Chris Löwe: Wir wollten zurück in die Heimat

Nach drei Jahren in England, davon zwei in der Premier League, heuerte der gebürtige Plauener Chris Löwe bei Fußball-Zweitligist Dynamo Dresden an. Auf der Insel erlebte er die schönsten Jahre der Karriere, aber auch die schwierigste Zeit.

Dresden.

"Königstransfer". Das Wort steht beim Termin mit Chris Löwe zwar nicht auf dem Index. Als das Wort aber irgendwann fällt, verdreht Chris Löwe die Augen. "Ich selbst sehe mich nicht so. Und ich empfinde es auch nicht so krass, wie manche es von außen sehen", sagt der 30-Jährige, dessen Verpflichtung sie bei der SG Dynamo Dresden als Glücksfall betrachten.

Warum auch nicht? Dass ein deutscher Fußball-Zweitligist einen Spieler mit Premier-League-Erfahrung (52 Einsätze) holt, dürfte sehr selten sein. Zwar musste Huddersfield Town am Ende der vergangenen Saison den bitteren Weg in die Zweitklassigkeit antreten. Zwei Jahre in der "besten Liga der Welt", wie der gebürtige Plauener die erste englische Liga adelt, heben ihn aber aus der Masse heraus, schüren Erwartungen. Löwe bleibt jedoch bescheiden. "Ja, ich habe Premier League gespielt. Aber wenn du einmal dabei bist, siehst du es gar nicht mehr als etwas Besonderes an. Deswegen kann ich nur versprechen, dass ich mich hier so gut wie möglich einbringen werde."

Das klappt von Spiel zu Spiel besser. Ohnehin bezeichnet auch Löwe, der bei den "Terriers" noch einen Vertrag bis 2020 besaß, den Wechsel zu den Schwarz-Gelben als Glücksfall. "Ich hätte in Huddersfield bleiben können, aber wir wollten zurück in die Heimat", nennt er den Grund für die Rückkehr. In der Nähe von Chemnitz, wo er neun Jahre lang das CFC-Trikot trug, wohnt der bodenständige Profi mit Ehefrau Monique und dem vierjährigen Luis. Spätestens, wenn der Junior in die Schule kommt, wollte das Trio sowieso wieder in der Nähe der Eltern, von Bekannten und Freunden leben.

"Die Familie steht über allem. In England konnte ich unter dem Jahr gar nicht zu Hause sein, meine Frau und der Kleine nur sporadisch. Jetzt ist alles viel entspannter, die Omas, Schwester oder Bruder in der Nähe", sagt Löwe lächelnd. Die tägliche einstündige Fahrt zum Training nach Dresden nimmt er gern in Kauf. "Es ist entspannter, als ich dachte. Wir sind wirklich sehr zufrieden, wie es zurzeit ist, und froh, dass es mit Dynamo geklappt hat." Ganz bewusst hat er sich an die Elbestädter gebunden: "Viel mehr gibt es in der Region ja nicht. Außerdem bin ich schon der Meinung, dass dieser Verein etwas Besonderes ist, dass etwas entsteht", meint er. Vom ersten Eindruck aus dem ausverkauften Rudolf-Harbig-Stadion, beim unglücklich mit 0:1 verlorenen Heimspiel gegen Nürnberg, schwärmt er regelrecht. "Ich bekomme nicht mehr so oft Gänsehaut, wenn ich in ein Stadion einlaufe, weil ich schon ein bisschen was gesehen habe. Aber da hatte ich welche. Der Wahnsinn."

Begonnen hat Löwes Karriere in seiner Heimatstadt, bei Wacker Plauen. Neun Jahre beim Chemnitzer FC, gekrönt vom Drittligaaufstieg 2011, folgten. "Ich werde dem CFC immer und ewig dankbar sein. Dort konnte ich schon in der Jugend sechs Jahre auf dem höchsten Level spielen. Das ist mit Sicherheit ein Grund, warum ich es bis hierhin geschafft habe", blickt der Linksfuß zurück. Dass bei den Himmelblauen aktuell der Baum brennt, möchte Löwe jedoch nicht kommentieren: "Dazu bin ich zu weit weg." Ganz nah dran an der "Schüssel" war der zweikampf- und laufstarke Defensivmann dafür in der Saison 2011/12, als er mit Borussia Dortmund Deutscher Meister wurde. Ein Engagement beim 1. FC Kaiserslautern schloss sich ab Januar 2013 an, bis im Sommer 2016 das Angebot aus England auf dem Tisch lag.

