Augen zu und durch: RB bleibt ohne Titel

Pokalpleite als Ansporn - die Verbitterung über die verpasste Titelchance im Pokalfinale war auch am Tag nach der 0:3-Niederlage bei der Rückkehr in Leipzig greifbar. Die Bayern haben klar aufgezeigt, was Leipzig noch fehlt.

Berlin/Leipzig.

Der Sonntag bot einen versöhnlichen Abschluss für eine emotionale Woche. Die Sonne schien, einige Tausend Fans waren zur offiziellen Saisonabschlussfeier gekommen und applaudierten ihren Idolen. Immer wieder hatten Trainer, Spieler, Fans, Verantwortliche betont, dass diese Saison eine erfolgreiche war, trotz der 0:3-Pleite im Finale des DFB Pokals gegen den FC Bayern München. Dennoch, die enttäuschten Gesichter auf der Tribüne vor der Red-Bull-Arena sprachen Bände - die Mannschaft war schlicht enttäuscht. "Wenn wir uns vorstellen, was möglich gewesen wäre, wenn wir den schönen Pokal mit hierher gebracht hätten", sprach Kapitän Willi Orban zu den Fans. Es blieb eben nur beim Konjunktiv.

Mit "Super-Trainer, Super-Trainer"-Rufen wurde Ralf Rangnick gefeiert, der nach der Saison wieder den Trainerstuhl räumt und im Hintergrund die Fäden ziehen wird. Yussuf Poulsen gestand: "Wir haben ein paar Bier zu viel gesehen". Er habe gefeiert, bis der Laden zugemacht hat. Natürlich lief "An Tagen wie diesen" von den Toten Hosen.

Doch was bleibt von dieser Spielzeit? Das war die große Frage in einem rumpeligen Zug von Berlin zurück nach Leipzig. Drin saßen Mannschaft und rund 200 Fans. Letztere ließen sich die Laune, wie schon im Olympiastadion, nicht vermiesen. Pokalfinale zum zehnten Geburtstag, dazu der dritte Platz in der Bundesliga und ein etwas blamables aus in der Europa League - das passt, fanden die Fans. Geschäftsführer Oliver Mintzlaff richtete einige Worte an die Fans, sprach noch mal von einer großen Enttäuschung in der Mannschaft und dass man als Sportler anerkennen müsse, dass man den Bayern deutlich unterlegen war. Bei einem 0:3 ist das keine allzu gewagte Analyse.

Doch bei den Club-Bossen und den Spielern hatte sich auch direkt eine gewisse Kampflust breitgemacht. Das erste große Finale macht Lust auf mehr. "Wir werden den Kader weiter verstärken. Das war geil, wir kommen nächstes Jahr wieder", sagte Mintzlaff zu den Fans, was mit Jubelrufen quittiert wurde.

Etwas weiter vorn im Zug saß Emil Forsberg und ärgerte sich noch immer über seine große Torchance in der 47. Minute. "Ich habe am Abend mehr über die Chance nachgedacht, als über das Spiel", gestand der Schwede. Es hätte das 1:1 sein können. Der wieder genesene Manuel Neuer zeigte, wie bereits zuvor, seine Weltklasse. Vielleicht ein Knackpunkt. Jedenfalls ließen die Leipziger ihre Chancen ungenutzt und fuhren deshalb ohne neues Ziergeschirr für die Vitrine zurück in die Messestadt. "Die Coolness hat uns gefehlt", sagte Forsberg, die Erfahrung, ein solches Finale gespielt zu haben, helfe der Mannschaft: "Ich will wieder da hin, ich will noch mal dieses geile Gefühl haben. Die Atmosphäre war überragend."

Das Pokalfinale hatte RB aufgezeigt, was für den ganz großen Wurf noch fehlt. "Wir brauchen die Erfahrung für das nächste Mal, damit wir wissen, was wir besser machen müssen", erklärte Forsberg. Rund die Hälfte der Spieler der Startelf hatte mit RB schon in der 2. Liga gespielt. Die wesentlich erfahreneren Bayern zeigten Leipzig die Grenzen auf. Rangnick hält dennoch an der Philosophie des Vereins fest und will "Spieler verpflichten, die kaum einer kennt und über gute Trainerarbeit besser machen". Das liegt auch daran, dass sich Leipzig fertige Stars mit Champions-League- und Titel-Erfahrung nicht leisten kann. Nicht, weil Sponsor Red Bull nicht noch mehr Geld geben könnte und das wohl auch tun würde, sondern weil die Financial-Fair-Play-Regelung der Uefa das verhindert. RB muss, so seltsam es klingt, mehr Einnahmen generieren, um mit Dortmund und Bayern mitzuhalten.

