"Für die Trainer wird viel zu wenig getan"

Thomas Weise, Leiter des Olympiastützpunkts Sachsen, sieht die bisherigen Ergebnisse des bundesweiten Leistungssportreform kritisch

Chemnitz.

Im Rahmen der Reform im deutschen Leistungssport existiert in jedem Bundesland nur noch ein Olympiastützpunkt (OSP). Chemnitz ist nunmehr der Sitz der Geschäftsstelle für ganz Sachsen. Als Leiter fungiert Thomas Weise, der seit 2005 an der Spitze des OSP Chemnitz/Dresden steht. Mit dem 63-Jährigen, der in Oberwiesenthal zu Hause ist und einst als Langläufer aktiv war, sprach Martina Martin.

Freie Presse: Wie verlief die Zusammenlegung der zwei Olympiastützpunkte in Sachsen?

Thomas Weise: Was unseren Part betrifft, sehr professionell und kollegial. Nachdem bekannt war, dass es diese Vorgaben gibt, waren wir uns mit den Leipzigern schnell über den Weg einig. Wir erarbeiteten langfristig ein gemeinsames Konzept, das natürlich viel bürokratischen Aufwand erforderte. Nachdem sich die Mitglieder der beiden Trägervereine im November 2018 auf die Fusion ab 2019 geeinigt hatten, gab es den offiziellen Bescheid des Amtsgerichtes erst im Mai. Seit 1. Oktober arbeiten wir als eine Einrichtung.

Welche Veränderungen hat dieser Prozess gebracht?

Da gibt es nicht so viele. Von vornherein war unsere wichtigste Herangehensweise, dass deswegen kein Standort geschlossen und kein Mitarbeiter entlassen wird. Das konnten wir zu hundert Prozent umsetzen. Neu an der Struktur ist, dass die gesamte Verwaltung - also Haushaltsplanung. Abrechnung, Personalangelegenheiten etc. - nun von Chemnitz aus organisiert wird. Leipzig ist jetzt ein Standort neben Oberwiesenthal, Klingenthal, Altenberg, Dresden und Chemnitz mit einem eigenen Koordinator.

Sie selbst tragen als Chef jetzt noch mehr Verantwortung.

Darauf konnte ich mich von Beginn des Prozesses an einstellen, da klar war, dass mein Leipziger Kollege Dr. Winfried Nowack 2019 in den Ruhestand geht. Ich habe sehr kompetente Mitarbeiter an meiner Seite, mit denen ich seit Jahren die Aufgaben bewältige. Da gibt es auch mal eine Umverteilung. Als Gewinn sehe ich den neuen Standortkoordinator Stefan Sadlau in Leipzig. Entscheidend ist, dass wir für unsere Sportler - nunmehr rund 500 Kaderathleten - die Betreuung ständig optimieren. Und da wirkt sich die Zusammenlegung positiv aus.

Welche Vorteile würden Sie vor allem nennen?

Ich denke besonders an den medizinischen Bereich. Wir können die Fähigkeiten von mehr Spezialisten und Einrichtungen für alle nutzen. Auch mit dem wissenschaftlichen Potenzial sind wir enger verzahnt und profitieren so stärker. Außerdem schöpfen wir die Möglichkeiten der sehr guten Zusammenarbeit mit dem Landessportbund und dem sächsischen Innenministerium noch besser aus.

Wo steht Sachsen sportlich im bundesdeutschen Vergleich?

Wir behaupten uns im vorderen Feld. Als OSP rangieren wir nach den Erfolgen auf dem fünften Rang, bei der Zahl der Bundesstützpunkte - derzeit insgesamt 19 - liegen wir auf Platz vier. Vor uns sind nur Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern, die aber weitaus mehr Einwohner haben. Bei der Unterstützung durch den Freistaat sind wir aber an der absoluten Spitze. Diese ist sensationell. Da gibt es im deutschen Maßstab keinen Vergleich. Überall dort, wo der Bund seine finanzielle Förderung reduziert, steigt das Land zum Glück für uns ein. Das betrifft besonders die Internate oder die noch stärkere Hilfe für den Nachwuchs.

Wie bewerten Sie die Bedingun- gen für den Leistungssport in Ihrem Bereich?

Das Umfeld für die Athleten stimmt, es ist in Sachsen fast alles auf hohem Niveau vorhanden. Und die Bedingungen werden sich durch die zahlreichen Investitionen weiter verbessern. Derzeit sind sehr viele Baumaßnahmen wie im Sportforum Chemnitz, am Schanzenkomplex und Skistadion in Oberwiesenthal, im Sportkomplex Altenberg oder für Shorttrack in Dresden im Gange. Alle beim Bund beantragten Baumaßnahmen für 2020 sind zudem fast komplett bewilligt worden, wir haben deshalb schon Planungssicherheit. Bei uns arbeiten zudem viele sehr gute Trainer, die mit viel Leidenschaft tätig, im positiven Sinn verrückt sind. Wir haben an unserem OSP derzeit 35 Trainer, die meisten davon unbefristet angestellt, um ihnen Sicherheit zu geben. Die Altersstruktur bringt aber zunehmend Probleme.