Für die Eltern war es keine leichte Entscheidung, mit einem einjährigen Kind in ein fremdes Land zu ziehen. "Aber am Ende war es die beste, die wir treffen konnten. Deshalb bin ich sehr froh, dass wir das Risiko eingegangen sind", erinnert sich der Linksverteidiger, der sportlich gut zurechtkam. 2017 schaffte der Stammspieler mit Huddersfield, einer Stadt nordöstlich von Manchester mit 150.000 Einwohnern, sensationell den Sprung in die englische Beletage. "Mit Sicherheit waren die ersten zwei Jahre mit dem Aufstieg und dem Klassenerhalt die schönsten, die ich in meiner Karriere erlebt habe", sagt Löwe. In der abgelaufenen Saison bekam er jedoch die Kehrseite zu spüren. Bereits am 32. von 38 Spieltagen stand der Underdog als Absteiger fest. "Das letzte Jahr war das komplette Gegenteil von den ersten beiden - und die schwierigste Zeit meiner Karriere", erzählt der Vogtländer. Nur drei Partien gewann Huddersfield in der verkorksten Saison - das nagte am Selbstbewusstsein. "Das nimmst du mit nach Hause und ist weder für mich noch die Familie besonders angenehm", verrät Löwe.

Auch die ersten zwei Zweitligapartien mit Dynamo gingen verloren. Erst im Pokal gegen den Oberligisten TuS Dassendorf konnten die Dresdner den Bock umstoßen. Der Neuzugang von der Insel ebnete ihnen mit einem Treffer den Weg zum 3:0-Erfolg. "Es war einfach schön, mit dem Gefühl eines Sieges zu Hause zu sitzen und damit am nächsten Tag zum Training zu gehen. Das macht es ein bisschen einfacher", sagt Löwe - und durfte das Glücksgefühl gleich noch einmal erleben. Am letzten Sonntag fuhr das Team beim 2:1 (0:0) gegen den 1. FC Heidenheim den ersten Saisonsieg ein.

Ein entscheidender Punkt war die Moral der Gastgeber. Ein Charakterzug, wofür Löwe auf dem Platz steht, den er einbringen will. "Ich probiere, den Jungs zu zeigen, dass es am Ende um Einstellung und Willen geht. Ich war mit Sicherheit nicht das größte Talent, habe es aber trotzdem geschafft, Premier League zu spielen. Und das sollte für viele jüngere Kollegen hier doch ein Anreiz sein", sagt der 30-Jährige, der so langsam an das Leben nach der Karriere denken muss. Mit Fußball soll das das definitiv nichts zu tun haben, was irgendwie schwer vorstellbar ist. Denn Chris Löwe, der bei Dynamo Dresden einen Dreijahresvertrag unterschrieben hat, ist immer noch hungrig. "Erst wenn ich eines Tages nicht mehr den Ehrgeiz habe, ein Trainingsspiel zu gewinnen, dann weiß ich, dass es ein guter Zeitpunkt ist, um zu sagen: Bis hierhin und nicht weiter. Doch so weit ist es definitiv noch nicht."

Bewertung des Artikels: Ø 4.3 Sterne bei 4 Bewertungen
2Kommentare
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  • 1
    1
    mathausmike
    22.08.2019

    PS:Es sollte:ehemaliger CFC-Spieler heißen!

  • 1
    3
    mathausmike
    22.08.2019

    Das tut einfach nur weh:Chris Löwe lächelnd einen Dynamoschal hochhaltend,hart!
    Menschlich ist es klar,dass auch ein Fußballer weiter will.
    Aber dass den Fans anzutun:
    Der ehemalige CC-Spieler Löwe,freudig einen Dynamoschal hochhaltend.
    Wo bleibt da das Herz eines Chris Löwe?



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