Russlands Kampf gegen Rechts für die "beste WM"

Immer wieder fielen russische Fußballanhänger in der Vergangenheit negativ auf. Bei der WM aber zeigte sich ein ganz anderes Bild.

Moskau.

Es war bei der EM in Frankreich vor zwei Jahren, als die Weltöffentlichkeit auf die Gewalt russischer Hooligans aufmerksam wurde. Vor dem Spiel gegen England gingen etwa 150 Anhänger der Sbornaja gezielt auf englische Fans los und lieferten sich außerdem heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei. Ein Engländer wurde dabei lebensgefährlich verletzt. Spätestens seitdem haben russische Fans einen schlechten Ruf.

Eine Verallgemeinerung sei aber falsch, wie Soziologin Julia Glathe meint. "Die russische Fanszene ist wie auch anderenorts vielfältig, und Rechtsextreme sowie Hooligans stellen eine Minderheit dar", so die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Freien Universität Berlin. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich unter anderem mit dem Einfluss rechtsextremer Gruppen auf die russische Fußballszene. Obwohl die Krawallmacher in der Minderheit sind, stellt sie fest: "Rassismus und rechtsextreme Propaganda sind keine Ausnahme in den Stadien." Auch während der WM war, wenn auch nur ein Mal, ein rechtsradikales Banner im russischen Fanblock zu sehen.

"Natürlich haben noch relativ viele Leute die Bilder von Marseille im Kopf", sagte der Fifa-Sicherheitschef Helmut Spahn mit Blick auf die Gewaltszenen bei der EM 2016 vor dem Turnier in Russland. Doch es gab auch aktuellere Fehltritte der russischen Fanszene. So wurde im Februar der russische Fußballverband zu einer Geldstrafe verurteilt, weil Anhänger der Sbornaja beim Spiel gegen Frankreich Affenlaute gegen Ousmane Dembélé und Paul Pogba äußerten. Und in den heimischen Stadien zeigt sich derartiges Gedankengut noch deutlich offener. "Besonders häufig sind rechtsextreme beziehungsweise Nazisymbole wie Runen oder Banner mit entsprechenden Aufschriften zu beobachten", stellt Julia Glathe fest. Vorfälle mit rassistischen oder homophoben Äußerungen hatten sich vor der Weltmeisterschaft gehäuft.

Laut Helmut Spahn führten die Sicherheitsbehörden während der WM täglich Risikobewertungen durch. Doch auch schon in den Jahren vor dem Weltturnier zeigten sich eine verstärkte Aufsicht sowie härtere Strafen. Ein wichtiges Mittel, um Krawallmacher aus den Stadien zu verbannen sind die Schwarzen Listen. Stadionbesucher, die wegen Regelverstößen darauf landen, können bis zu sieben Jahre lang aus allen russischen Arenen verbannt werden. Und auch bei kleinen Delikten können die Strafen bereits hart ausfallen - von Geldbußen bis zum Freiheitsentzug.

Diese Strafmaßnahen sind seit 2014 aktiv, gänzlich gestoppt konnten rassistische und gewalttätige Vorfälle aber nicht werden. So kam es etwa im Februar beim Europa-League-Spiel zwischen Athletic Bilbao und Spartak Moskau zu Straßenschlachten, an denen laut Polizeiangaben etwa 200 russische Fans beteiligt waren. Für Julia Glathe liegt das daran, dass die Maßnahmen viel zu spät kamen. Es würde dauern, bis richtige Änderungen zu sehen sein werden: "Es braucht auch noch viel substanzielle Unterstützung zivilgesellschaftlicher Gruppen, die ein Gegengewicht zu Rechten im Stadion bilden können." Dass man bei der WM derartige Bilder dennoch nicht zu sehen bekam, liegt wohl auch an den extremen Sicherheitsmaßnahmen. "In und um die Stadien waren mehrere Tausend speziell geschulte private Sicherheitskräfte im Einsatz", verrät der Fifa-Sicherheitschef.

Ein Einsatz, der sich am Ende gelohnt hat. Das von Hooligans angekündigte "Turnier der Gewalt" blieb aus. Eine kleinere Schlägerei zwischen englischen und argentinischen Fans, mehr war über gewalttätige Ausschreitungen nicht zu hören. Russische Anhänger blieben gänzlich friedlich - abgesehen von dem rechtsradikalen Banner. Entsprechend gut fällt auch das Fazit aus. "Unsere Erfahrungen sind zum Teil sehr positiv gewesen", meint Piara Powar, Geschäftsführer des Fare-Netzwerkes, Dachorganisation für den Kampf gegen Diskriminierung im Fußball. Fifa-Chef Gianni Infantino war bei seinem WM-Fazit überschwänglich positiv. Er sprach von der "besten WM aller Zeiten". Von negativen Vorfällen berichtete er nicht. Man darf gespannt sein, ob es in den russischen Stadien auch künftig so friedlich bleibt. (mit dpa)

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