Anja Mittag: "Schweden bleibt in meinem Herzen"

Die Ex-Nationalspielerin Anja Mittag aus Chemnitz kehrt zum Ende ihrer Laufbahn von Schweden wieder in die sächsische Heimat zurück.

Malmö/Chemnitz.

Sie gehört zu den erfolgreichsten deutschen Fußballerinnen: Anja Mittag aus Chemnitz absolvierte bis 2017 insgesamt 158 Länderspiele, damit liegt sie im nationalen Ranking auf Platz vier. Mit ihren 50 Toren behauptet sie Rang sechs. Ab 1. Juli wird die 34-Jährige, die vor wenigen Tagen ihre Profilaufbahn in Schweden beendete, bei RB Leipzig im Trainerbereich arbeiten und außerdem das Frauenteam als Spielerin unterstützen. Martina Martin sprach mit Anja Mittag.

Freie Presse: Wo verfolgen Sie gerade die Spiele der WM?

Anja Mittag: Zurzeit bin ich noch in Malmö, bereite unter anderem meinen Umzug vor. Am Wochenende fahre ich aber erst einmal in den Urlaub nach Frankreich.

Da verbinden Sie wohl das Gute mit dem Nützlichen?

Das kann man so sagen. Bei einigen WM-Spielen, wie dem nächsten der deutschen Mannschaft gegen Südafrika am Montag oder weiteren Partien, beispielsweise von Schweden, werde ich live in den Stadien sein. Mal sehen, was sich noch ergibt.

Sie erlebten seit 2005 mit einer Ausnahme, der Heim-WM 2011, alle internationalen Topereignisse als Spielerin mit. Nun sind Sie erstmals nicht aktiv dabei. Kommt da Wehmut auf?

Eigentlich nicht. Klar denkt man schon mal daran, wie cool es immer war, dabei zu sein. Aber es ist okay, dass ich jetzt Zuschauerin bin. Und meine Entscheidung, 2017 meine Auswahlkarriere zu beenden, fühlt sich richtig an.

Mit dem Aus im Viertelfinale verlief die EM 2017 enttäuschend. War das frühe Ausscheiden damals der Grund für Ihren Abschied?

Nein, das stand für mich persönlich schon vorher fest. Aber mit einem nochmaligen Erfolg am Ende wäre es natürlich besser gewesen. Dieses Ergebnis hatte keinen Einfluss mehr.

Wenn Sie Ihre Karriere Revue passieren lassen: Welcher Erfolg besitzt für Sie den höchsten Wert?

Über allem steht der Olympiasieg in Rio 2016, das war einfach das Größte überhaupt. Die tollen Erlebnisse, die einmaligen Gefühle, da erinnert man sich genau und könnte Stunden davon erzählen. Diese Goldmedaille hat einen Ehrenplatz in meinem Wohnzimmer. Ich weiß noch genau, dass wir gar nicht so gut gestartet sind. Wir haben uns Stück für Stück hochgearbeitet. Ich konnte zudem viel mehr als zuvor bei anderen Erfolgen dazu mit beitragen, kam in jedem Spiel zum Einsatz. Das war natürlich etwas ganz anderes, als wenn man viel auf der Bank sitzt.

Im Gegensatz dazu bezeichneten Sie schon mehrfach das Fehlen bei der Heim-WM 2011 als größte Enttäuschung. Wie sehen Sie dieses negative Erlebnis im Rückblick?

Sicher war die Nichtnominierung damals der Tiefpunkt für mich, ganz bitter. Aus heutiger Sicht hatte dies auch etwas Gutes. Ich habe damals stagniert. Wer weiß, wie es in Potsdam weitergegangen wäre? Mein Wechsel nach Schweden war der total richtige Schritt. Von da an ging es wieder aufwärts. Ich kam stärker zurück und erhielt in der Auswahl viel mehr Einsatzzeiten als zuvor.

Nach nur kurzen Gastspielen in Paris und in Wolfsburg gingen Sie im März 2017 nochmals zum FC Rosengard nach Schweden. Warum?

Es passte einfach am besten. In Schweden fühle ich mich immer sehr wohl. Und es war erneut richtig, zum Ausklang meiner Laufbahn dort zu spielen. Ich hatte 2018 in Malmö noch einmal ein sehr gutes Jahr, es lief super, da konnte ich mich selbst beweisen.

Sie wurden nach dieser Saison auf Anhieb wieder als beste Stürmerin der gesamten Liga geehrt. Während der ersten Zeit konnten Sie bereits sechs Sondertrophäen - dreimal beste Spielerin, zweimal beste Torschützin, einmal beste Stürmerin - in Empfang nehmen. In Schweden scheinen Sie ein Idol zu sein? Weshalb erfolgte der Abschied mitten in der Saison?

