100 Prozent Sicherheit gibt es nicht

Virologie-Professorin Ulrike Protzer zum Umgang mit der Coronakrise in der Fußball-Bundesliga und im Sport ganz allgemein

München.

Die Münchner Virologie-Professorin Ulrike Protzer kann sich mit Geisterspielen in der Fußball-Bundesliga anfreunden, ist mit den Plänen der Deutschen Fußball-Liga aber nicht ganz einverstanden. "Wenn es nach einem Bundesligaspiel einen Fall gibt, dann müssen die beiden Mannschaften in Quarantäne", sagt die Wissenschaftlerin. Volker Gudrum hat mit ihr gesprochen.

Freie Presse: Frau Professor, wie halten Sie sich fit?

Ulrike Protzer: Mit Nordic Walking. Und ich versuche, jeden Morgen, Workouts zu machen, fahre möglichst mit dem Fahrrad. Aber im Moment habe ich einfach viel Stress und wenig Zeit.

Viele Menschen warten sehnsüchtig darauf, wieder Sport im Verein treiben zu dürfen? Müsste man das Augenmerk statt auf den Profisport nicht mehr auf den Breitensport legen und dort die Beschränkungen aufheben?

Man muss die Sportarten zulassen, bei denen kein großes Gesundheitsrisiko besteht. Tennis, Reiten oder Golf sind unkompliziert. Da, wo man nah beieinander ist, im Fitnessstudio ist es sicherlich problematischer.

Also sollte man nicht alles über einen Kamm scheren?

Wir müssen lernen, das individuelle Risiko zu bewerten und auf dieser Basis zu Entscheidungen zu kommen. Das gilt für den Fußball, das gilt für die Schule, für alle gesellschaftlichen Bereiche.

Wie geht das bei einer Bundesliga-Mannschaft?

Wie bei einer Schulklasse - deswegen benutze ich den Vergleich so gern. Man kann versuchen, die Kontakte zu minimieren, aber sie nicht zu 100 Prozent unterbinden.

Beim Fußballspielen Kontakte zu minimieren, ist doch völlig unmöglich.

Das ist richtig. Und das ist in einer Schule ähnlich. Wenn der Freund die Freundin nach vier Wochen wiedersieht, werden zwei Meter Abstand wahrscheinlich auch nicht eingehalten. Das muss man einfach realistisch sehen. Ein gewisses Infektionsrisiko ist da.

Wenn es im Profifußball eine Infektion geben sollte, was dann?

Dabei geht es um einen sehr begrenzten Personenkreis, den man ganz genau nachverfolgen kann. Man weiß, wer mit wem auf dem Platz war. Dann muss man die Personen entsprechend kontrollieren, genau wie man das machen würde, wenn es eine Infektion in einer Schulklasse gäbe.

Die Schulklasse muss dann komplett in Quarantäne.

Und so sollte es im Fußball auch sein. Wenn es nach einem Bundesligaspiel einen Fall gibt, müssen beide Mannschaften in die Quarantäne.

Team-Quarantäne ist im DFL-Konzept nicht vorgesehen? Kann man trotzdem spielen?

Spielen kann man schon. Aber man muss bereit sein, entsprechend konsequent zu handeln, wenn etwas passiert. Bei Mannschaftssportarten besteht natürlich ein größeres Risiko als bei Einzelsportarten. Es könnte Infektionen geben- damit müssen wir uns abfinden.

Ist eine Fortsetzung der Bundesliga mit Geisterspielen trotzdem sinnvoll?

Ja. Auch die Fußballvereine haben einen extremen Finanzdruck. Das Gesundheitsrisiko ist gering. Es würde keine Personen treffen, die gefährdet wären, schwerer krank zu werden. Fußballspieler sind junge, fitte Menschen. Aber klar muss sein: Wenn eine Infektion auftritt, muss man bereit sein, die Konsequenzen zu ziehen.

Einen Tag vor dem Spiel sollen alle Spieler auf das Coronavirus getestet werden.

Ein Infektionsrisiko kann man trotzdem nicht ausschließen. Es kann jemand negativ sein und 24 Stunden später trotzdem positiv. Von diesen Vorabtests halte ich ehrlich gesagt nicht viel.

Was halten Sie von dem Argument der DFL, dass die Clubs nur einen verschwindend geringen Teil der Testkapazitäten nutzen.

Das ist so. Ich sehe nicht, dass man spezifische Testkapazitäten für die Fußballvereine braucht.

Die Bundesligaspieler sollen im Kleinbus und nicht im Mannschaftsbus anreisen, um Abstand zu halten. Auf dem Feld geht es dann aber eng beieinander hart zur Sache. Ist das nicht ein Widerspruch?

Nein. Man geht davon aus, dass für eine Ansteckung für eine gewisse Zeit Kontakt bestehen muss. Wenn ich im Bus eine halbe Stunde nebeneinander sitze, dann ist das Risiko höher, als wenn ich meinem Gegenspieler auf dem Platz begegne. Im Bus kann aber Mund-Nasenschutz tragen, auf dem Spielfeld nicht.

Joachim Löw ist gerade 60 geworden. Gehört der Bundestrainer schon zur Risikogruppe?

Aber ein fitter 60-Jähriger hat weniger Risiko als ein vorerkrankter 50-Jähriger.

Dortmunds Trainer Lucien Favre ist mit 62 der aktuell älteste Bundesliga-Trainer. Auch andere Betreuer der Teams sind über 60. Sollte diese Personengruppe bestimmte Verhaltensweisen beachten?

Als Trainer kann man einfach Abstand halten. Und wenn nicht, dann kann man Mund- und Nasenschutz tragen. Und beim Torjubel muss man sich ja nicht in den Armen liegen.

Sollte man Freiluftsport eher erlauben als Hallensport?

Dazu gibt es keine brauchbaren Untersuchungen. Wenn ich mich beim Sport sehr anstrenge, atme ich sehr heftig. Und wenn ich dann jemanden direkt anatme, dann ist sowohl drinnen wie auch draußen eine Infektionsgefahr gegeben. Da ist es schwierig, einen Unterschied auszumachen.

Welche Profisportler können Ihrer Meinung nach demnächst wieder arbeiten?

International wird es schwierig. Wenn ich mir den Tenniszirkus vorstelle, bei dem jede Woche verschiedene Gruppen in verschiedenen Ländern unterwegs sind, ist der Infektionsschutz schwieriger zu handhaben als in einer nationalen Fußballliga, die in einem Land stattfindet und bei der ich die Kontaktgruppen sehr gut nachverfolgen kann.

In Japan gibt es Stimmen, die sagen, dass Olympia auch im nächsten Jahr nicht stattfinden kann. Kann man das jetzt schon seriös beurteilen?

Nein, das kann man nicht. Wir wissen überhaupt nicht, wie sich diese Infektion entwickelt, ob es eine Saisonalität gibt. Wird es im Sommer weniger, im Herbst und im Winter wieder mehr? Oder wird es jetzt einfach durchlaufen und im nächsten Jahr vorbei sein? Das kann im Moment keiner seriös vorhersagen.

Wann wird man solche Prognosen treffen können?

Bis Ende dieses, Anfang kommenden Jahres sollte das möglich sein. Dann wissen wir, ob die Infektionswelle abgeebbt ist, ob wir vielleicht in der Bevölkerung eine Immunität entwickelt haben.

Wagen Sie einen Blick in den Herbst: Wird man dann in Deutschland wieder Handball, Volleyball oder Eishockey spielen?

Ich hoffe es sehr. Garantieren kann ich das nicht. (dpa)


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