Aues neuer Präsident Helge Leonhardt: Das Schiff darf nicht sinken

Helge Leonhardt wurde am späten Abend als neuer Präsident des FC Erzgebirge vorgestellt. Er löste Lothar Lässig, der erst am Vormittag zurückgetreten war, ab. Am Tag zuvor war Trainer Falko Götz beurlaubt worden.

Aue.

Keinen Trainer, keinen Sportvorstand, dafür aber einen neuen Präsidenten: Das Stühlerücken bei Fußball-Zweitligist ging auch am Mittwoch weiter, nachdem am Tag zuvor Chefcoach Falko Götz beurlaubt und Sportvorstand Jens Stopp zurückgetreten war. Nach dem überraschenden Rücktritt von Vereinschef Lothar Lässig stellte der Club schnell seine Handlungsfähigkeit wieder her und kooptierte Ehrenrat Helge Leonhardt sowie den langjährigen Geschäftsführer und Oberligaspieler Lothar Schmiedel in den Vorstand. Der 55-jährige Unternehmer Helge Leonhardt, Zwillingsbruder des langjährigen Ex-Präsidenten Uwe Leonhardt, löst Lässig als Vereinsboss ab.

Laut Vereinssatzung besteht der Vorstand des FCE aus Präsident, Vizepräsident sowie mindestens zwei weiteren Mitgliedern. Nach dem Ausscheiden von Lässig sowie Vize Stopp gehörten nur noch Geschäftsführer Michael Voigt sowie Sponsor Joachim Engelmann dem Vorstand an. "Im Interesse des Vereins musste es unser Ziel sein, so schnell wie möglich die Handlungsfähigkeit wieder herzustellen", sagte Aufsichtsratschef Frank Vogel und ließ Taten folgen. Die Mitgliederversammlung wählt den Aufsichtsrat, der wiederum den Vorstand bestellt.

Schnelles Handeln ist im Lößnitztal nun weiter oberstes Gebot. Das Schlusslicht braucht dringend einen neuen Coach mit Fußballlehrer-Lizenz. Die Frage ist nur, wer sucht jetzt den neuen Hoffnungsträger auf der Trainerbank aus? Bisher oblag diese Aufgabe dem Sportvorstand. Doch die Position ist nach dem Rücktritt von Jens Stopp nicht mehr besetzt. Laut Helge Leonhardt soll die Suche nach dem neuen Trainer auf mehrere Schultern verteilt werden. Er setze dabei auf ein Gremium mit Lothar Schmiedel und ehemaligen Spielern wie Enrico Kern und Volker Schmidt, das ihn beraten soll. "Meine Präsidentschaft wird keine Ein-Mann-Show. Es ist eine verdammte Verantwortung, das Schiff, das schief liegt, wieder in die Gerade zu bringen. Wir können das Schiff nicht sinken lassen", sagte der neue Vereinschef.

Am Donnerstag will Helge Leonhardt mit der Mannschaft und Mitarbeitern der Geschäftsstelle reden. Im Vordergrund stehen in den kommenden Tagen Maßnahmen im sportlichen Bereich. "Ich denke, dass wir eine leistungswillige Mannschaft haben. Die Spieler müssen wieder mehr Selbstwertgefühl bekommen", erklärte Helge Leonhardt.

Dass Lässig die Brocken hinwarf, bedauerte sein Nachfolger ausdrücklich. Zwar sind einige von Lässigs Argumenten - zum Beispiel die mangelnde Zeit des Unternehmers für das Ehrenamt - nachvollziehbar. Doch der Zeitpunkt des Rücktritts in dieser misslichen Lage überraschte nach Lässigs klaren Worten am Tag zuvor dann doch.

Am Mittwoch leiteten erneut Nachwuchschef Steffen Ziffert und U-23-Coach Robin Lenk das Training der Profi-Mannschaft. Das Duo hofft, dass schnell wieder Ruhe in den Verein einkehrt. "Die Mannschaft braucht das", sagte Ziffert. Zwar seien die Spieler Profis und müssten sich dementsprechend verhalten. "Aber sie sind eben auch Menschen." Umso mehr werde alles daran gesetzt, sich voll auf das nächste Punktspiel in Darmstadt (13. September) zu fokussieren. Aus sportlicher Sicht liege der Schwerpunkt auf mannschaftlicher Geschlossenheit und darauf, dass die Kicker die Köpfe freibekommen, neues Selbstvertrauen aufbauen. "Dazu gehören auch viele kleine Erfolgserlebnisse im Training", so Ziffert.

