FC Erzgebirge Aue: Mehr Offensive ohne den Torgaranten

Der FCE musste Stürmer Pascal Köpke ziehen lassen. In der vergangenen Zweitligasaison war er an 18 der 35 FCE-Treffer direkt beteiligt. Der neue Trainer hat einen klaren Plan, wie er den Abgang kompensieren will.

Aue.

Elf Tore in den drei Testspielen gegen Profimannschaften: Die Fans des FC Erzgebirge werden sich bei der Masse an Treffern in der bisherigen Vorbereitung verwundert die Augen gerieben haben. Schließlich standen die Veilchen in den vergangenen Jahren eher für Minimalismus als für Torwucher. In der Vorsaison trafen die Auer in den 34 Zweitligapartien 35-mal das Gehäuse, eine Spielzeit davor schossen sie 37 Tore. Selbst im Aufstiegsjahr war die Quote in der 3. Liga mit 42 Treffern in 38 Partien mager.

Für den neuen FCE-Trainer ist die Torflut in den Partien gegen den Drittligisten Halle (3:2) sowie gegen die Erstligisten Mlada Bolelslav (3:3) aus Tschechien und Samara aus Russland (5:1) kein Zufallsprodukt wilder Testspiele. "Das war unser Ansatzpunkt in der Vorbereitung", erklärt der 38-Jährige.

Die auf Vorsicht bedachte Ausrichtung, die zweimal knapp zum Klassenerhalt gereicht hat, passt nicht zur Spielidee des Neuen im Erzgebirge. "Jeder Trainer will für etwas stehen. Ich stehe für Offensivfußball und will, dass meine Teams gieren und nicht reagieren. Emotionen werden bei Spielern und Zuschauern durch Torraumszenen hervorgerufen. Dieser Impulsfußball ist das geilste Spiel der Welt", sagt Meyer. "Vergangene Saison hatten wir zwar viel Ballbesitz, aber in Zonen, in denen offensiv nicht viel passieren kann. Dadurch kamen wir zu den wenigsten Torchancen in der 2. Liga." Wie auch sein Vorgänger Hannes Drews vor einem halben Jahr, bemängelt Meyer die mangelnde Flexibilität. "Es gab eine Idee, die auch funktioniert hat. Aber wenn du aus dem Muster heraus musstest, ging wenig. Wir konnten den Stiefel nicht grundlegend verändern."

Das zweite Problem Meyers: Der offensivst denkende Fußballlehrer der jüngeren FCE-Vergangenheit kann nicht auf den offensivstärksten Auer Akteur der vergangenen zweieinhalb Jahre bauen. Pascal Köpke war in der Vorsaison mit zehn Toren und acht Vorlagen an mehr als der Hälfte der Tore beteiligt. Den Stürmer zog es zu Hertha BSC in die Bundesliga. Einen ähnlich verlässlichen Torjäger wie Köpke zu verpflichten, ist trotz des Rekordbudgets von 18 Millionen Euro nicht finanzierbar.

Die Ablöse für Köpke in einen einzelnen Ersatz investieren, kommt für Meyer ohnehin nicht infrage. Sein Lösungsansatz, um die Klasse zu halten: Er modifiziert das 5-2-3-System. Auf dem Flügel agieren die bisherigen Außenverteidiger weiter vorn. Statt eines zentralen Stürmers und zwei Offensiven auf dem Flügel setzt Meyer auf zwei Angreifer in der Mitte, sodass eine offensivere 3-5-2-Grundordnung entsteht. "Wir wollen mehr gefährliche Situationen vor dem gegnerischen Tor kreieren", meint Meyer. Es soll also nicht ein eiskalter Torjäger richten, sondern mehrere Offensivspieler, die mehr Chancen bekommen.

