So tickt Zwickaus neuer Trainer Joe Enochs

Joe Enochs spricht im Interview über seine Ziele mit dem FSV, die neue Mannschaft, US-Präsident Donald Trump und die Farbe Lila

Morgen, um 14.30 Uhr, startet der FSV Zwickau mit einer öffentlichen Trainingseinheit im Westsachsenstadion in die Vorbereitung seiner dritten Drittligasaison - und zwar mit dem neuen Coach Joe Enochs. Der 46-Jährige präsentierte am Donnerstagabend den FSV-Sponsoren sein Konzept. Gestern wurde der US-Amerikaner offiziell vom Verein vorgestellt. Freundlich, offen und kompetent wirkte Enochs im Frage-Antwort-Spiel. Thomas Prenzel hat mit ihm gesprochen.

Freie Presse: Wenn Sie jemand mit Joseph Andrew anspricht, sind Sie dann irritiert?

Joe Enochs: Naja, Joseph sagt eigentlich nur meine Mutter zu mir. Ansonsten hat sich von Kindesbeinen an Joe durchgesetzt. Aber wenn mich jemand Joseph nennt, habe ich auch kein Problem damit.

Sie müssen sich an viele neue Namen gewöhnen. Leihgabe Kevin Hoffmann von Jahn Regensburg ist schon der zehnte Neuzugang. Wie gut kennen Sie Ihre Mannschaft bereits?

Ich habe jeden Spieler vorher gesehen, mit allen persönlich gesprochen. Bis auf ein, zwei Baustellen sind wir im Kader sehr gut dabei. Bei Torhüter Johannes Brinkies hoffe ich, dass er nach seiner Fuß-OP Ende Mai bald wieder voll fit ist. Die Ärzte sagen, dass alles gut verlaufen ist. Morris Schröter hat noch mit Leistenproblemen zu tun. Da müssen wir den Heilungsverlauf abwarten.

Apropos Torhüter. Ist es nicht ein hohes Risiko, mit einem 19- und einem 18-jährigen Keeper hinter der Nummer 1, Johannes Brinkies, in die Saison zu starten?

Ich bin mir mit Torhütertrainer Steffen Süßner einig, dass Matti Kamenz als talentierter Keeper so viel Qualität besitzt, dass er einspringen kann, wenn mit Johannes etwas sein sollte. Wann, wenn nicht jetzt, soll ein 19-Jähriger eine Chance erhalten?

Als Spieler hatten Sie nie einen Berater. Warum eigentlich?

Ich war so zufrieden, konnte mich ganz gut einschätzen. Mein Potenzial hat nur für die 2., 3. Liga gereicht. Aber als Trainer habe ich nach der Beurlaubung in Osnabrück schon sehr überlegt, ob ich mir einen Berater zulege. Dann klingelt vielleicht 20-mal am Tag das Telefon, wenn du keinen Job hast. Nachdem ich aber beim VfL freigestellt war, dachte ich, mein Handy ist kaputt.

Aber dann hat ja Zwickau angerufen. In der Mannschaft, die Sie nun betreuen, werden Sie keinen Profi ohne Spielerberater finden.

Ja, heute geht es offenbar nicht mehr ohne. Aber das ist kein Problem. Es gibt viele positive Beispiele, wie auch negative mit unseriösen Leuten. Wichtig ist: Im Fußball gibt es noch ungeschriebene Gesetze.

Ihr Vorgänger Torsten Ziegner hat seinen Vertrag im Frühjahr nicht verlängert, weil das Budget in Zwickau kaum mehr als Abstiegskampf zulässt. Was reizt Sie dennoch an dem Posten?

Gerade darin liegt die Herausforderung, dass wir mit wenig viel bewegen wollen. Klar muss man sich auch mit der wirtschaftlichen Thematik beschäftigen. Die Schere geht in der 3. Liga weiter auseinander. Deshalb sind in Zwickau andere Typen gefragt. Wir müssen über die Geschlossenheit kommen.

Der FSV hat zuletzt oft mit einer 4-1-3-2-Taktik gespielt. Wie sieht Ihre Philosophie aus?

Mir ist wichtig, dass wir unsere Stärken nicht vernachlässigen und neue Impulse reinbringen. Ein Ronny König in guter Verfassung soll von mir aus ruhig noch fünf Jahre spielen. Er ist auch mit 35 als Spieler und Persönlichkeit wichtig für uns. Ich habe selbst bis 36 Fußball gespielt.

Welche Impulse meinen Sie?

