Marc Hensel: "Das hat mir gefehlt."

Die Partie der 2. Fußball-Bundesliga zwischen dem FC Erzgebirge Aue und dem VfB Stuttgart endete torlos. Einen Gewinner gab es dennoch: Marc Hensel. Dank des Interimstrainers erinnerte sich Torhüter Martin Männel an erfolgreiche Zeiten.

Aue.

Am Ende einer turbulenten Woche und eines erfolgreichen Abends flossen bei Marc Hensel die Tränen. Nach dem Punktgewinn gegen den Aufstiegsfavoriten VfB Stuttgart feierten die Fans des FC Erzgebirge Aue den Interimstrainer mit Sprechchören. "Das ist schon beeindruckend. Da werde ich sehr sentimental, ich bin sehr dankbar dafür", erklärte der einstige Veilchen-Profi am Freitagabend in den Katakomben des Erzgebirgsstadions und rieb sich mit den Fingern durch die nassen Augen. "Ich musste fast schon eine Träne verdrücken, als ich gesehen habe, dass noch Leute mit Hensel-Trikot hier rumlaufen."

Sechs Jahre, nachdem der Mittelfeldspieler Hensel Aue verlassen hatte, stand er vergangene Woche plötzlich als verantwortlicher Coach an der Seitenlinie, weil Cheftrainer Daniel Meyer und dessen Bruder sowie Co-Trainer André am Anfang der Woche beurlaubt wurden. "Wichtig war heute, dass hier ein Team auf dem Platz steht, das füreinander arbeitet. Das hätte man besser nicht machen können", resümierte der 33-Jährige das 0:0 gegen den haushohen Favoriten aus Stuttgart. "Ich bin wahnsinnig dankbar, dass ich das erleben durfte. Auch die Verbindung zwischen den Zuschauern, die heute ein unglaubliches empathisches Gefühl für die Truppe gezeigt haben, die die Mannschaft bis zur letzten Sekunde unterstützen. Das noch einmal zu erleben, ist beeindruckend. Das hat mir gefehlt."

2016 musste der gebürtige Dresdner seine aktive Karriere nach zahlreichen Verletzungen beenden. Er studierte Lehramt und unterrichtet inzwischen - neben seinem Job beim Zweitligisten - am Clemens-Winkler-Gymnasium Aue die Fächer Deutsch und Geschichte. Seine Trainerlaufbahn begann er kurz nach dem Aus als Profi im Jugendbereich von Dynamo Dresden. Vor zwei Jahren wechselte er ans Auer Nachwuchsleistungszentrum, vor drei Monaten wurde er in den Trainerstab der Profis berufen und vor einer Woche übernahm er als Interimslösung anstelle der freigestellten Meyer-Brüder das Profiteam. "Ich kann das so nicht lange leisten, weil ich auch gern in die Schule gehe", warf Hensel den Blick zurück auf anstrengende Tage mit Unterricht, Videoanalyse der Stuttgarter, Trainingseinheiten auf dem Rasen und wenig Schlaf. "Das war dennoch eine wahnsinnig tolle Woche. Ich bin dankbar für das Team."

Als Dauerlösung auf dem Chefposten kommt Hensel ohnehin nicht in Frage, da er nicht die nötige Fußballlehrerlizenz vorweisen kann. Die Statuten der Deutschen Fußball-Liga würden jedoch für die Auswärtspartie bei Holstein Kiel am Sonntag eine Ausnahme erlauben. "Ich würde das nochmal eine Woche schaffen. Mir hat es Spaß gemacht. Aber darum geht es nicht. Fakt ist: Ich gehe unwahrscheinlich gern zurück ins zweite Glied, ich gehe unwahrscheinlich gern in die Schule", meinte er und fügte an: "Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich noch im Kopf wie ein Spieler ticke. Die Mannschaft braucht einen Cheftrainer und einen leidenschaftlichen Co-Trainer Hensel."

FCE-Kapitän Martin Männel erinnerte sich an Zeiten zurück, als er gemeinsam mit Hensel auf dem Rasen stand und einen Aufstieg in die 2. Bundesliga feierte. "Marc war schon als Spieler dafür bekannt, dass er vor dem Anpfiff sehr laut wurde und uns Jungs heiß gemacht hat. Als Trainer hat er überragend abgeliefert - auch, wenn die Wortwahl diesmal eine etwas andere war", erklärte der Torhüter, der gegen die Stuttgarter mit einigen starken Paraden großen Anteil am unerwarteten Punktgewinn hatte.

Und nicht nur bei den Ansprachen erlebte Männel ein Comeback der alten Zeit: "Wir haben damals den ein oder anderen Trainer erlebt. Am erfolgreichsten waren wir unter Rico Schmitt und der war ein Verfechter, dass die Defensive Meisterschaften gewinnt. Das hat uns beide geprägt." Schmitt verfolgte das Remis von der Tribüne aus und sah disziplinierte Abwehrarbeit und leidenschaftlichen Einsatz der Auer.

Für Hensel war die defensive Ausrichtung mit Fünferkette in der Abwehr und vier Mittelfeldspielern davor eher eine Anpassung an einen "übermächtigen Gegner" als ein Revival seiner lila-weißen Profijahre. "Wie gut der Gegner war, haben wir in der ersten Halbzeit gesehen. Hintenraus hätten wir sogar gewinnen können", blickte er zurück auf die Schlussphase, in der die schwäbischen Gäste in Unterzahl agierten und sich dem FCE Chancen boten.

Ein Grund zum Ärgern, war dies jedoch am Freitagabend nicht mehr. Der Interimstrainer war ohnehin nicht mehr dazu in der Lage. Er schnappte sich mehrere kühle Flaschen Cola und verabschiedete sich glücklich, aber erschöpft: "Ich gehe nach Hause, gebe meiner Frau und meinem Kind noch ein Kuss und dann werde ich wegknacken."

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