Bundesliga, Rollstuhl, nun Aue: Stürmer will sich zurückkämpfen

Mit Philipp Zulechner wechselte im Januar ein Profi mit Bundesligaerfahrung zum FC Erzgebirge. Der Österreicher bestritt aber 2018 kein einziges Pflichtspiel. Vor einem Jahr schwebte er in Lebensgefahr und befürchtete, seine Laufbahn sei vorbei.

Aue.

Philipp Zulechner lehnt sich mit Unbehagen auf einem Stuhl im Erzgebirgsstadion zurück. Dem Neuzugang des FC Erzgebirge Aue ist anzumerken, dass er ungern über das vergangene Jahr spricht. 2018 durchlebte der Österreicher die schwerste Zeit seines Lebens. "Ich hatte solche Schmerzen, dass ich meine Beine nicht bewegen konnte. Es gab Tage im Krankenhaus, da konnte ich mich im Bett wegen der Schmerzen nicht einmal mit den Händen hochziehen und aufrichten", erzählt der 28-Jährige.

In der Hinrunde der Saison 2017/2018 hatte der Stürmer für Sturm Graz in der österreichischen Bundesliga und dem Pokal sowie der Europa-League-Qualifikation noch fünf Tore erzielt, im Januar war er zwei Wochen auf den Rollstuhl angewiesen. Der Grund: ein multiresistenter Keim. Über eine offene Wunde gelangte dieser wahrscheinlich in seinen Körper. Zulechner erkannte den Ernst der Lage damals gar nicht. "Im Krankenhaus habe ich gedacht, dass die Mannschaft jetzt ins Trainingslager fliegt -und wenn sie wieder zurückkommt, kann ich wieder trainieren. Dem war natürlich nicht so", berichtet er. "Ich stand kurz vor einem Organversagen. Ich habe das erst realisiert, als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde."

Die Ärzte bescheinigten dem gebürtigen Wiener im März, dass er gesund ist. Weil er als Profifußballer gut in Form war, verlief die Genesung schneller, erklärt er. Doch es ging ihm nicht schnell genug: "Eigentlich durfte - und darf ich auch heute - nicht unzufrieden sein. Aber es ist für den Kopf nicht so leicht: Schließlich hatte ich mir vorgenommen, in der Rückrunde noch ein Spiel zu machen."

So lief sein Vertrag in Graz nach der vergangenen Saison ohne Comeback aus. Die erhofften Vertragsofferten blieben anschließend aus. "Ich hatte schon einige Angebote, aber keines hat mich überzeugt. Ich wollte mich nicht unter Wert verkaufen", sagt der Angreifer. Hatte er während seiner Krankheit nie daran gezweifelt, dass er seine Karriere fortsetzen werde, geisterten nun Gedanken ans Aufhören durch seinen Kopf. "Du fühlst dich wieder gut, sitzt dann da und hoffst, dass dein Telefon endlich läutet", beschreibt Zulechner die Zeit ohne Vertrag. In Österreich hielt er sich im vergangenen halben Jahr bei verschiedenen Clubs fit. "Ich habe gemerkt, dass ich mithalte, also habe ich diese negativen Gedanken schnell verworfen."

Nun will er in Aue wieder angreifen. "Der FC Erzgebirge ist ein bodenständiger Verein. Ich denke, hier bekomme ich die Ruhe, um zu alter Stärke zurückzufinden. Gleichzeitig haben die Liga und die Mannschaft ein hohes Niveau", freut sich der Österreicher auf die neue Aufgabe.

Das Heimspiel der Veilchen am Sonntag (13.30 Uhr) gegen den FC Ingolstadt kommt definitiv zu früh für den schnellen Mittelstürmer. "Ich werde noch ein bis zwei Wochen brauchen, bis ich körperlich da bin, wo ich sein muss", schätzt Zulechner und fügt an: "Aber nach einem Jahr Pause fehlt mir die Spielpraxis, die ich mir ja nicht über das Training holen kann."

FCE-Trainer Daniel Meyer will den Neuzugang Schritt für Schritt an dessen altes Leistungsvermögen heranführen. Er geht davon aus, dass Zulechner spätestens in der Schlussphase der Saison eingreifen kann. Meyer sieht den erfahrenen Profi bereits als Verpflichtung für die kommende Saison, sollte der eine oder andere Angreifer Aue verlassen. Zulechners Vertrag läuft zwar nur bis zum Ende der Saison, enthält aber eine Option für eine weitere.

Derzeit schaut sich der Profi im Erzgebirge nach Wohnungen um. Seine Frau wird erst einmal nicht nach Sachsen ziehen. Das Model eröffnete kürzlich in Österreich ein Fotostudio. "Wir werden regelmäßig pendeln, das klappt schon", sagt Zulechner und lacht. "Ich habe einen Hund, der mag es total in der Natur - Aue passt also perfekt."

Der FC Erzgebirge ist nicht seine erste Station in Deutschland. Beim SC Freiburg brachte er es auf neun Bundesligaeinsätze und ein Tor. Durchsetzen konnte er sich jedoch nicht. "Vor fünf Jahren war das ein Riesenschritt für mich. Ich habe viel dazugelernt, innerhalb von einem Jahr zehn Kilogramm Muskelmasse zugelegt und mich nicht mehr nur auf die Schnelligkeit verlassen. Es war kein Fehler, aber es hätte besser laufen können", erinnert er sich und fügt zufrieden an: "Diese Kapitel sind alle abgeschlossen. Ich bin froh, dass ich gesund bin. Jetzt klappe ich ein neues auf."

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