Fans von Tennis Borussia gehen dauerhaft fremd

Fans des Berliner Oberligisten Tennis Borussia haben ihrem Verein den Rücken gekehrt und unterstützen seit Februar wechselweise andere Mannschaften. Nun steht eine Vereinsneugründung im Raum - damit spiegelt sich eine Entwicklung im modernen Fußball.

Berlin (dpa) - Der Bus nach Leipzig geht früh - 50 Fans des Berliner Oberligisten Tennis Borussia fahren zur Partie von Roter Stern Leipzig, 50 weitere Anhänger reisen separat an. Nur spielen die Sachsen gar nicht in der Oberliga - und auch nicht gegen TeBe.

Stattdessen sehen die TeBe-Fans eine für sie im Grunde unbedeutende Partie gegen den VfB Zwenkau. Sie gehen fremd. Aus Protest gegen einen Geldgeber. Und das eine komplette halbe Saison lang - 17 Termine umfasst ihre «Caravan of Love»-Tour.

«Kleine engagierte Fan-Szene sucht vorübergehend Verein, der für eine demokratische Kultur und gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie einsteht» - mit einer Zeitungsannonce suchten die Fans Anfang Februar neuen Anschluss. Sie hatten ihrem Verein den Rücken gekehrt, weil sie sich dort nicht mehr respektiert und willkommen fühlen.

Nun wollen sie neue Strukturen bis hin zu einer Vereinsneugründung im Sommer entwickeln. Mehrere Mitglieder der «Abteilung Aktive Fans (TBAF)» sagten der Deutschen Presse-Agentur, dass es diese Gedankenspiele gebe. Damit würden sie dem Beispiel von anderen Fanabkopplungen folgen - in Manchester, Wimbledon, Salzburg, Leipzig oder Hamburg. Bei dem früheren Bundesligisten TeBe spiegelt sich im Kleinen, dass sich Fans im modernen Fußball häufig nicht mehr berücksichtigt fühlen.

Die TeBe-Anhänger werfen dem Vorstandsvorsitzenden und Geldgeber Jens Redlich vor, den Traditionsverein aus Berlin-Charlottenburg gekapert zu haben. Als sie versuchten, mit eigenen Kandidaten für den Aufsichtsrat wieder mehr Einfluss und Kontrolle zu gewinnen, eskalierte die Situation bei einer turbulenten Mitgliederversammlung Ende Januar. Mehr als doppelt so viele Menschen als gewöhnlich füllten den Sitzungssaal - die TeBe-Fans hatten viele vorher noch nie gesehen. Mithilfe zahlreicher kurzfristig in den Verein eingetretener Neumitglieder, die sogleich mit jeweils vier Stimmen ausgestattet waren, wurden fünf Kandidaten von Redlich in den Aufsichtsrat gewählt - anstelle der von den Fans aufgestellten Anwärter.

Es kam zu Handgreiflichkeiten. Und zum Bruch. Seitdem sind zwischen 100 und 200 TeBe-Fans auf ständiger Auswärtstour, besuchen die Berliner Konkurrenz wie TuS Makkabi, FSV Hansa 07, Tasmania Berlin, aber auch den Namensvetter Tennis Borussia Rampach in Wiesbaden oder Roter Stern Leipzig. «Das sind für mich keine Fans, sondern Söldner», sagt Jens Redlich, «wenn man seinen Verein liebt, kehrt man ihm nicht den Rücken zu.»

Vor drei Jahren stieg der Geschäftsführer einer Fitnessstudiokette als Geldgeber bei dem mal wieder in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Verein ein. Über die zunehmende Eskalation seither gibt es eine mehrere Seiten lange Chronologie. Redlich würde den Verein autokratisch führen und keine Mitsprache dulden, sind zwei der zentralen Vorwürfe der Fans. «Es werden Strukturen geschaffen, die auf einem Mann und nicht auf einer breiten Basis aufbauen», findet TBAF-Mitglied Christian Rudolph, «wir werden am Ende die sein, die noch da sind und die Scherben mal wieder auffegen», befürchtet er. In den vergangenen Jahren hatten vor allem die aktiven Fans den zwei Mal insolvent gegangenen ehemaligen Bundesligisten wieder aufgebaut.

Redlich soll 2,5 Millionen Euro in den Verein investiert haben, in dem er nach eigenem Bekunden einst in der Jugend spielte. «Wenn ich so viel Geld gebe, muss ich in eine Funktion, um das überblicken zu können», begründet er den Schritt in den Vorstand des Vereins. Längst ist er in alle täglichen Abläufe involviert. Er habe den Verein komplett entschuldet, und gerade für den Schritt Regionalliga brauche es professionelle Strukturen. «Fanthemen dürfen durchaus im Stadion eine Rolle spielen, aber nicht in der Vereinsführung», findet der gebürtige Berliner und warnt davor, den Verein zu politisieren. Seiner Meinung nach bilden 20 bis 40 «linke bis linksextreme» Fans den Kern des Protests, der die Reputation des Vereins schädige.

Wie sehr die Auseinandersetzung den Verein zerreißt, spricht Harald Beckmann aus, der seit 1975 zu TeBe geht: «Ich bin zwiegespalten, auf der einen Seite braucht der Verein das Geld, einen Sponsor, auf der anderen Seite hat der Verein seine Identität durch die Fanszene.»

Auch wenn Redlich sagt, die abtrünnigen Anhänger könnten jederzeit wieder ins Mommsenstadion kommen, scheint das zurzeit ausgeschlossen. Eine Rückkehr sei nur möglich, wenn Redlich nicht mehr da ist, sagen die meisten Fans. Einige hoffen deshalb sogar, dass TeBe - zurzeit mit sechs Punkten Rückstand auf Lichtenberg 47 Tabellenzweiter - erneut den Regionalliga-Aufstieg verpasst.

Ob die Tour fortgesetzt wird, weiß niemand. «Die Tour ist ein guter Weg, erst einmal als Fanszene zusammen zu bleiben», ist von vielen abtrünnigen TeBe-Fans zu hören, «es werden aber sicher irgendwann weniger», sind sie sich einig, «am Ende wollen wir wieder zu TeBe, das ist unser Verein.» Fremdgehen funktioniert halt nie auf Dauer.

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