Das ginge zum Beispiel über Fernsehgelder. Diesbezüglich ist Leipzig noch weit hinten, da noch die beiden Zweitligajahre mitgerechnet werden und die Bilanz verhageln. Insofern ist der Weg riskant, aktuell aber alternativlos. Dazu kommt, dass junge Spieler öfter Leistungsschwankungen unterliegen. RB verfügt nicht über 16 bis 18 gleichwertige Kicker. Wäre Leipzig nicht so früh aus der Europa League ausgeschieden, wäre die Saison im Pokal und der Liga wohl kaum so erfolgreich verlaufen.

Und es gibt es weitere Baustellen. Da ist zum einen die noch nicht genau definierte künftige Rolle von Rangnick. Will er weiter nur in Leipzig arbeiten oder mehr globale Verantwortung im Red-Bull-Fußball-Kosmos - dann dürfte er aber keine offizielle Funktion mehr in Leipzig haben. Unklar ist auch, wie es mit den Stars wie Timo Werner und Emil Forsberg weitergeht. Es wird ein spannender Sommer.

Nach 52 Pflichtspielen blieb Konfetti auf der Festwiese, aber keine Titel. Leipzig hat gemerkt, dass die ganz großen Klubs nicht mehr uneinholbar weit weg sind, aber eben doch noch was voraushaben. "Heute fühlt es sich schon nicht mehr ganz so schlimm an", sagte Rangnick auf der Bühne zu den Fans, wohl aber vor allem zu sich selbst. Er hatte am Samstagabend offensichtlich am meisten unter der Niederlage gelitten, ließ sich die Medaille erst gar nicht um den Hals hängen. Es wird seinen Ehrgeiz mit Sicherheit nicht schmälern. Rangnick will mit Leipzig um Titel mitspielen. Am besten gleich wieder in der neuen Saison.

Leipzigs Kapitän Willi Orban: Uns hat der Killerinstinkt gefehlt - Der Stolz überwiegt 

Willi Orban, der Kapitän und Innenverteidiger von RB Leipzig, stellte sich nach der 0:3-Pokalpleite am Sonntag den Fragen von Fabian Held. 

Freie Presse: Hat die Mannschaft trotz der Niederlage gefeiert?

Willi Orban: Wir hatten dennoch einen schönen Abend. Wenn wir gewonnen hätten, wäre es noch ausgelassener gewesen. Die Stimmung war schon etwas gedämpft, weil wir eine Riesenchance liegengelassen haben. Es überwiegt aber der Stolz. Die Saison war sehr gut. Wir hatten ein paar Startschwierigkeiten, aber spätestens zur Rückrunde war es Wahnsinn, was wir gespielt haben. Sehr konstant.

Wie bewerten Sie das Pokalfinale?

Generell war das ein tolles Erlebnis, die Stimmung überragend. Wir haben viele Erkenntnisse mitgenommen. Diese Spiele willst du halt öfter erleben, auf diesem Niveau. Es hat Lust gemacht auf mehr. Deshalb ist es eine Riesenmotivation, wieder nach Berlin zu fahren in den nächsten Jahren.

Was haben Ihnen die Bayern vor allem voraus? Die Erfahrung?

Wir waren immer mal wieder dran. Aber man hat gemerkt, dass uns der Killerinstinkt fehlt. Klar hat Bayern einen Bonus, weil sie diese großen Spiele schon erlebt haben. Es ist gut, dass wir mal dabei gewesen sind. Wir können viel mitnehmen an Erfahrungen. Es ist nicht so, dass wir Lichtjahre entfernt sind. Aber es gibt schon auch Dinge, die wir mit dem Ball besser machen können.

Was erhoffen Sie sich vom neuen Trainer Julian Nagelsmann?

Die Kreativität, die Spielauslösung, das Spiel mit dem Ball von hinten heraus - ich glaube, dass er mit Hoffenheim gezeigt hat, dass er da einiges an Lösungen und Optionen der Mannschaft mitgeben kann. Ich erhoffe mir, dass wir uns entwickeln. Wir sind gegen den Ball mit die beste Mannschaft der Liga, wenn nicht sogar die beste. Gegen die ganz großen Mannschaften brauchst du Lösungen mit dem Ball, um Chancen zu kreieren.

Fahren Sie jetzt in den Urlaub?

Ich bin eine Woche bei der Familie in Kaiserslautern und dann werde ich zur Nationalmannschaft nach Ungarn reisen. Es stehen noch zwei EM-Qualifikationsspiele an. Danach habe ich noch zwei, drei Wochen Urlaub, es ist aber noch nichts geplant.

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