Rücktritt von Özil: Ausgespielt

Der Rücktritt von Mesut Özil aus der Fußball-Nationalmannschaft war ein Paukenschlag. Seine Erklärung per Twitter - auf Englisch - hat auch am Tag danach heftige und kontroverse Reaktionen ausgelöst. Sündenbock wolle er nicht sein. Dem DFB warf er Rassismus vor.

Chemnitz.

Mesut Özil ist in aller Munde. Sein Rücktritt vom Sonntag spaltet die Republik. Vorbei die Zeiten, als Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit halbnackten Fußballern in der Kabine stand und dem schüchternen Özil die Hand drückte. Das war 2010 nach einem 3:0-Sieg der Elitekicker gegen die Türkei im Berliner Olympiastadion. Özil hatte zuvor eine tolle WM in Südafrika gespielt und stand in Diensten des königlichen Real Madrid.

Tausende türkische Anhänger hatten ihn damals im Olympiastadion bei fast jedem Ballkontakt gnadenlos ausgepfiffen, weil er sich ein Jahr zuvor für die deutsche Nationalmannschaft entschieden hatte. Nun ist sein Einsatz für Deutschland Geschichte. Nach 92 Länderspielen.

Angela Merkel ist Özil-Fan geblieben. Am Montag lobte sie ihn als großartigen Fußballer und dankte ihm für seine Verdienste für die deutsche Nationalelf. Aber selbst im Kabinett war die Reaktion auf Özil unterschiedlich. Eine Sprecherin von Innenminister Horst Seehofer, der auch für Sport zuständig ist, reagierte zurückhaltend. Seehofer wolle sich in diese internen Angelegenheiten nicht einmischen. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) fand klare Worte: Der Fall "eines in England lebenden und arbeitenden Multimillionärs" gebe "keine Auskunft über die Integrationsfähigkeit in Deutschland". So kann man das auch sehen.

Oder wie die AfD: "Mit seiner Abschiedstirade erweist sich Mesut Özil leider als typisches Beispiel für die gescheiterte Integration von viel zu vielen Einwanderern aus dem türkisch-muslimischen Kulturkreis", sagte die Vorsitzende der Bundestagsfraktion, Alice Weidel.

Gibt es noch ungeteilte Freude über Özil? Ja, gibt es noch: beim englischen Premier-League-Verein FC Arsenal. Der freute sich demonstrativ über Özils Rückkehr nach der WM-Pause. "Es ist toll, dich wieder bei uns zu haben", schrieb der Verein am Montag auf Twitter. Der 29-Jährige hat zurzeit auch geografisch Abstand zur Debatte in Deutschland. Am Montag traf er mit seinem Team zu Gastspielen in Singapur ein.

Vielleicht hat er aber noch die beißende Kritik von Uli Hoeneß, Präsident des Bayern München, mitbekommen. Hoeneß freut sich über den Rückzug des DFB-Spielmachers - und zwar aus rein "sportlichen Gründen", wie er am Montag kurz vor Abflug des FC Bayern in die USA am Münchner Flughafen erklärte. Dann ließ er eine seiner typischen Wutreden vom Stapel: Unter anderem vom "Alibikicker Özil" sprach der streitbare FCB-Präsident. Özil habe "sportlich schon lange nichts mehr in der Nationalmannschaft verloren" und sei auch nur "von den anderen" durchs WM-Finale 2014 getragen worden - nun verstecke sich der Arsenal-Profi hinter dem Eklat um sein Erdogan-Foto, giftete Hoeneß. "Der hat doch einen Dreck gespielt, einen Dreck seit vielen Jahren. Und jetzt sind der Grindel und der Löw und der Bierhoff schuld."

