Anführer für Jungbullen von RB Leipzig gesucht

Im vierten Bundesligajahr hofft RB Leipzig mit dem neuen Trainer auf den Beginn einer neuen Ära. Vor dem Start gegen Union Berlin gibt es aber noch Sorgen. Für die Köpenicker wird die Bundesliga ein wahres Abenteuer. Interessante Typen hat nicht nur der Aufsteiger zu bieten.

Leipzig.

Um es positiv zu formulieren: Die Trainingsgruppe von RB Leipzig war am Mittwoch übersichtlich. Gleich neun Profis fehlten bei der einzig öffentlichen Trainingseinheit in dieser Woche. Tyler Adams, Hannes Wolf, Diego Demme, Marcel Halstenberg, Marcel Sabitzer, Emil Forsberg, Kevin Kampl, Dayot Upamecano und Jean-Kevin Augustin - sollten sie alle auch am Sonntag (18 Uhr) zum Auftakt bei Union Berlin fehlen, würde sich die Startelf quasi von selbst aufstellen.

Dabei schmerzt der Ausfall von Kampl besonders. Der 28-Jährige ist ein Führungsspieler auf dem Platz, und er hilft beim derzeit größten Problem der Leipziger: der Kommunikation auf dem Platz. Schon nach den letzten Tests hatte der neue Trainer Julian Nagelsmann bemängelt, dass seine Spieler zu wenig miteinander reden. Wie sich das auswirkt, war in der ersten DFB-Pokalrunde zu sehen. Als das Spiel beim VfL Osnabrück hektisch wurde, war niemand auf dem Platz in der Lage, für die nötige Ruhe zu sorgen.

"Wir müssen lernen, in Spielen, in denen es hitzig ist, die Intensität vom Gegner wegzunehmen", formulierte es Nagelsmann. Man könnte auch sagen: Es fehlt jemand, der auf Ballbesitzfußball umstellt, der den Gegner laufen lässt und ihm den Mut nimmt. Leipzig hatte in Osnabrück das 4:1 auf dem Fuß, ließ sich aber dann durch den Druck von den Rängen aus der Ruhe bringen. Am Ende stand ein knappes 3:2, bei dem die RB-Spieler mehr wackelten, als ihnen lieb war.

Es ist die Schattenseite des "RB-Weges", der da lautet, junge, hochtalentierte Spieler zu holen und diese dann mit viel Tempo auf den Gegner los zu lassen. Etwas mehr Struktur, etwas mehr Ballbesitz ins Spiel zu bekommen, das ist die Aufgabe für Nagelsmann. Der fand, dass seine Spielidee in Osnabrück "immer mal in Phasen" zu sehen war. Die Veränderung der Spielidee sei aber auch ein Grund für die mangelnde Kommunikation, meinte der Coach: "Wir haben viele neue Inhalte, die Jungs waren zunächst mit sich selbst beschäftigt. Da muss man schon sehr weit im Kopf sein, um parallel noch 20 andere zu coachen. Wenn die Mentalitätsspieler, die wir auch haben, die Inhalte verinnerlicht haben, werden sie auch in der Lage sein, andere zu führen", sagte er dem "Sportinformationsdienst". Willi Orban wäre so einer. "So ein Auftakt sensibilisiert dafür, dass wir solche Spiele souverän zu Ende spielen müssen", erklärte der Kapitän und sprach - sich selbst eingeschlossen - von einem "kleinen Kommunikationsproblem".

Der Pokalauftakt war für die Leipziger auch ein Vorgeschmack auf das Spiel an der Alten Försterei bei Union. Für die "Eisernen" ist es das erste Bundesliga-Spiel, für die Fans hat das natürlich eine besondere Bedeutung. Und dann ausgerechnet RB, das wegen seiner Vereinsstruktur verhasste Konstrukt aus der Messestadt. Zunächst soll es einen Stimmungsboykott der aktiven Fanszene geben, danach dürfte es hitzig werden. Union-Präsident Dirk Zingler sagte, dass der Verein hinter dem Protest der Fans stünde. Markig schob er hinterher: "Leipzig wird hier nicht gewinnen".

Diese hitzigen Spiele sind vor allem für die Zugänge der Leipziger Neuland. Lässt man den dritten Torwart Philipp Tschauner außen vor, haben die Neuen im Bullenstall ein Durchschnittsalter von 19,6 Jahren. Sollte Kampl am Sonntag fehlen, wäre der angeschlagene Sabitzer (überstrecktes Knie) die logische Alternative als Führungsspieler.