Der Vizechef des Ehrenrats, Martin Henselin, sprach unterdessen von der schwersten Stunde in der Geschichte des FCE. "So eine Situation hatten wir noch nie. Es geht nun darum, den Verein zu schützen", erklärte der 77-Jährige. Insofern gelte es, "auf Schuldzuweisungen zu verzichten und gemeinsam eine Lösung zu finden - wie immer diese aussieht."
Das ursprünglich für Freitag angesetzte Testspiel gegen die Reserve von Hertha BSC wurde abgesagt. "In unserer Situation erschien uns das nicht als der richtige Gegner", begründete Ziffert. Stattdessen bestreiten die Zweitliga-Kicker nun ab 15 Uhr einen Vergleich gegen die eigene U-23-Auswahl.

 

Kommentar: Am Scheideweg

Klein, aber oho - unter diesem Motto hat sich der FC Erzgebirge Aue viel Respekt in der deutschen Fußball-Landschaft verdient. Doch nun steht der Verein am Scheideweg. Als sei der komplett vergeigte Start in die zehnte Zweitliga-Saison samt Beurlaubung von Trainer Falko Götz und Rücktritt von Sportvorstand Jens Stopp nicht schon schlimm genug, hat auch Präsident Lothar Lässig das Handtuch geworfen. Und das, nachdem er am Dienstag noch mit klaren Worten einen Neuanfang unter seiner Führung versprochen hatte.

Zusammen mit der Kritik aus dem Verein an den Äußerungen von Aufsichtsratschef Frank Vogel gibt der sonst so auf seine Geschlossenheit bedachte FCE daher momentan das Bild eines gleichermaßen zerstrittenen wie überforderten Haufens ab. Das ist im beinharten Profifußball-Geschäft tödlich. Jetzt müssen schnellstens wieder klare Verhältnisse geschaffen werden - und vor allem professionelle. Denn der Versuch, mit viel lobenswertem ehrenamtlichen Einsatz im Haifischbecken zu überleben, ist gescheitert. Jede Krise bietet zugleich eine Chance. Und die sollte der FCE tunlichst zu einem echten Neuanfang nutzen und sich nicht selbst zerfleischen.

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3Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

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    Pixelghost
    04.09.2014

    @HUKL, für die Situation des Vereins war die Rede des neuen Vereinspräsidenten vollkommen angemessen.

    Ich bin kein Aue-Fan, aber er hat genau das gesagt , was getan werden muss. Auch der Nachdruck ist vollkommen in Ordnung.

    Schließlich steht dort ein Geschäft auf dem Spiel. Auch wenn man von der schönsten Nebensache der Welt spricht ist der Verein nicht nur Arbeitgeber, sondern er bestimmt zum großen Teil das Leben vieler Auer Fußballfans.

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    HUKL
    04.09.2014

    Natürlich habe auch ich wieder diese Pressekonferenz verfolgt, die allerdings überraschte, dass sich nicht auch der "dritte Offizier" und durch seine bekannte Äußerung eigentlich indirekte Auslöser dieser sich förmlich überschlagenden Ereignisse, Landrat und AR-Chef, T. Vogel, bei dieser Gelegenheit verabschiedete, um für "frische" Kräfte Platz zu machen!

    Übrigens haben die Leonhardts-Brüder nicht nur das gleiche Aussehen, sondern auch sehr ähnliche Ausspruchsqualitäten, die gelegentlich an bestimmte "Persönlichkeiten" früherer Jahre erinnern....

    Wenn der "Holzmichl" noch in das Kompetenzteam genommen wird, sollte es bald wieder aufwärts gehen......

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    Kläuser
    04.09.2014

    "Kameraden, Offiziere, Soldaten und Kapitäne, wir kämpfen bis zur letzten Patrone!" Diese Worte habe ich alle schon mal von den handelnden Herren gehört. Die Reporter und Journalisten erlaubten sich doch tatsächlich unangenehme Fragen zu stellen. Dank an deren Mut. Wenn man die gesamte Pressekonferenz verfolgt, sind parallelen zu einer längst vergangenen Zeit unverkennbar.



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