Können Sie das etwas näher erläutern?

Der größte Teil unserer hochqualifizierten und erfahrenen Trainer, die unsere Asse betreuen, ist schon Jahrzehnte dabei. Sie einmal zu ersetzen, erscheint kompliziert. Jüngere Kollegen gibt es vergleichsweise wenige. Und die Suche von Nachfolgern wird immer schwieriger. Was bei Bewerbungen bei uns ankommt, ist meist ernüchternd. Es muss für die Trainer viel mehr getan werden - hinsichtlich der Finanzierung, der Wertschätzung und der Ausbildung. Dieses Thema sollte zwar im Rahmen der Leistungssportreform einen höheren Stellenwert erhalten. Doch bisher gibt es da leider kaum Veränderungen. Wenn wir in Deutschland das proklamierte Ziel, wieder international mehr Medaillen zu erkämpfen, erreichen wollen - da muss doch diese Schnittstelle Trainer - Athlet eines der wichtigsten Themen sein.

Sie haben schon mehrfach auch die Qualität der Ausbildung kritisiert. Sehen Sie da inzwischen positive Signale?

Diese kann ich leider nicht entdecken. Es fehlt in Deutschland nach wie vor in der Qualität eine adäquate Ausbildung, wie sie früher an der DHfK in Leipzig vermittelt wurde. Vor allem die elementaren Grundlagen wie Anatomie, Methodik oder Sportmedizin, Pädagogik und Psychologie, die auch von Experten gelehrt wurden, bildeten das Fundament. Zudem gab es für alle Absolventen alle zwei Jahre eine Weiterbildung, um auf dem jeweils neuesten Stand zu sein. Heute erfolgt das vor allem auf Eigeninitiative. Es stellt sich doch die Frage: Haben wir überall Trainingskonzepte, um in der Weltspitze aufzuschlagen? Es gibt Ausnahmen und Leuchttürme, die zeigen, dass es geht. Aber insgesamt ist der Trend in Deutschland negativ.

Wie stellt sich die Situation konkret in Sachsen dar?

Nicht viel anders. Wobei zuletzt in den Sommersportarten wirklich der Wurm drin war. Allein sechs Olympiakandidaten wie die Dreispringer Kristin Gierisch und Max Heß, die Bahnsprinter Stefan Bötticher und Joachim Eilers, Kugelstoßer David Storl sowie Turnerin Sophie Scheder konnten wegen Verletzungen oder Krankheiten bei den internationalen Meisterschaften nicht starten. Mit ihnen und ihren Trainern werden wir uns zusammensetzen, um mit Blick auf Tokio zu erfahren, wie wir von unserer Seite aus noch zusätzlich helfen können. Aber zum Vergleich: 2016 in Rio hatte Sachsen 30 Starter, aktuell gibt es für die Spiele 2020 rund 25 Kandidaten. Und die meisten von ihnen sind schon rund zehn Jahre auf höchstem Niveau dabei. Schwierig erscheint es nach Tokio oder Peking 2022. Hoffnungsvolle Nachfolger sind rar, solche Knaller wie ein Eric Frenzel, der schon mit 19 in der Weltspitze war, gibt es kaum. Es wird nicht einfach.

Wo sehen Sie weitere Gründe für diese Entwicklung?

Die sind natürlich vielschichtig. Und sie spiegeln das gesamtgesellschaftliche Problem wider, dass sich immer weniger schinden wollen. Sicher wird auch die Sichtung von Talenten zu viel dem Zufall überlassen. Auch dass die Reform vorsieht, nur die Spitzenathleten weiter zu fördern und die Unterstützung des Nachwuchses stark einzuschränken, halte ich für falsch.

Welche Leistungen haben Sie in den vergangenen Monaten besonders beeindruckt?

Für mich sensationell war die WM-Bronzemedaille von Kugelstoßerin Christina Schwanitz. Man kann nur den Hut ziehen, was sie leistet und wie sie alles managt. Und dann tritt sie danach auch pünktlich zum Lehrgang bei der Bundeswehr an, für den andere sich aus irgendwelchen Gründen entschuldigen. Ganz stark und unglaublich fand ich auch die Chemnitzer Goalballer Oliver Hörauf und Felix Rogge, die mit dem deutschen Team Europameister wurden. Beide sind zudem herrliche Typen. Überraschend, aber sehr erfreulich, war darüber hinaus das WM-Gold der 19-jährigen Andrea Herzog aus Leipzig im Kanuslalom.

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