Ich habe gemerkt, dass meine eigene Motivation, weiterhin auf diesem hohen Niveau zu spielen, irgendwie nicht mehr so da war. Mein Vertrag wäre nach dieser Saison sowieso ausgelaufen. Aber diese geht in der schwedischen Liga noch bis November, das war mir einfach zu lang. Gleichzeitig gab es dieses reizvolle Angebot von RB Leipzig. Und mit 34 Jahren ist es wichtig, wenn man eine berufliche Perspektive hat. Rosengard fand es zwar schade, zeigte aber viel Verständnis. Bei meinem letzten Heimspiel wurde ich dann verabschiedet, das war emotional sehr berührend. Ich werde Schweden als meine zweite Heimat immer im Herzen tragen.

Mit der Verkündung des Wechsels zu RB Leipzig gelang Ihnen eine echte Überraschung. Wie kam es dazu?

Mit Katja Greulich, der Trainerin der Frauenmannschaft, hatte ich schon immer mal Kontakt. Anfangs witzelten wir mehr über diese Möglichkeit. Irgendwann wurde es ernster. Und da ich noch nicht richtig wusste, wohin es bei mir geht, hat sich dann alles so nach und nach ergeben. Schön ist, dass ich jetzt meine Familie wieder in meiner Nähe habe, meine Eltern wohnen nach wie vor in Chemnitz. Ich freue mich enorm auf die neuen Aufgaben.

Können Sie diese etwas näher beschreiben?

Klar ist: Primär werde ich als Individualtrainerin und in der Spielanalyse arbeiten, Spielerin bin ich nur darüber hinaus. Der Verein gibt mir die Möglichkeit, mich auszuprobieren und weiterzuentwickeln. Da wird sich zeigen, was ich auf diesem Gebiet kann. Ich besitze schon die Trainer-Uefa-B-Lizenz, möchte bald die A-Lizenz erwerben. Außerdem werde ich in das Analyse- und Scoutingsystem bei den Frauen eingebunden. Und es kommt mir sehr entgegen, dass ich weiter aktiv spielen kann. Das Team, das jetzt noch in der Regionalliga ist, visiert höhere Ziele an, zunächst die 2. Bundesliga. Ich versuche, so viel wie möglich von meinen Erfahrungen weiterzugeben.

Kennen Sie die RB-Mannschaft schon?

Ich habe bisher ein Spiel gesehen und weiß, dass die vergangenen zehn Partien alle gewonnen wurden. Die Bedingungen, das Umfeld sind für den Frauenfußball vergleichsweise sehr gut. Und es ist sicher kein Nachteil, dass ich mit Viola Odebrecht, der neuen Sportlichen Leiterin für den Frauenbereich, früher in Potsdam und in der Auswahl gemeinsam gespielt habe.

Zurück zur WM. Was trauen Sie der deutschen Mannschaft zu?

Ich hoffe, dass sie es mindestens bis ins Halbfinale schafft. Dann ist alles offen. Die bisherigen Leistungen sind aber ausbaufähig, da muss noch mehr gehen. Wichtig sind erst einmal die sechs Punkte.

Ihr Tipp, wer wird Weltmeister?

Festlegen möchte ich mich da nicht, aber mein Favorit ist auf alle Fälle Frankreich.


In Karriere alle möglichen Titel erkämpft 

Anja Mittag wurde am 16. Mai 1985 in Karl-Marx-Stadt gemeinsam mit Peter als Zwillingspärchen geboren.

Als Fußballerin begann sie mit zehn Lenzen ihre Karriere in einer Jungenmannschaft beim VfB Chemnitz, in der sie mit ihrem Können herausragte. Später spielte sie in den Mädchen- und Frauenteams beim Chemnitzer FC, dann beim FC Erzgebirge Aue. 2002 wechselte sie zum Bundesligisten Turbine Potsdam. Mit den Brandenburgerinnen wurde sie Deutscher Meister, Pokalsieger und triumphierte 2010 in der Champions League. In der europäischen Topliga führt sie mit 50 Treffern die Torschützenliste an.

Weitere Vereine: Karlstad, FC Rosengard (beide Schweden); Paris SaintGermain, VfL Wolfsburg.

Größte Erfolge: Olympia: Gold 2016, Bronze 2008; Weltmeisterin 2007, Europameisterin 2005, 2007, 2013. (fp)

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