altehrwürdigen Olympiastadions. So fand sie es geil, ins Stadion reinzukommen, wo die Zuschauer ihren Namen riefen. Auch dass sie zweimal, im Semifinale und Finale, unter der magischen 11-Sekunden-Marke geblieben war, ordnete sie in die Rubrik ein. Das müssen nicht alle stilsicher oder nachahmenswert finden, passt aber zu der flotten jungen Frau, die sich eine Ehrenrunde nicht nehmen ließ. "Mir macht das Spaß, auf der Bahn zu stehen und diesen Spaß nach außen zu transportieren. Als Sportler und gerade als Sprinter sind wir auch Entertainer", sagt die EM-Dritte von 2016.

Die Medaille in Amsterdam holte Gina Lückenkemper, die aus dem westfälischen Soest stammt, über 200 Meter. Zusammen mit der deutschen Staffel, in der auch Freundin Rebekka Haase vom LV 90 Erzgebirge lief, erkämpfte sie vor zwei Jahren zudem ebenfalls Bronze. Und eine zweite Medaille will die lebensfrohe Blondine auch aus Berlin mitnehmen. Darum hat sie nie herumgeredet, was auch gar nicht zu ihr passen würde. Das sagt Gina Lückenkemper, deren Freund Stefan in Bamberg lebt, übrigens auch von einem jungen Trainer. Sie schwört auf ihren Coach Ulrich Kunst. Mit seinen 67 Jahren und seiner Gelassenheit bildet er einen absoluten Gegenpol zu dem Energiebündel.

Doch Gina Lückenkemper ist nicht nur der personifizierte Sonnenschein der deutschen Leichtathletik, sie kann eben auch verdammt schnell rennen. Wo das letztendlich hinführt? Die 1,70 Meter große und 57 Kilogramm schwere Sprinterin zuckt die Schultern: "Dafür bin ich noch zu sehr am Anfang meiner Karriere. Die Grenze wird sicher irgendwann erreicht sein, aber von mir aus kann es noch ein bisschen weitergehen."

Bei 10,95 Sekunden steht ihre persönliche Bestzeit über 100 Meter. Die Schallmauer durchbrach sie das erste Mal im vergangenen Jahr, im Vorlauf bei der WM in London. Danach erzählte Gina Lückenkemper im "Aktuellen Sportstudio", dass sie vor einem Start schon mal an den Polen einer Neun-Volt-Batterie leckt, um gleich voll da zu sein. Denn ihr Start ist ausbaufähig, was auch in Berlin zu sehen war. "Ich bin ein Meisterschaftstyp, eine Kampfsau, dazu stehe ich. Mich muss man immer auf der Rechnung haben", sagt Gina Lückenkemper, die nicht nur auf der Bahn ein bemerkenswertes Tempo vorlegt. Picasso kann sicher ein Lied davon singen - wenn er reden könnte.

"Musste um jeden Meter hart kämpfen"

Langstreckler Sebastian Hendel über ein lachendes und ein weinendes Auge

Der 22-Jährige vom LAV Reichenbach hat seine erste Männer-EM mit dem 24. Platz über die 10.000 Meter beendet. Monty Gräßler und Thomas Treptow sprachen mit dem Vogtländer.

Hat Sie der flotte Start angesichts der Hitze überrascht?

Es war für mich in diesem Jahr auf alle Fälle das 10.000-Meter-Rennen, das am schnellsten losging und das mit den schwierigsten Bedingungen. Ich hatte auf ein taktisches Rennen gehofft, merkte aber schon auf den ersten Runden, dass es nicht läuft. Ich habe versucht, meinen Rhythmus zu finden. Aber das war schwer.

Sie haben aber zum Ende hin wieder einige Läufer eingesammelt.

Ja. Ich habe mich kurz etwas zurückgenommen, weil ich geahnt habe, dass viele Läufer bei diesem extremen Lauf aussteigen. Für mich kam Aufgeben vor dem tollen Heimpublikum nicht in Frage. Aber ich musste mir jeden Meter hart erkämpfen.