Durch die Besetzung der beiden Positionen im Sturmzentrum will Meyer mehr Flexibilität erreichen. Will der FCE etwa kontern, bringt er mit Emmanuel Iyoha, der von Fortuna Düsseldorf ausgeliehen ist, und Sören Bertram zwei schnelle, bewegliche Angreifer. Braucht er jemanden, der die Bälle hält, will er Dimitrij Nazarov vertrauen, der laut Meyer "schlitzohrig und überragend mit dem Rücken zum Tor" ist. "Wir suchen noch einen klassischen Strafraumstürmer, der sich in die Bälle reinwirft, der eckig ist und dem Gegner weh tut", beschreibt Meyer das Profil des noch fehlenden Manns im Kader. "Dieser Neuzugang könnte unter anderem mit dem großgewachsenen 'Emma' Iyoha zusammen stürmen, wenn wir mal ausschließlich mit Flanken und weiten Schlägen agieren wollen."

Die Testspiele haben gezeigt, dass die Mannschaft gewillt ist, die Ideen des neuen Trainers umzusetzen. Ob der Offensivgeist in der 2. Bundesliga ausreichend Zähler einbringt, das sieht man erstmals am 5. August. Dann treten die Auer zum Punktspielauftakt bei Union Berlin an.


"Nach fünf Pleiten hilft mir nicht, dass ich der nette Ossi bin"

Für Daniel Meyer ist der Trainerjob beim FC Erzgebirge die erste Station als Cheftrainer im Profifußball -die häufigen Trainerwechsel in Aue haben ihn nicht abgeschreckt

Daniel Meyer ist der elfte Trainer beim FC Erzgebirge Aue seit dem Abschied von Gerd Schädlich 2007. Sebastian Siebertz sprach mit dem 38-Jährigen über Christian Tiffert, seine Vorgänger und die 2. Bundesliga.

Freie Presse: Sie waren lange Zeit im Nachwuchsbereich tätig, zuletzt beim 1. FC Köln. Wollen Sie in Aue den jungen Profis vermehrt eine Chance geben, oder spielt das nun als Cheftrainer im Profibereich keine Rolle mehr?

Daniel Meyer: Grundsätzlich will ich junge Spieler entwickeln. Aber ich werde keine Geschenke verteilen. Das ist Profifußball. Das Motto kann nicht sein: Weil du jung bist, darfst du spielen. Wenn sich einer der Unerfahrenen im Training aufdrängt, habe ich keine Hemmungen, ihn reinzuwerfen. Der zweite Punkt ist: Wenn Partien bereits entschieden sind, gebe ich lieber einem jungen Spieler 20 Minuten, damit er Erfahrungen sammeln kann, als Prämien an einen Routinier zu verteilen. Ich weiß, dass das nicht immer große Freude auslösen wird.

Der Erfahrenste hat diese Woche erklärt, dass er die nächste Saison angeht. Was hätte der FCE verloren, wenn Christian Tiffert aufgehört hätte?

Seine Erfahrung ist in der letzten Reihe vor dem eigenen Tor enorm wichtig. Wir haben in der Verteidigung kein quantitatives Problem. Wir haben viele gute junge Spieler, die zentral hinten in der Abwehrkette agieren können. In der letzten Reihe tun aber Leistungsschwankungen und Fehler extrem weh. Und diese werden bei den Jungs vorkommen. Es ist einfach eine andere Situation in einem Testspiel vor drei Zuschauern gute Leistung zu zeigen oder aber in einem ausverkauften Stadion bei einem Punktspiel. Bei 'Tiff' weißt du, dass es funktioniert, und das gibt den Nebenleuten Sicherheit. Das hätte brutal gefehlt.

Haben Sie wegen der häufigen Trainerwechsel beim FCE daran gezweifelt, den Job anzunehmen?

Ich habe mich damit beschäftigt. Pavel Dotchev und Domenico Tedesco haben ja von sich aus den Verein verlassen. Dass es mit Thomas Letsch nicht gepasst hat, kann immer mal passieren. Das kommt bei allen Vereinen vor. Der elementare Punkt für mich war, dass man in einer komplizierten Saison an Hannes Drews festgehalten hat. Wenn die Erwartungshaltung nicht stimmen würde, wäre das für mich abschreckend gewesen. Hier verlangt aber keiner, dass wir Fünfter werden. Alle sehen es als Geschenk, dass wir angesichts der Voraussetzungen 2. Liga spielen. Es geht also wieder um den Klassenerhalt. Vielleicht können wir auch positiv überraschen.