Das dürfte ganz im Sinne von Mario Basler, Ex-Fußballer und wegen seiner Sprüche gern gebuchter Talk-Gast im Fernsehen, gewesen sein. Der hatte vor Wochen nach der Mexiko-Pleite das Feuer auf Özil eröffnet: "Ein Özil, seine Körpersprache ist die von einem toten Frosch. Das ist jämmerlich", ätzte Basler in der Sendung "Hart aber fair". Am Montag schrieb er: "III/III - Mach's gut, Mesut!" Mit den römischen Zahlen bezog Basler sich auf die drei aufwendigen Erklärungen, die Özil zuvor auf seinen Social-Media-Kanälen verbreitet hatte. Auch Özil hatte die Mitteilungen mit römischen Zahlen versehen. Baslers Stichelei kam bei vielen Fans jedoch alles andere als gut an. Sie nahmen Özil in Schutz. Unter Baslers Tweet gab es eine regelrechte Flut von wütenden Kommentaren. Ein Nutzer schrieb sarkastisch: "Mach's gut, Mario, viel Spaß beim Spielen in unzähligen unterklassigen C-Promi-Benefizspielen! Egal wie groß deine Klappe ist, du hast in deinem Leben nicht ansatzweise das erreicht, was Özil uns Deutschen gegeben hat."

An den fußballerischen Qualitäten Özils schieden sich von Anfang an die Geister. Er war und ist aber ein Spieler, der den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachen kann. Auch deshalb war er immer Trainer-Liebling. Nicht nur bei Bundestrainer Joachim Löw. "Es gibt keine Kopie von Özil, nicht mal eine schlechte", sagte José Mourinho einst bei Real Madrid. Und Arsène Wenger, Özils langjähriger Trainer bei Arsenal, stellte fest: "Wer Özils Spiel nicht liebt, liebt den Fußball nicht." Können diese drei erfolgreichen und erfahrenen Trainer irren?

Özil hatte sich am Sonntagabend, 71 Tage nach den umstrittenen Erdogan-Fotos, in der Öffentlichkeit erklärt. Ein Kommunikationsdesaster, sagen Experten. Wer hat Özil eigentlich beraten?

Özil wurde zum millionenschweren Weltstar und damit zu einer öffentlichen Person. Er hatte sein Hobby zum Beruf gemacht und führte trotzdem als Schattenseite auch ein Leben, das er nie führen wollte. Und in dem er sich sichtlich unwohl fühlte. Auch deshalb gab er alles, was abseits des Rasens spielte, oft allzu willfährig in fremde Hände.

Und alle, mit denen er auf diese Weise zusammenarbeitete, hatten anderes mit ihm vor. Sein Vater Mustafa verhandelte im Namen seines damals gerade den Juniorenteams entwachsenen Sohnes so hart, dass Özil im Boulevard als "Raffzahn" tituliert wurde. Schalke 04 kann ein Lied davon singen. Später trennten sich Vater und Sohn beruflich im Streit, persönlich ist der Kontakt bis heute angespannt.

Danach hatte Özil verschiedene Berater. Seit einiger Zeit ist es Erkut Sögüt mit der Firma "Özil Management", zu der auch Bruder Mutlu Özil und Cousin Serdar gehören. Sögüt, ein promovierter Sportjurist und lizenzierter Spielerberater aus Hannover, wird zugleich als Team-Mitglied bei der Agentur ARP Sportmarketing geführt. Deren Geschäftsführer ist Harun Arslan, der Berater des Bundestrainers. Das machte alle Löw-Entscheidungen zu Özil zuletzt immer brisanter.

Medienarbeit war für ihn immer eine regelrechte Qual. Özil mag wenig über sich erzählen, auch und gerade nicht über die beiden Herzen, die als Deutschtürke in seiner Brust schlagen. Denn auch Botschafter war nicht seine Rolle. Sein persönliches Handeln war geprägt von einer Devise: Er wollte es immer allen recht machen. Selbst in seiner Erklärung vom Sonntag fehlen immer noch Einsicht bezüglich des Fehlers und Distanzierung von der Politik Erdogans. Die Erklärungen hat er offenbar nicht selbst verfasst, aber abgesegnet. Aus eigenem Antrieb hätte er diesen Vorstoß kaum gewagt. Sein Denken, seine Enttäuschung und seinen Frust dürften sie aber gut widerspiegeln. (mit dpa)

Bewertung des Artikels: Ø 3 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...