Wie fühlt sich der 24. Platz so kurz nach dem Rennen an?

Ich sehe es mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Im ersten Moment war ich etwas niedergeschlagen. Aber eigentlich kann ich zufrieden sein. Es war ein Superjahr, ich habe heute mein Bestes gegeben und bin stolz, dass ich dabei sein konnte.

Was ist die wichtigste Erkenntnis, die Sie von Ihrer EM-Premiere mitnehmen?

Dass ich das nächste Mal ein bisschen ruhiger bleiben sollte. Aber wir mussten im Callroom eine ganze Weile warten und es hat gedauert, ehe wir die ganzen Sicherheitsbarrieren passiert hatten. Da war ich im Stadion schon sehr nervös, bin ein bisschen innerlich verkrampft.

Aber Sie konnten wichtige Erfahrungen sammeln.

Genau. Bei der nächsten EM will ich wieder dabei sein. Und dann werde ich nicht mehr hinterherlaufen.

"Abgerechnet wird nach Medaillen"

Kugelstoßer David Storl hat in Berlin sein Minimalziel erreicht, mit maximaler Unterstützung auf der Tribüne.

Es war Ende April, als David Storl im Gespräch mit der "Freien Presse" Bronze als das Minimalziel für den Saisonhöhepunkt ausgab. Das wirkte fast ein wenig bescheiden, doch er sollte recht behalten. Gestern bekam er in Berlin die Bronzemedaille im Kugelstoßen um den Hals gehängt - und sie gefiel ihm: "Wenn man die letzten Jahre hernimmt, dann geht der Trend nach oben. Silber bei der Hallen-WM und EM-Bronze, das sind erst mal wieder Medaillen. Und danach wird abgerechnet", sagte der 28-Jährige vom SC DHfK Leipzig, der in Markkleeberg wohnt.

Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 und der Weltmeisterschaft in London 2017 war David Storl leer ausgegangen. Zwei bittere Pillen für den erfolgsverwöhnten Hünen und ein Grund, sich nach London von seinem langjährigen Trainer Sven Lang zu trennen. Wilko Schaa nahm den Olympiazweiten von London 2012 im vergangenen Herbst unter seine Fittiche, dosierte das Training etwas anders und setzte bei dem Angleiter voll auf die Karte Geschwindigkeit. Diese stach am Dienstagabend nur bedingt. Nach guten 21,41 Metern im ersten Versuch konnte sich David Storl nicht mehr steigern. "Ich bin dann mehr Risiko gegangen und habe versucht, das Tempo hochzuhalten, weil ich natürlich um Gold mitkämpfen wollte. Aber ich konnte den Lucky Punch nicht setzen", sagte der gebürtige Rochlitzer, der am 17. August beim Werfertag in Thum wieder in Aktion sein wird.

Gold und Silber in Berlin holten sich die bärenstarken Polen Michal Haratyk (21,72 m) und Konrad Bukowiecki (21,66 m). Leistungen, die der zweifache Weltmeister aus Sachsen anerkannte, besonders die des Siegers Haratyk. "Damit konnte man auch lange Zeit eine WM gewinnen, er ist verdient Europameister geworden", sagte David Storl und verwies auf die enorme Leistungsdichte im Männer-Kugelstoßen. "Sechs Athleten haben hier in Berlin über 21 Meter gestoßen. Insofern ist Bronze ist völlig okay, denn es hätte auch ganz anders ausgehen können."

Das goldene Maximum, mit dem er seinen vierten EM-Titel in Folge erkämpft hätte, war es jedoch nicht. Dafür hatte der verheiratete Familienvater maximale Unterstützung im Olympiastadion. Ehefrau Marie saß mit den Kindern Jaro (3) und Nahla (6) auf der Tribüne und drückte die Daumen. Und als David Storl über seine kleine Familie sprach, da glänzten seine Augen. (tt)

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