Der Niedergang des CFC

Chemnitz steht vor dem Ende des Profifußballs - die Ursachen für die Negativentwicklung sind vielschichtig

Chemnitz.

Am 21. Mai 2011 lagen sich Spieler, Trainer, Fans, Unterstützer des Clubs nach einem 1:0-Heimsieg gegen RB Leipzig in den Armen. Unter Gerd Schädlich war der CFC gerade in die Dritte Liga aufgestiegen, Chemnitz meldete sich zurück auf der Landkarte des Profifußballs. Sieben Jahre später fällt die Stadt - was den Fußball betrifft - wahrscheinlich in die Bedeutungslosigkeit zurück. Ein in großen Teilen selbstverschuldeter Niedergang. "Freie Presse" mit einer Analyse.

26 Punkte aus 32 Spielen, warum ist die Mannschaft des Chemnitzer FC in dieser Saison so schlecht?

Weil ihr in vielen Bereichen die Qualität für die 3. Liga fehlt. Verletzungsprobleme - speziell im Defensivverbund - sind nicht zu kompensieren, mit 66 Gegentreffern ist der CFC die Schießbude der Liga. Die im Sommer 2017 abgewanderten guten Spieler wurden nicht annähernd gleichwertig ersetzt, den Kern des aktuellen Teams bilden mit Ausnahme von Myroslav Slavov ausschließlich Spieler, die schon länger in Chemnitz sind.

Hat die Sportliche Leitung bei der Personalsuche versagt?

Ja. Der Club musste 2017 deutliche Einsparungen vornehmen, um vom DFB die Lizenz für die 3. Liga zu erhalten. Sportchef Steffen Ziffert, der gestern in Berlin persönlich die Unterlagen des CFC für die kommende Regionalligasaison abgab, hatte eine halbe Million Euro weniger an Etat für die erste Mannschaft zur Verfügung als sein Vorgänger Stephan Beutel. Mit drei Millionen Euro liegt der CFC im unteren Bereich der Liga. Trotzdem bleibt der Fakt: Andere Vereine haben aus ähnlich knappen Möglichkeiten mehr gemacht. Mit Ausnahme Slavovs war keiner der von Ziffert bzw. Trainer Horst Steffen ausgesuchten Neuzugänge eine wirkliche Verstärkung. Die vermeintlichen Königstransfers (Trinks, Aydin) traten und treten kaum oder gar nicht in Erscheinung.

War der Trainerwechsel Anfang Januar richtig?

Nach dem vorangegangenen Herbst und dem Auftritt des CFC bei der 2:3-Niederlage in Zwickau war er wohl unvermeidlich, um noch einmal neue Impulse zu setzen und Aufbruchstimmung zu erzeugen. Gelungen ist die Trendwende unter Steffens Nachfolger freilich nicht. Zehn Punkte hat die Mannschaft in zwölf Spielen mit David Bergner bislang geholt, 16 Zähler aus 20 Partien waren es unter Horst Steffen. Noch bedenklicher: Unter Bergner kassiert das Team im Schnitt noch mehr Gegentreffer (2,42) als unter Steffen (1,85), trifft selbst seltener (1,08 gegenüber 1,30 Tore pro Spiel). Ein Bewerbungsschreiben für die geplante Weiterbeschäftigung des Trainerteams in der Regionalliga ist das nicht.

Ist das neue Stadion der Grund für die Finanzsorgen des CFC?

Die an die Stadt Chemnitz als Besitzer der Arena fällige Pacht ist mit 180.000 Euro angemessen und nicht das Problem. Zu hoch sind aber die an den Spieltagen anfallenden zusätzlichen Kosten, die laut den zu Saisonbeginn gültigen Verträgenbei etwa 80.000 Euro pro Heimpartie lagen. Inzwischen hat der CFC einige Posten nachverhandelt, die Summe wohl etwas gedrückt. Was überhaupt nicht zusammenpasst, sind Erwartungen und Realität auf der Einnahmeseite. Die Sponsoreneinnahmen, die mit dem neuen Fußballtempel um 50 Prozent und mehr steigen sollten, sind nur geringfügig angewachsen, der Mehrertrag erreicht nicht einmal die für die Namensrechte vereinbarte Summe. Hier liegt der Hase dick im Pfeffer.

Ist die 3. Liga eine Pleiteliga?

