Der Meistertitel ist keine Utopie

Die Blindenfußballmannschaft des Chemnitzer FC ist mit einem Sieg erfolgreich in die neue Bundesligasaison gestartet. Mit Blick auf die Zukunft hat das Team ein weiteres heißes Eisen im Feuer.

Chemnitz.

David Lippmann bringt es sofort auf den Punkt: "Normalerweise sind wir mal dran mit dem Meistertitel, das ist schon ein Traum", meint der 30-Jährige etwas verschmitzt. Seine Teamgefährten vom Chemnitzer FC nicken zwar, als er diesen Wunsch verkündet, doch alle wissen sie natürlich um die Schwere der Aufgabe. Sie geben sich da keinerlei Illusionen hin. Der Weg bis in die Spitze war lang und steinig, in den ersten Bundesligajahren wurden kaum Tore erzielt, geschweige denn Punkte erkämpft. Aber nach den Rängen fünf und drei stand zuletzt in den Abschlusstabellen zweimal Platz zwei - 2015 fehlte dabei nur ein Treffer zum ganz großen Triumph - zu Buche.

"In dieser Saison spielen anders als bisher bestimmt vier Mannschaften auf einem Level. Das wird spannend, aber auch insgesamt schwerer. So wäre ein erneuter Platz auf dem Treppchen einfach cool", skizziert Trainer Michal Falb die Situation. Dabei dämpft er zunächst auch zu große Erwartungen, obwohl ihn seine Schützlinge in der Vergangenheit eigentlich immer positiv überraschten. "Es ist schon toll, wie sich die Truppe insgesamt entwickelt hat, inzwischen attraktiv spielt", berichtet der Coach, der mit seinen Mitstreitern im Betreuerstab viel Wert auf diese Herangehensweise legt, beispielsweise permanent spezielle Abläufe paukt.

Zudem bewegt sich die Mannschaft inzwischen auch taktisch auf einem vergleichsweise hohen Niveau, kann sich so flexibel auf den Gegner einstellen. Das gelang gleich zum Auftakt perfekt mit dem 2:0-Erfolg gegen die "jungen Wilden" von St. Pauli, die vor allem Schnelligkeitsvorteile besitzen. Diese konnten mit einer sicheren Defensive kompensiert werden, ehe in der Schlussphase Robert Matthies die Partie mit zwei Solos krönte.

Der 28-Jährige - in der Saison 2015 schon einmal als bester Allrounder der Liga gekürt - war da wieder ganz in seinem Element. Im vergangenen Jahr hatte sich der Physiotherapeut, der in Leipzig arbeitet, aus einem wunderschönen Grund etwas zurückgenommen. Denn seine Freundin brachte das gemeinsame Töchterchen zur Welt, und da nahm er seine Vaterpflichten gern wahr. "Ich habe die Zeit genossen. Aber jetzt freue ich mich, wieder in der Bundesliga zu spielen", sagt Robert Matthies. Seine Rückkehr ist auch deshalb so wertvoll, da wiederum Abwehrrecke Andreas Hausmann, der in Döbeln wohnt, Familienzuwachs bekam und erst einmal pausiert.

Mit Routinier und Kapitän Jörg Fetzer, der mit seinen 45 Jahren immer noch die Gegner düpiert, und eben David Lippmann, gleichfalls auf mehreren Positionen einsetzbar, ist der CFC gut aufgestellt. "Das sind schon drei außergewöhnliche Typen, die sich im wahrsten Sinne des Wortes blind verstehen und gleichzeitig auch mit Einzelleistungen glänzen", wertet Michael Falb. Zudem können die Himmelblauen auf den derzeit besten Torhüter Deutschlands bauen. Sebastian Themel, der in der Kreisoberliga gleichfalls noch aktiv ist, hat sich zur Nummer eins in der Nationalmannschaft entwickelt, wird so im Sommer in Berlin seine EM-Premiere erleben. "Er hält stark und kann gleichzeitig als Guide mit der entsprechenden Ansprache schnell reagieren. Da sind andere Keeper überfordert", erklärt der Coach. Probleme werden jedoch auftauchen, wenn einer der Stammspieler ausfällt, was auch aufgrund beruflicher Verpflichtungen passieren kann.

Aktuell ist die Decke sehr dünn, aber mit Blick auf die Zukunft gibt es neue Zuversicht. So gehört der 16-jährige Leipziger Philipp Tauscher zum Aufgebot, auch um in das Geschehen reinzuschnuppern. Denn in der Messestadt versucht Lok ein eigenes Team aufzubauen. Die Chemnitzer unterstützen dieses Vorhaben, weshalb auch Lok-Trainer Frank Kayser diese Saison zum Betreuerstab gehört. Zudem ist Maik Kutschan aus Halle, der eine Ausbildung im SFZ-Förderzentrum absolviert, eine weitere Option.

Große Hoffnungen setzt der CFC auf Milad Zoveidavi, einen blinden Flüchtling aus dem Iran. Er kam über David Lippmann, der in einer Aufnahmeeinrichtung als Objektleiter arbeitet, zum Team. Der 28-Jährige hat in seinem Heimatland bereits Fußball gespielt. "Er ist offensiv richtig gut und dribbelstark", zeigt sich nicht nur Jörg Fetzer begeistert. Doch bis es zu einem Einsatz kommen kann, sind noch einige Hürden, wie die Lizenzierung und das Erlernen wenigstens einiger Begriffe aus der deutschen Sprache, zu überwinden. "Er muss ja die Kommandos verstehen. Aber er ist enorm motiviert, für die Zukunft sicher eine Verstärkung", meint Michael Falb, der gleichfalls vom Wunsch beseelt ist, irgendwann einmal den Titel zu holen.

Service und Regeln

CFC-Bundesligateam, Torhüter: Sebastian Themel (32 Jahre), Daniel Müller (38), Marko Stoll (39);

Feldspieler: Jörg Fetzer (45), Steven Herzig (25), Daniel Hoche (33), Ben Hustig (13), Maik Kutschan (30), David Lippmann (30), Robert Matthies (28), Jana Schlegel (37), Philipp Tauscher (16), Milad Zoveidavi (28).

Trainer: Michael Falb (38);

Co-Trainer/Guide: Gunnar Kaufmann (40); Matthias Weber (56), Frank Kayser (52).

Bundesligatermine: 10./11. Juni in Dortmund: CFC - Schalke, - Köln, - Marburg; 15./16. Juli in Stuttgart: CFC - Dortmund, - Stuttgart, - München/Berlin; 9. September in Halle: Platzierungsspiele.

Spielzeit: 2x 20 Minuten (effektiv).

Regeln: Zu einer Mannschaft gehören ein sehender Torwart und vier blinde oder sehbehinderte Feldspieler, die alle für gleiche Verhältnisse Augenpflaster und -binden tragen. Eingebaute Rasseln im Ball signalisieren, wo sich das Leder befindet.

Der Torwart, Trainer und ein Guide hinter dem gegnerischen Tor dirigieren die Spieler durch Zurufe. Jeder gegnerische Spieler, der sich dem ballführenden Akteur nähert, muss "Voy" ("Ich komme!") rufen. Bleibt der Ruf aus, wird dies als Foul geahndet. (fp)

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