Vor FIFA-Kongress: Klinkenputzen statt Machtpolitik

Der unausweichliche Rücktritt von Reinhard Grindel von allen seinen Ämtern hat Lücken hinterlassen. Diese treten vor dem FIFA-Kongress schonungslos zutage. In so einer schlechten Position waren deutsche Funktionäre in Zeiten des Profifußballs international noch nie.

Paris (dpa) - Diese Reise nach Paris wird für Reinhard Rauball und Rainer Koch zum unliebsamen Déjà-vu.

Wie bei der überraschenden Inthronisierung von Gianni Infantino zum FIFA-Herrscher vor gut drei Jahren muss die Interims-Doppelspitze auch bei der erwarteten Wiederwahl des Schweizers den deutschen Fußball bei einem Wahlkongress des Weltverbandes als Notlösung vertreten.

Und diesmal ist die internationale Lage des Deutschen Fußball-Bundes nach dem Rücktritt von Ex-Präsident Reinhard Grindel sogar noch prekärer als 2016. Damals hatte der über den Sommermärchen-Skandal gestolperte DFB-Chef Wolfgang Niersbach beim FIFA-Kongress in Zürich zumindest noch seine internationalen Ämter inne.

Der Sitz im UEFA-Exekutivkomitee bleibt nach dem Rücktritt von Reinhard Grindel - wie es die Statuten fordern - bis zum kommenden Frühjahr vakant. Im FIFA-Council hat der Franzose Noel Le Graet zumindest bis März 2020 Einzug gehalten. Das konnten Koch und DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius bei ihrer Reise zum UEFA-Meeting nach Baku in der Vorwoche nicht verhindern.

Deutschland fehlte in dem Gremium für längere Zeit nur zwischen 1998 und 2002, als Gerhard Mayer-Vorfelder fataler Weise davon ausging, dass seine Wiederwahl gegen den Malteser Joseph Mifsud ein Selbstläufer sei. «MV» blieb als Machtmensch und Strippenzieher international aber präsent. Als Niersbach im Sommer 2016 seinen FIFA-Sitz schließlich räumen musste, tat sich Grindel schnell als neuer starker Mann für diese Aufgabe hervor.

In diesen Tagen wird in Paris mit der Präsidentenkür am Mittwoch als Höhepunkt über die Ausrichtung des Weltfußballs von Club-WM bis Champions-League-Reform debattiert. Zudem möchte Infantino mit seiner nonchalanten Art seine Machtstellung manifestieren. Die deutschen Entscheidungsträger sind dabei von den Schalthebeln der Macht so weit entfernt wie nie zuvor.

Eine konkrete Idee, wer künftig international den deutschen Fußball vertreten soll, hat der DFB aber offenkundig noch nicht. Erstmal muss bis zur Präsidiumssitzung am 26. Juli die interne Strukturdebatte geführt und ein Kandidat für das nationale Präsidentenamt gefunden werden. In dem im April ausgelobten DFB-Fahrplan zur Neuaufstellung fand sich kein einziges Wort zu den internationalen Ambitionen. Alles wird davon abhängen, wie der noch nicht benannte starke neue Mann (oder die starke Frau) im DFB, sich positionieren wird.

Zuletzt war es stets das erklärte Ziel, dass der DFB-Chef auch die internationale Ämter anstrebt. Fachlich tun sich aber durchaus andere Optionen auf. So wird der ehemaligen Nationalspielerin Nadine Keßler als Chefin der Abteilung für Frauen-Fußball bei der UEFA internationales Potenzial attestiert.

Infantino verkniff sich bislang eine Äußerung zur deutschen Malaise um Grindel, der zu seinen größten öffentlichen Widersachern gehörte. Hinter den Kulissen soll es bei der FIFA aber jede Menge Spott gegeben haben, dass der sich als Saubermann präsentierende Deutsche über ein Geschenk mit Geschmäckle stolperte. «Die, die ihn wählen, werden sich freuen», hatte Infantino noch vor der Wiederwahl Grindels ins FIFA-Council im Frühjahr mit ironischem Unterton gesagt. Kurioserweise hätte Grindels Mandat bis 2023 am Mittwoch offiziell begonnen.

Rauball, Koch und Curtius werden sich in Paris zunächst orientieren und die deutschen Interessen vorsichtig abstecken müssen. Für forsche Töne gibt es beim EM-Gastgeber 2024 nach dem Grindel-Desaster keine Rechtfertigung. Nicht einmal zu einer Wahlaussage pro oder contra Infantino, mit der man ein Signal setzen könnte, konnte man sich bislang durchringen. Offenbar will die deutsche Fraktion beim Exkurs im Klinkenputzen erst die Meinungsströmungen bei den europäischen Kollegen prüfen.

Wie schnell Allianzen im internationalen Funktionärsgeschäft hinfällig sein können, machten jüngste Aussagen von UEFA-Chef Aleksander Ceferin deutlich, für den Grindel immer wieder den Ausputzer bei brisanten FIFA-Fragen gespielt hatte. Als der Deutsche moralisch nicht mehr im Amt zu halten war, wurde er zu einem Gespräch gebeten: «Wir haben uns getroffen und die Sache innerhalb einer Viertelstunde geklärt. Ich habe ihm meine Meinung gesagt, und er hat mir zugestimmt», berichtete der Slowene im «Spiegel».

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