Die Gefahr in finanzielle Schieflage zu geraten, ist groß. Im vergangenen Jahr bekam fast die Hälfte der Clubs die Zulassung erst im Nachsitzen. Die Spielklasse ist strukturell unterfinanziert. Die TV-Einnahmen(der CFC kassiert in diesem Spieljahr gut 7o0.000 Euro)liegen bei etwa einem Zehntel der Summen der 2. Bundesliga, Ausgaben für Mannschaft und Spielbetrieb aber bei etwa einem Drittel eines durchschnittlichen Zweitligisten. Mit Eintrittsgeldern (der CFC hat ursprünglich mit durchschnittlich 7000 kalkuliert, 6892 sind gekommen) oder Freundschaftsspielen ist diese Lücke nicht zu schließen. Zu ändern wäre das mit einer solidarischeren Verteilung der für TV-Rechte inzwischen fließenden Milliarden, die DFL-Clubs müssten zugunsten der Dritt- und auch Viertligisten etwas abgeben. Ein illusorisches Szenario, der Trend geht eher in Richtung noch mehr Egoismus und Vergrößerung der Unterschiede in der Finanzausstattung - das ist ja schon innerhalb der Bundesliga ein großes Problem, das die Liga immer langweiliger macht.

Was bedeutet das für die Drittligisten?

Sie wollen die Spielklasse so schnell wie möglich verlassen, gehen für den Aufstieg wirtschaftliche Risiken ein. So handhabt es in dieser Saison der Karlsruher SC mit ungewissem Ausgang, so versuchte es in den Vorjahren der Chemnitzer FC.

Hätte der CFC aufsteigen müssen?

Zumindest hätte er es können. Die Voraussetzungen dafür waren 2016/17 gegeben: eine in allen Bereichen stark besetzte Mannschaft, die im Sommer 2016 noch einmal gut verstärkt worden war (Mast, Jopek, Grote, Reinhardt).

Woran ist Chemnitz gescheitert?

Letztlich an der Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen. Das gespaltene Verhältnis zwischen Stephan Beutel und Sven Köhler belastete die Arbeit. Die vom Sportlichen Leiter im Winter 2016/17 forcierte Ablösung des Trainers - Beutel hatte den heutigen Wiesbadener Coach Rüdiger Rehm schon als Nachfolger in der Hinterhand - scheiterte am Veto des Aufsichtsrats. Spätestens da hätte die CFC-Führung Köhler den Rücken stärken müssen. Das blieb aus. Der Club wurstelte weiter mit einem Sportchef-Trainer-Gespann, das sich nichts mehr zu sagen hatte, und mit einer Mannschaft, die zwischen den Stühlen saß. Ein grober Fehler, der den möglichen Aufstieg kostete und ein Baustein für die aktuellen Nöte ist.

Welche Rolle spielte der alte Vorstand unter Dr. Mathias Hänel?

In reichlich zehn Jahren der Ära Hänel passierten natürlich auch Fehler, die Gesamtbilanz mit dem Aufstieg in die 3. Liga und dem Stadionneubau bleibt positiv. Der Präsident selbst war immer eine absolut integre Persönlichkeit, für die das Wohl des CFC an erster Stelle stand. Seit Herbst 2017 - als die großen Finanzsorgen des CFC öffentlich, Unterstützung von Stadt und städtischen Firmen notwendig wurde und diverse Vertreter in die Gremien entsandt wurden - war die Vereinsführung nicht mehr frei in ihren Entscheidungen.

Was würde ein Insolvenzantrag für den CFC bedeuten?

Wird er jetzt gestellt und das Verfahren vor Mitte Mai eröffnet - den Abzug von neun Punkten in der laufenden Saison. Ein Spiel mit dem Feuer, denn falls nur ein anderer Verein die Drittligalizenz verweigert bekäme, würde auch Platz 18 für den Klassenerhalt reichen. So blieb im letzten Sommer der aktuelle Tabellenführer Paderborn in der Liga, als 1860 München von der zweiten in die vierte Liga durchrutschte. Die Basis für erfolgreiches Wirtschaften im Fußball ist ein Platz in einer Profi-Liga. Die kleinste Chance darauf darf man nicht leichtfertig auf Spiel setzen. Erfolgreichen Fußball zu finanzieren, ist in der 3. Liga schwer, eine Etage tiefer noch schwerer.