Wir wollen mehr Torgefährlichkeit aus dem Spiel heraus erzielen und mehr Geschwindigkeit in unser Spiel bringen. Das wird uns hoffentlich - auch mit Hilfe der neuen Spieler - gut gelingen.

Und in der Körpergröße hat die Mannschaft auch zugelegt.

Ja, neben Ronny König sind mit Tarsis Bonga, der 1,96 Meter misst, und Lion Lauberbach, der auch über 1,90 Meter ist, große Spieler hinzugekommen. Der Gegner kann sich dann schwerer entscheiden, zu wem er hingeht. Die Standards sollen eine unserer Stärken bleiben.

Welche Ziele peilen Sie in der kommenden Saison an?

Wir wollen so schnell wie möglich den Klassenerhalt sichern und uns für den DFB-Pokal qualifizieren.

Mal weg vom Fußball. Sie gelten als Familienmensch und einer, der seine Meinung geradeheraus sagt. Könnten Sie kurz erzählen, wie sich ein US-Amerikaner mit Präsident Donald Trump fühlt?

Ich lebe seit 1994 in Deutschland. Nie hätte ich geglaubt, dass er überhaupt Präsident wird. Seine Außendarstellung ist für mich nicht nachvollziehbar und mit den Aussagen kann ich mich nicht identifizieren. Ich verstehe ihn also nicht.

Zum Abschluss noch ein wichtiges Thema, zumindest für viele FSV-Fans: Der VfL Osnabrück, bei dem Sie 21 Jahre als Spieler und Trainer verbracht haben, schmückt sich mit der Farbe Lila. Haben Sie schon einige T-Shirts aus dem Schrank sortiert?

Ach so, wegen des Rivalen aus Aue? Keine Sorge, ich gehe nur noch in Rot-Weiß durch Zwickaus Straßen.

Joseph Andrew "Joe" Enochs: Osnabrück ist seine zweite Heimat

Geboren am 1. September 1971 in Petaluma, Kalifornien. In der Jugend kickte er in der Schulmannschaft McDowell Celtic und beim Petaluma Valley Soccer Club, später für San Francisco United.

1994 kam Joe Enochs, Sohn einer Lehrerin und eines Spediteurs, nach Deutschland und spielte zwei Jahre beim FC St. Pauli in der zweiten Mannschaft. Danach wechselte er zum VfL Osnabrück. Für die Ostwestfalen absolvierte er 388 Partien, davon 78 in der 2. Liga. 2001 bestritt er für sein Heimatland ein Länderspiel. Beim 0:0 gegen Ecuador wurde er eingewechselt und musste mit einer Platzwunde am Kopf vorzeitig wieder raus. Im September 2004 wurde sein Treffer im Pokalspiel gegen den FC Bayern München in der ARD-Sportschau zum Tor des Monats gekürt. 2008 verkündete Enochs nach dem Klassenerhalt mit dem VfL in der 2. Bundesliga seinen Rücktritt und schlug die Trainerlaufbahn ein.

Als Coach betreute er zunächst die U-21 des VfL. Neben Tätigkeiten im Nachwuchs des Vereins sprang Enochs zweimal - 2011 für Karsten Baumann und 2015 für Maik Walpurgis - als Cheftrainer der ersten Mannschaft ein. Im Oktober 2017 folgte trotz eines gerade verlängerten Vertrages bis 2020 die Freistellung, als der VfL auf einem Abstiegsplatz in der 3. Liga stand.

Verheiratet ist Enochs mit Gunilla, er hat zwei Töchter, Sophie (14) und Emily (17). Emily spielt Basketball, bald an der Sacramento State University in den USA. Dort hatte ihr Vater einst Kriminalistik/Polizeiwesen studiert. Enochs besitzt seit 2014 die Fußballlehrerlizenz (Note 1,3). 2008 hatte er in der Osnabrücker Altstadt die Joe-Enochs-Sportsbar, die er mit dem ersten Engagement als Cheftrainer wieder abgab, eröffnet. Im Stadion an der Bremer Brücke trägt eine Kindertribüne seinen Namen. (tp)

Neuzugang

Der FSV hat Kevin Hoffmann für ein Jahr vom SSV Jahn Regensburg ausgeliehen. Der 23 Jahre alte gebürtige Regensburger hatte sich im April einen Meniskusriss zugezogen und ist bereits der zehnte Zugang der Rot-Weißen für die neue Saison. Zuvor brachte es der offensive Mittelfeldspieler auf zehn Partien (vier Tore) in der zweiten Mannschaft des Jahn in der Landesliga Bayern-Mitte sowie zwei Kurzeinsätze im DFB-Pokal gegen Darmstadt und Heidenheim. (tp)

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