Ex-Bundestrainer Werner Schuster und sein neuer Schützling

Gregor Schlierenzauer aus Österreich hat die meisten Weltcupsiege. Doch seit fünf Jahren steckt er in einem Leistungstief.

Innsbruck.

Vielleicht kommt er an die Bergisel-Schanze nach Innsbruck, vielleicht aber auch nicht. Werner Schuster, bis letzten Winter Erfolgscoach der deutschen Skispringer, nimmt sich derzeit etwas zurück in seinem Metier. Er plane, im Hintergrund zu bleiben, bekamen österreichische Kollegen kurz vor der Vierschanzentournee von ihrem Landsmann zu hören. Schuster will wohl auf keinen Fall in die Rolle eines Schlaumeiers gegenüber seinen Trainerkollegen gedrängt werden. Dabei gibt es durchaus Potenzial für die Gefahr, dass dieser Eindruck entstehen könnte. Denn Schuster, der im Frühjahr seine elfjährige Arbeitsbeziehung mit dem Deutschen Skiverband beendete, hat fast nahtlos den Job des Privattrainers von Gregor Schlierenzauer übernommen. Das überraschte schon, denn der 50-jährige Vorarlberger hatte seine berufliche Auszeit damit begründet, mehr Zeit für seine Familie haben zu wollen.

Schuster gelang auch noch eine weitere Überraschung. Schlierenzauer, mit 53 Siegen der erfolgreichste Weltcupspringer und seit fünf Jahren in einem Leistungstief, wird nach nur kurzer Zusammenarbeit mit seinem einstigen Jugendtrainer plötzlich wieder in der Weltspitze vorstellig. Der vierte Platz des 29-jährigen Tirolers am ersten Dezember-Wochenende im russischen Nischni Tagil bestärkte jedenfalls seinen neuen Coach, den "Schlieri" wieder in den Kreis der weltbesten Schanzenadler aufsteigen zu lassen.

"Ich glaube zumindest daran. Sonst hätte ich es ja nicht angepackt", sagte Schuster der Regionalzeitung "Allgäuer Allgemeine". Beim ersten Tourneespringen in Oberstdorf verpasste sein Schützling das Finale, landete auf Platz 31. In Garmisch-Partenkirchen rangierte er sich fast an gleicher Stelle ein (35.). Schlierenzauer hatte beide Male das Pech, im K.-o.-Duell gegen Stefan Kraft antreten zu müssen. Vom Leistungsniveau der österreichischen Nummer eins ist der frühere Überflieger noch weit entfernt.

Dennoch: Schlierenzauers Aufschwung im Vergleich zum Winter 2018/2019 ist erstaunlich. In der vorigen Saison kam er in zehn von zwölf Weltcupwettbewerben nicht in den Finaldurchgang, durfte sogar nur noch eine Liga tiefer in der Continentalcup-Serie starten, und für die WM vor seiner Haustür in Seefeld wurde er nicht nominiert. Der einst gefeierte Überflieger sah für sich als Skispringer in Österreich keine Perspektive mehr, zudem fehlte ihm in der Trainerschaft eine Vertrauensperson. Da kam die berufliche Auszeit seines ehemaligen Lehrers aus dem Skigymnasium Stams wie gerufen. "Der Wunsch zur Zusammenarbeit ging von Gregor aus", berichtete Schuster. Das sei für ihn ein Vorteil gegenüber anderen Trainern gewesen. Schlierenzauer habe ihm "ein paar Tage und Wochen länger zugehört, als er das bei anderen getan hat".

Schnell erkannte der erfahrene Trainer das zunächst größte Problem. "Beim Gregor musste man zuerst entrümpeln", erzählte Schuster bereits im Sommer. Und er erklärte, was er damit meint: "Er hatte sich da ein bisschen verlaufen. Er hat versucht, über das Material, über alle möglichen Ideen schnellstmöglich die Lücke zur Weltspitze zu schließen. Meine Aufgabe war es, sein Denken zu sortieren und zu strukturieren, das Sportliche wieder in den Mittelpunkt zu rücken."

Schlierenzauer bezeichnet die neue Zusammenarbeit für sich selbst als "sehr erfüllend" und Schuster "definitiv als den besten Skisprungtrainer der Welt". Eine Aussage, die der so Hochgelobte nicht mit Begeisterung aufgenommen haben dürfte, zeugt sie doch nicht gerade von Respekt gegenüber den momentan verantwortlichen Skisprungtrainern im Österreichischen Skiverband. Werner Schuster versichert aber, dass es mit dem ÖSV-Chefcoach Andreas Felder und seinen Kollegen keinerlei Kompetenzgerangel gebe. Schlierenzauer sei bei den Weltcups fester Bestandteil des ÖSV-Teams. "Nur dazwischen stehe ich Gregor für ein Training oder eine Analyse zur Verfügung." Die Sprünge seines Athleten schaut sich Schuster auf dem Sofa zu Hause an - vielleicht auch das dritte Tourneespringen auf der Bergisel-Schanze in Innsbruck.

Horngacher beschäftigt sich nicht mit der Gesamtwertung 

Stefan Horngacher verblüffte. "Der Kobayashi müsste führen, oder?" Das entgegnete der deutsche Bundestrainer am Donnerstag, dem zweiten Tournee-Ruhetag, auf die Frage, wem er denn die besten Chancen auf den Tournee-Gesamtsieg gebe. "Ich weiß nicht, wie die Tournee steht. Damit beschäftige ich mich nicht", erklärte er seine Wissenslücke. Er fokussiere sich auf das, "was ich beeinflussen kann", sagte der Österreicher. Er müsse darauf schauen, dass das Team funktioniert "und die Jungs gute Sprünge produzieren".

Das deutsche Aufgebot wird in Innsbruck und Bischofshofen von Karl Geiger, Markus Eisenbichler, Stephan Leyhe, Pius Paschke, Constantin Schmid und Moritz Baer gebildet. Nach dem Ausscheiden von Richard Freitag ist somit kein Skispringer aus Sachsen mehr beim größten Schanzenspektakel der Welt dabei. Die zur ersten Tourneehälfte startberechtigte nationale Gruppe wird jetzt wieder in der Continentalcup-Serie eingesetzt.

Richard Freitag wird laut Horngacher in Oberwiesenthal beim leitenden Stützpunkttrainer Tino Haase an der Ausmerzung seines Absprungfehlers arbeiten. "Wie lange das dauern wird, ist offen", sagte der Bundestrainer im Quartier in Lans. Freitag hatte wegen anhaltender Formkrise die Tournee nach der gescheiterten Qualifikation in Oberstdorf verlassen. (uwi)

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...