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4Kommentare
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  • 3
    0
    TheBeastFromTheEast
    10.04.2018

    NEIN, Herr Scholze: Die Basis für einen Platz in einer Profi-Liga ist erfolgreiches Wirtschaften - nicht umgekehrt! Wer mehr Geld zum Ausgeben einplant, als er voraussichtlich jemals einnehmen wird, wird sich nicht lange in einer Profi-Liga halten - eigentlich gehört er da auch gar nicht hin!
    Daß eine Stadt wie Chemnitz auch ein ordentliches Stadion gut zu Gesicht steht - keine Frage. Ob man einem Club, der mitten in der Saison fest stellt, daß seine Einnahmen-Planung vorne und hinten nicht stimmt, noch Geld nachschießen sollte, werden sich (auch) viele Sponsoren gefragt haben - das Ergebnis ist bekannt. Daß solide Fußballer auch solide Rahmenbedingungen suchen, kann jeder nachvollziehen. Also: Erst einmal einen gescheiten Plan, und dann das benötigte Personal suchen. Oder glaubt irgendwer, Hopp oder Mateschütz hätten irgendwo den Geldsack stehen lassen, damit sich Planlose daraus bedienen - wenn´s grade mal wieder einen "Engpaß" gibt? Das Spiel heißt "Profi"-Fußball - da braucht´s auch in der VIP-Lounge Profis.

  • 1
    0
    698236
    04.04.2018

    Wer denkt, dass der Vorstand (bis heute) einen 7 Mio. Etat wie einen Kreisligaverein verwalten kann und dies auch noch auf der Mitgliederversammlung im Januar bestätigt, zeigt, dass er grob fahrlässig gehandelt hat. Dies gilt sowohl für die Stadt und Gremien des CFC als auch für die sportliche Leitung Köhler etc.
    Die Rechnung bei Insolvenz sollte doch allen Beteiligten klar sein, Rückforderung mindestens einer Jahresmiete von der Stadt, Rückforderung der vieler regelmäßigen Vertragszahlungen.
    Wenn seit Heine die konditionelle und sportliche Leistung nicht im Fokus eines Trainings steht, ist das Ergebnis halt so wie es sich nun darstellt. Viertklassigkeit mit wenig Perspektive auf Besseres. Ich wünsche ein glückliches Händchen in allen Entscheidungen.

  • 3
    3
    587977
    04.04.2018

    Schöner Beitrag des Autors, in dem vieles richtig beschrieben wird.

    Die Gesamtbilanz der Ära des vorherigen Vorstands schönzuschreiben teile ich nicht. Man ist einmal aufgestiegen, korrekt - mehr aber auch nicht.
    Das Stadion wurde durch die Stadt gebaut.
    Was man ankreiden muss: als sogenanntes Management hätte man Strukturen schaffen können und müssen. Nichts anderes macht erfolgreiche Unternehmer aus. Man hat versäumt 100-200 T? für Controlling, Marketing, Vertrieb in die Hand zu nehmen bzw. vom üppigen Spieleretat abzuzweigen. Damit hätte man locker 4-6 qualifizierte Mitarbeiter in den genannten Bereichen arbeiten lassen können und vielleicht auf einen Transfer + Gehalt für überbezahlte Spieler verzichtet. Man stünde heute sportlich auch nicht schlechter da, aber wirtschaftlich. Der Vertrieb hätte die Marketingeinnahmen gesteigert. Die Planungsfehler und "plötzlichen" Lücken im Budget wären nie aufgetreten. Das muss sich der Herr Chefarzt anrechnen lassen. Auch der jetzige Vorstand und Aufsichtsrat besteht doch nur aus "Wannabes"; kein Steuerberater, kein Wirtschaftsprüfer mit Sanierungserfahrung, kein gestandener Anwalt für Gesellschaftsrecht, kein wirklich erfolgreicher Unternehmer.
    Alles hausgemacht, aber in Chemnitz wird sich gerne die Welt schöngeredet. Als nächstes sinkt die Pacht, damit Frau Oberbürgermeisterin auch wiedergewählt werden kann, durch die großen & fußballbegeisterten Massen.

  • 5
    0
    774029
    04.04.2018

    "Sponsoreneinnahmen, die ... um 50 Prozent und mehr steigen sollten"

    Hier hat Infront auf ganzer Linie versagt und für diese "Leistung" mehr kassiert, als sie dem Verein eingebracht hat



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