Lew Jaschin - der erste Libero im Tor

Heute wäre der russische Fußballer 90 Jahre alt geworden. Für Pele war er der beste Schlussmann der Welt. 1963 gelang dem damaligen Star der Sowjetunion, was kein anderer Torhüter bis heute schaffte.

Chemnitz.

Frankreichs Sportzeitung "L'Equipe" schwärmte 1960 nach dem 2:1-Sieg der Sowjetunion gegen Jugoslawen beim ersten EM-Finale der Fußballgeschichte in Paris: "Torhüter Jaschin hätte vermutlich jeden Angriff zur Verzweiflung gebracht. Der 30-jährige Russe verhalf seiner Mannschaft mit Glanztaten zum Titel."

Doch was war das Spezielle an dem Keeper mit der tiefen Stimme, dem schwarzen Trikot und der breiten Schildmütze? Jean Philippe Rethacker, Autor von "France Football" analysierte: "Jaschin war ein Torhüter neuen Stils, ein entsklavter Torwart, der aus dem engen Tor in den breiten Strafraum heraustrat." Der Fußballhistoriker Dietrich Schulze-Marmeling porträtiert "Jaschin als modern denkenden Torhüter, der - wie es heute auch die Generation um Manuel Neuer praktiziert - oftmals wie ein zusätzlicher Feldspieler agiert". Jaschin war quasi der erste Libero im Tor.

In diesem Stil der damals revolutionären Vorwärtsverteidigung wurde er mit der sowjetischen Mannschaft 1956 in Melbourne Olympiasieger und 1960 in Frankreich Europameister. 1963 erhielt der Torhüter von Dynamo Moskau am Ende des Jahres als erster und bis heute einziger Keeper den "Ballon D'Or", die Auszeichnung für Europas Fußballer des Jahres. Niemand anderes als die brasilianische Legende Pele wertschätzte: "Jaschin war der beste Torhüter, den die Welt gesehen hat."

Dass der Schlussmann der Sbornaja den Goldenen Ball erhielt, lag nicht unwesentlich an seinem sensationellen Auftritt mit einer Weltauswahl in London gegen England. Der englische Fußballverband FA feierte seinen 100. Geburtstag mit einem Spiel der englischen Nationalelf gegen den "Rest der Welt". Jaschin hütete zwar nur in der ersten Halbzeit den Kasten, hinterließ aber in diesen 45 Minuten mit phantastischen Reflexen einen nachhaltigen Eindruck. Die internationale Presse taufte ihn "Schwarzer Panther" oder "Schwarze Spinne": "Jaschin hechtet gar nicht, er schwebt, schwerelos. Wie ein Astronaut."

Der Routinier präsentierte sich 1963 in der Form seines Lebens. Damit weckte Jaschin auch in der westlichen Welt Begehrlichkeiten. Real Madrids mächtiger Boss Santiago Bernabeu wollte ihn kaufen. Frei nach dem Motto: Koste es, was es wolle. Doch das war für den bodenständigen Jaschin, der 18 Jahre das Tor von Dynamo Moskau hütete keine wirkliche Option. Außerdem kam vom sowjetischen Verband umgehend das erwartete "Njet".

Bei einer Südamerika-Tournee 1961 taxierte die argentinische Zeitung "Clarin" nach einem 2:1-Erfolg der Sowjetunion den Marktwert der gegnerischen Spieler: "Meschi drei Millionen Cruzeiros, Metreweli drei Millionen Cruzeiros, Jaschin unbezahlbar." Vor allem die drei WM-Teilnahmen 1958, 1962 und 1966 sowie der EM-Titel 1960 machten den 78-fachen sowjetischen Nationalspieler auch im Westen bekannt. Bestsellerautor Hans Blickensdörfer urteilte: "Seine Extraklasse erlaubte es Jaschin, in einem Land, das den Individualismus ablehnte, sich vom Kollektivdenken zu befreien."

Sein Erfolgsrezept? Eine Zigarette für die Nerven, ein Wodka für die Muskeln. Ob Legende oder nicht: Auf jeden Fall passte auch bei der WM 1966 in England Lew Jaschin nicht in das weit verbreitete Klischee des Roboterkollektivs aus dem Ostblock. Jaschin spielte mit fast 37 Jahren ein überragendes Turnier. Erst im Halbfinale sorgte Franz Beckenbauer mit einem trockenen Schuss für den 2:1-Sieg der BRD. Zwei Jahre später, 1968, lernten sich Jaschin und Beckenbauer bei einer Partie der Weltauswahl in Rio etwas näher kennen. "Jaschin kam mit ein paar Dosen Kaviar und einer Flasche Wodka unterm Arm aufs Zimmer", erinnerte sich Beckenbauer noch Jahre später: "Wir hatten einen lustigen Abend."

Mit dem Rauchen begann Jaschin bereits als Moskauer Junge, während des Zweiten Weltkriegs. Er rauchte später vier Päckchen am Tag. Von diesem Laster kam er nicht mehr los. Ein sogenanntes Raucherbein brachte ihn in akute Lebensgefahr. 1985 wurde ihm das rechte Bein amputiert. Als im Sommer 1989 zu Jaschins 60. Geburtstag eine Weltauswahl nach Moskau eingeladen wurde, wussten alle, dass es nicht mehr viele Feste mit Lew Jaschin geben wird. Da war nichts mehr von der strotzenden Vitalität, die ihn über Jahrzehnte auszeichnete, zu spüren. Alle kamen: Beckenbauer, Englands WM-Kapitän Bobby Charlton, Portugals Sturmlegende Eusebio und der brasilianische WM-Spielführer Carlos Alberto.

Blickensdörfer fing die Atmosphäre in melancholischen Sätzen ein: "Herrliche Freundschaftsgrüße an Lew Jaschin, der weint, weil er spürt, dass alles nur ihm gilt, und dass aus dem Krater des Dynamo-Stadions in Moskau die Seele des großen Spiels für ihn steigt. Und alles war umrahmt mit Volkstänzen, auch mit der Kalinka, zu der Lew Jaschin, der 1990 in Moskau starb, zu Lebzeiten noch mit seinen Krücken den Takt schlug." Die Weltstars verlangten keine Gage, der Jubilar übergab den Erlös den Kindern von Tschernobyl. Auch das war Jaschin.

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