Für RB ist der Auftakt auch ein Fingerzeig, ob die Mannschaft an erfolgreiche Spielzeiten (dreimal in Folge nicht schlechter als Rang sechs) anknüpfen kann. Nagelsmann hatte bei seiner Vorstellung angekündigt, in Leipzig Titel gewinnen zu wollen. An dieser Aussage wird er sich messen lassen müssen, auch wenn dafür Zeit bleibt. "Grundsätzlich ist dieser Klub in der Lage und hat das Potenzial, in den nächsten drei, vier Jahren einen Titel zu gewinnen", lautete die Formulierung des Trainers, den sich RB rund 5 Millionen Euro Ablöse kosten ließ. Dem Kader gehören Profis aus zwölf Nationen an. Julian Nagelsmann: "Wir haben viele junge Spieler, die die deutsche Sprache noch nicht sprechen, die neu in der Stadt und in dem Land sind. Sie müssen sich erst akklimatisieren. Wir haben großes Talent im Team, aber wie schnell das zu hundert Prozent in Leistung umgesetzt wird, hängt von vielen Faktoren ab."

Sicher auch von der Erfahrung. Marcel Sabitzer sieht das jedenfalls so: "Wenn du ganz nach oben willst oder auch mal einen Pokal gewinnen möchtest, ist es hilfreich, den einen oder anderen routinierten Spieler zu haben." Daraufhin konterte der Trainer: "Wir müssen uns die Erfahrung einfach holen. Spieler wie Marcel Sabitzer dürfen gern in die Verantwortung reinwachsen und die junge Bande führen." Es wird wohl ein Thema in Leipzig bleiben: Wer führt die Bullenherde?

Kommentar: Ein einfaches Spiel?

von Thomas Prenzel

Es gibt viele spannende Fragen vor dieser 57. Bundesligasaison. Zum Beispiel: Bekommt der neue RB-Trainer Julian Nagelsmann mit seinem offensiv ausgerichteten Fußball die Balance hin, oder kriegen die Leipziger zu viele Gegentore? Kann der auch noch junge Coach David Wagner im Tollhaus auf Schalke endlich für Kontinuität sorgen? Ist der 42 Jahre alte Marco Rose, der Coach von Borussia Mönchengladbach, dem Haifischbecken Bundesliga schon gewachsen? Und die Frage aller Fragen: Vermag ein Klub den achten Meisterstreich der Bayern in Folge zu verhindern?

Es gibt also genügend Spannungsmomente. Nicht zuletzt verzückt die Fans vor allem in östlichen Gefilden, dass Union Berlin erstmals in der Bundesliga mitmischt. Gerade, weil dieser etwas andere Club den Kommerz im Sinne der Anhänger und Traditionen des Vereins nicht ins Unermessliche treibt.

Auch ohne die "Eisernen" wird die Gelddruckmaschine Fußball - nicht nur in Deutschland - immer mehr ausgereizt. Doch wenn es Verbände, Ligen und Klubs übertreiben, kippt irgendwann die Gemütslage der Fans von Begeisterung auf Gleichgültigkeit bis hin zur Ablehnung. Die Unmutsäußerungen gegenüber der DFL (1. und 2. Liga) und dem DFB (3. Liga) gehören fast schon zum Alltag in den Stadien. Acht verschiedene Anstoßzeiten und drei übertragende TV-Sender für die erste DFB-Pokalrunde sind Ausdruck der zunehmenden Zerstückelung von Spieltagen. Wer die Bundesliga komplett sehen will, benötigt mittlerweile Abos für zwei Pay-TV-Sender.

Dass sich Klubs immer professioneller aufstellen, ist klar: Doch hat es noch was mit dem einfachen Spiel, das den Fußball so populär gemacht hat, zu tun, wenn sechs bis acht Trainer plus Spielanalytiker und Scoutingmitarbeiter zur Normalität eines Erstligisten gehören? Hinzu kommt der Ärger um die schwierige Umsetzung des Videobeweises, wenn zwei Schiris vor Bildschirmen im Kölner Keller die Partie zu oft und zudem unübersichtlich für Spieler und Stadionbesucher beeinflussen. Der Fußball muss aufpassen, dass er sich nicht weiter von seinem größten Gut - nämlich den Fans - entfernt.

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