VfL Wolfsburg zu Gast bei Frankreichs früherem Stolz

AS Saint-Etienne ist aktuell nur Tabellenvorletzter in Frankreich, aber trotzdem einer der wichtigsten Clubs im Land des Weltmeisters. Dort wird der VfL Wolfsburg am Donnerstag viel Geschichte, viel Atmosphäre und ein wichtiges Europa-League-Spiel erleben.

Saint-Etienne (dpa) - Beim nächsten Europa-League-Gegner des VfL Wolfsburg wissen sie genau: Ihnen bleibt nicht mehr viel Zeit.

Noch ist AS Saint-Etienne mit zehn Titeln der Fußball-Rekordmeister Frankreichs. Doch wenn Paris Saint-Germain mit seinem deutschen Trainer Thomas Tuchel so weitermacht, dann ist es in zwei Jahren damit vorbei. Dann wird Saint-Etienne einen Beinamen streichen müssen, den es mehr als 40 Jahre lang so stolz getragen hat.

PSG auf der einen, ASSE auf der anderen Seite: Das ist ein Lehrstück über den modernen Fußball. Mit sehr viel Geld aus Katar gewann Paris in den vergangenen sieben Saisons sechs Meisterschaften. Der letzte Triumph von Saint-Etienne und seinem damaligen Star Michel Platini liegt dagegen schon 38 Jahre zurück. Danach folgten im Zeitraffer: Ein Steuerskandal, drei Abstiege, die Rückkehr ins obere Drittel der Ligue 1 und eine durch nichts zu erschütternde Leidenschaft der Fans für ihren Club. Vor dem Spiel gegen Wolfsburg (Donnerstag, 18.55 Uhr/DAZN) sind die «Verts» (die Grünen) mal wieder nur ein Verein mit großer Vergangenheit und trister Gegenwart, denn trotz ihres jüngsten 1:0-Erfolgs in Nimes sind sie in der Tabelle nur Vorletzter.

Für einen wird Saint-Etienne immer eine große Adresse bleiben. Wolfsburgs Kapitän Josuha Guilavogui wurde dort ab dem 15. Lebensjahr in der Nachwuchsakademie ausgebildet. Um Familie und Freunde bei seiner Rückkehr nach Frankreich um sich zu haben, hat der 29-Jährige für dieses Spiel 70 Eintrittskarten und eine Stadionloge geordert.

«Ich habe mit Saint-Etienne alles erlebt. Ich war dort in der Akademie, bin Profi und Nationalspieler geworden und habe dort meinen ersten Titel gewonnen», sagte Guilavogui. «Und jetzt komme ich als Kapitän mit dem VfL zurück. Für solche Momente spielt man Fußball.»

Im Gegensatz zu seinem 3:1-Auftaktsieg gegen PFK Olexandrija wird der VfL diesmal in Saint-Etienne ein richtiges Europacup-Flair erleben. Und das liegt nicht nur daran, dass die Gastgeber nach ihrem 2:3 im ersten Spiel bei KAA Gent bereits sportlich enorm unter Druck stehen. «Die Stimmung ist einzigartig in Saint-Etienne», sagte Guilavogui dem «Kicker». «Es ist für viele in Frankreich das beste Stadion mit der besten Stimmung. Europa League ist für den Verein und die Fans ganz wichtig.» Sie erinnert an die großen Zeiten in den 70er-Jahren.

Im Land des Weltmeisters, so heißt es, gibt es nur drei sogenannte «Fußball-Städte», in denen der lokale Verein das Leben fast aller Bürger prägt. Das ist Marseille im Süden, das kleine Lens ganz weit im Norden - und eben die Arbeiterstadt Saint-Etienne mit ihren rund 170.000 Einwohnern etwa eine Autostunde südwestlich von Lyon.

Auch dass der Fußball in Frankreich im Gegensatz zu Deutschland erst sehr spät populär wurde, geht im Wesentlichen auf nur zwei Mannschaften zurück: Das Nationalteam um Platini, das es zwischen 1982 und 1986 auf einen EM-Titel und zwei WM-Halbfinals brachte. Und auf das große AS Saint-Etienne der 70er-Jahre, das 1976 gegen Bayern München das Endspiel um den Europapokal der Landesmeister verlor. Am Tag nach diesem Finale empfingen tausende Fans das Team nicht etwa in seiner Heimatstadt, sondern auf den Champs Elysées von Paris.

43 Jahre später erlebt dieser Verein wieder aufwühlende Tage. Am Donnerstag spielt er gegen Wolfsburg um den ersten Sieg in der Europa League, am Sonntag in der französischen Meisterschaft gegen den verhassten Nachbarn Olympique Lyon. Um den Job des Trainers Ghislain Printant geht es dabei auch immer noch. Und wenn man sich das alles anschaut - den Platz in der Tabelle, die Autorität des Trainers, die Erfolge der Vergangenheit, die Leidenschaft der Fans: Viel mehr als die Vereinsfarbe Grün sowie zwei Europacup-Abende in diesem Herbst haben der VfL Wolfsburg und AS Saint-Etienne nicht gemeinsam.

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