Seit dem Aus von Falko Götz 2014 kam kein Auer Trainer mehr aus den ostdeutschen Bundesländern. Glauben Sie, dass Sie als Brandenburger einen Pluspunkt im Umfeld besitzen?

Mein Vorteil ist: Ich weiß, wie man hier tickt. Ich kann bestimmte Denkweisen nachvollziehen. Deswegen habe ich relativ wenige Anpassungsprobleme. Wenn ich die ersten fünf Spiele verliere, hilft es mir nicht, dass ich der nette Ossi bin.

Die vergangene Zweitligasaison war äußerst ausgeglichen. Nun sind mit dem Hamburger SV und dem 1. FC Köln zwei Teams abgestiegen, die noch sehr viel Qualität im Kader haben.

Ich vermute, dass die kommende Saison anders verlaufen wird. Es wird wohl nicht so weden, dass bis zum Schluss vier Mannschaften um den Aufstieg spielen und der Rest der Liga kämpft um den Klassenerhalt. Die vergangene Spielzeit war eine sehr spezielle. Durch die beiden Absteiger wird die Schere zwischen Tabellenspitze und -ende wieder größer. Das macht die Liga berechenbarer.

Ist es dadurch leichter oder schwerer, die Klasse zu halten?

Leichter. Weil man nach zwei Dritteln der Saison klar sehen wird, wer die Konkurrenten sind. Eine klare Situation ist für die Spieler aus emotionaler Sicht viel einfacher. Vergangene Saison konnte man sich leicht von einem vermeintlich sicheren Tabellenplatz blenden lassen. Das war gefährlich.


Das Aufgebot des FC Erzgebirge Aue in der Saison 2018/19

Tor

1 Martin Männel 16.03.1988

26 Robert Jendrusch 18.05.1996

34 Daniel Haas 01.08.1983

35 Maximilian Schlosser 14.02.1999

 

Abwehr

4 Fabian Kalig 28.03.1993

12 Steve Breitkreuz 18.01.1992

15 Dennis Kempe 24.06.1986

18 Nicolai Rapp 13.12.1996

21 Malcolm Cacutalua 15.11.1994

25 Dominik Wydra 21.03.1994

27 Sascha Härtel 09.03.1999

33 Christian Tiffert 18.02.1982

36 Filip Kusic 03.06.1996

 

Mittelfeld

5 Clemens Fandrich 10.01.1991

6 Luke Hemmerich 09.02.1998

7 Jan Hochscheidt 04.10.1987

8 Tom Baumgart 12.11.1997

16 Mario Kvesic 12.01.1992

17 Philipp Riese 12.11.1989

20 Calogero Rizzuto 05.01.1992

24 John Patrick Strauß 28.01.1996

30 Elias Löder 20.04.2000

38 Robert Herrmann 10.08.1993

 

Angriff

9 Emmanuel Iyoha 11.10.1997

10 Dimitrij Nazarov 04.04.1990

23 Sören Bertram 05.06.1991

40 Albert Bunjaku 29.11.1983

 

Trainerteam

Daniel Meyer (10.09.1979), Cheftrainer seit Sommer 2018; Co-Trainer: Robin Lenk (27.03.1984), Torwarttrainer: Max Urwantschky (01.08.1981), Athletiktrainer: Werner Schoupa (13.03.1965), Leistungsdiagnostiker: Marc Lorius (27.01.1982).

Zugänge

Luke Hemmerich (Schalke 04), Jan Hochscheidt, Steve Breitkreuz (beide Eintracht Braunschweig), Tom Baumgart (Chemnitzer FC), Emmanuel Iyoha (Fortuna Düsseldorf/ausgeliehen), Filip Kusic (1. FC Köln II), Robert Herrmann (SV Sandhausen).

Abgänge

Pascal Köpke (Hertha BSC), Moise Ngwisani (Borussia Mönchengladbach II), Mirnes Pepic, Cebio Soukou (beide Hansa Rostock), Nicky Adler (Lok Leipzig), Sebastian Hertner (Darmstadt 98), Vincent Michel (unbekannt), Ridge Munsy (Grasshoppers Zürich/Leih-Ende), Tommy Käßemodel (Karriereende).

www.fc-erzgebirge.de

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